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Werkseintrag · Mutmassungen über Jakob
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Cover Mutmassungen über Jakob
Mutmassungen über Jakob
1959
– Werkseintrag –

Mutmassungen über Jakob

1959 · Roman

Ein Bahnbeamter stirbt im Nebel auf den Gleisen, und aus lauter Vermutungen über sein Ende entsteht ein Bild des geteilten Deutschlands.

Überblick

Der Roman Mutmaßungen über Jakob von Uwe Johnson erschien 1959. Das Werk gilt als sprachlich neuartig und begründete den Ruhm seines Autors. Es verbindet die Frage nach dem rätselhaften Tod eines Mannes mit einem Bild des geteilten Deutschlands zur Zeit des Kalten Krieges. Erzählt wird nicht geradlinig, sondern in Rückblenden, Gesprächen und Vermutungen verschiedener Stimmen. Uwe Johnson wurde durch dieses Buch als „der Dichter der beiden Deutschland“ bekannt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Am Anfang steht der Tod des Reichsbahnbeamten Jakob Abs, der in seinem Wohnort an der Elbe im Nebel beim Überqueren der Gleise von einer Lokomotive erfasst wird. Von diesem Ereignis aus rollt der in fünf Teile gegliederte Roman das Geschehen rückwärts auf. Der Erzähler stellt Mutmaßungen an: War es ein Unfall, ein Selbstmord oder ein Mord?

Jakob wurde 1928 in Hinterpommern geboren. Am Ende des Zweiten Weltkriegs floh er mit seiner Mutter vor der heranrückenden Roten Armee und fand im fiktiven Ort Jerichow an der mecklenburgischen Ostseeküste Aufnahme beim Kunsttischler Heinrich Cresspahl und dessen Tochter Gesine. Man lebte dort wie in einer Familie zusammen.

Die Haupthandlung spielt im Spätherbst 1956, zur Zeit des Ungarischen Volksaufstands und der Sueskrise. Jakob lebt in der DDR und arbeitet bei der Reichsbahn. Gesine hat das Land verlassen und arbeitet im Westen. Ein Hauptmann der Stasi namens Rohlfs beschattet die Beteiligten und versucht, Gesine für seine Zwecke zu gewinnen. Zwischen persönlicher Bindung und politischem Druck geraten die Figuren in eine Lage, in der jede Entscheidung Folgen hat. Der Roman lässt sich gefahrlos vor der Lektüre lesen, weil er seine Fragen offenhält.

Die Handlung im Detail

Zu Beginn stirbt der Reichsbahnbeamte Jakob Abs, der als Dispatcher arbeitet. In seinem Wohnort, einer ungenannten Stadt an der Elbe – laut Johnson „zwischen, und an Stelle von, Wittenberge und Magdeburg anzunehmen“ –, wird er im Nebel beim Überqueren der Gleise von einer Lokomotive zerquetscht. Dieser Tod begründet die anschließend aus der Rückschau geschilderten Ereignisse und die Mutmaßungen des Erzählers über Jakob und sein Ende: Unfall, Selbstmord oder Mord?

Der erste Teil erzählt die Vorgeschichte. Jakob Abs, 1928 in Hinterpommern geboren, gelangte am Ende des Zweiten Weltkriegs mit seiner Mutter auf der Flucht vor der Roten Armee in den fiktiven Ort Jerichow an der mecklenburgischen Ostseeküste. Dort fanden beide Aufnahme beim Kunsttischler Heinrich Cresspahl und seiner Tochter Gesine und lebten mit ihnen wie in einer Familie zusammen.

Die Haupthandlung spielt im Spätherbst 1956, zwischen dem 7. Oktober und dem 10. November, zur Zeit der beginnenden Entstalinisierung im Ostblock, des Ungarischen Volksaufstands und der Sueskrise. Gesine hat die DDR bereits drei Jahre zuvor nach einem Verhör durch den Stasi-Hauptmann Rohlfs verlassen. Als auch Jakobs Mutter das Land verlässt, wird Jakob am folgenden Tag von Rohlfs zu einem Gespräch geladen. Rohlfs hat den Auftrag, Gesine, die bei der NATO als Dolmetscherin arbeitet, für Spionagezwecke zu gewinnen.

Als Gesine im Oktober illegal Jakob besucht und mit ihm zu ihrem Vater nach Jerichow reist, verwickelt Rohlfs sie in ein Gespräch aus Drohungen und Grundsatzfragen. Er redet über die Vorteile des sozialistischen Systems gegenüber dem kapitalistischen und über die Pflicht eines Staatsbürgers, die DDR gegen ihre Feinde zu unterstützen. Rohlfs beschattet alle Beteiligten während der gesamten Handlung. Dennoch überlässt er, im Vertrauen auf seine Argumente, Gesine und Jakob die Entscheidung.

In Jerichow trifft man auf eine weitere Hauptfigur, den wissenschaftlichen Assistenten für Anglistik Dr. Jonas Blach. Dieser hatte Gesine im Frühjahr in Berlin kennengelernt und mit ihr eine Affäre begonnen, obwohl sie eigentlich nur Jakob liebt. Nach einer Rede bei einer akademischen Veranstaltung in Berlin über notwendige demokratische Reformen in der DDR will Blach seine Gedanken in Cresspahls Haus in Ruhe zu Papier bringen und mit Hilfe der Freunde ins Ausland schleusen.

Gesine kehrt nach Westdeutschland zurück. Kurz darauf reist Jakob mit Rohlfs' Billigung ebenfalls dorthin, um seine Mutter im Flüchtlingslager zu besuchen. Gesine hat inzwischen ihre Stelle bei der NATO gekündigt und produziert einen Radiosprachkurs Deutsch für amerikanische Soldaten. Trotz seiner Liebe zu ihr kehrt Jakob schon nach einer Woche in die DDR zurück, enttäuscht vom Leben in der Bundesrepublik und durch die britische Besetzung des Suezkanals in seiner Meinung über den Kapitalismus bestätigt.

Am Tag seiner Rückkehr wird Jakob auf dem Weg zum Stellwerk von einer Rangierlok erfasst und getötet. Gesine erhält von Rohlfs mehrmals freies Geleit und führt mit ihm in Berlin ein rückblickendes Gespräch. Blach dagegen, dessen Essay dem Außenministerium der Vereinigten Staaten in die Hände gespielt wurde, lässt Rohlfs wegen Kriegs- und Boykotthetze verhaften.

Stil

Kennzeichnend für das Werk ist seine ungewöhnliche Erzählform. Die Handlung ist in fünf Teile gegliedert und wird nicht geradlinig erzählt, sondern vom Tod Jakobs aus in der Rückschau. An die Stelle einer sicheren Erzählerstimme treten Mutmaßungen: verschiedene Perspektiven, Dialoge und innere Überlegungen fügen sich zu einem Bild, das offen bleibt. Wegen dieser Machart wird das Buch als Dialog- und Montageroman beschrieben.

Über die Sprache wurde von Anfang an gestritten. Manche Leser empfanden sie als gesucht und dunkel, andere hoben ihre poetische Wirkung hervor. Für die einen war sie ein sprachliches Kunstwerk von großer Meisterschaft, für die anderen eine Ansammlung von Manierismen. Gerade diese Widersprüchlichkeit gehört zum eigenen Ton des Romans.

Rezeption

Die westdeutsche Literaturkritik würdigte das Werk überwiegend als sprachlich innovativ und herausragend. Jürgen Becker schrieb, Uwe Johnson habe zwei Romane geschrieben, „die in der deutschen Literatur heute keinen Vergleich finden“. Günter Blöcker prägte für Johnson das Wort vom „Dichter der beiden Deutschland“. Hans Bunge nannte das Buch 1964 ein sprachliches Kunstwerk und bezeichnete seine stilistische Meisterschaft als unbestritten. 1960 wurde der Roman mit dem Fontane-Preis der Stadt Berlin ausgezeichnet.

Es gab auch Widerspruch. In der DDR bemängelten Rezensenten wie Hermann Kant und Peter Hacks sowohl Johnsons eigenständige, undogmatische Haltung als auch seine Sprache. Im Westen beobachteten Autoren wie Hermann Kesten, Kasimir Edschmid oder Karlheinz Deschner schlechtes Deutsch und sinnlose Manierismen, während andere wie Herbert Kolb und Hugo Steger gerade die poetische Funktion dieser Merkmale betonten. Noch 2011 erklärte der Journalist Alan Posener in der „Welt“ den Roman für missglückt: Die Sprache sei streckenweise gesucht-dunkel.

Bei der Herausgabe der Werkausgabe 2017 erschienen dagegen begeisterte Besprechungen. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hieß es, das Buch heute noch einmal zu lesen sei eine Offenbarung, es wirke „wie aus der Zukunft geschrieben“. Die „Frankfurter Rundschau“ urteilte ähnlich und sah den Roman an Gegenwart sogar noch gewinnen. Im Osten des Landes war er erst nach dem Mauerfall erschienen. Der Hessische Rundfunk produzierte 1984 eine Lesung in 21 Folgen mit Gert Haucke als Sprecher.

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