Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Uwe Johnson
Eingang · Autoren · Uwe Johnson
Porträt Uwe Johnson
Uwe Johnson
1934 – 1984
– Autorenporträt –

Uwe Johnson

1934 – 1984 · 49 Jahre

Uwe Johnson zählt zu den bedeutenden deutschen Erzählern der Nachkriegszeit, der in Romanen wie „Mutmaßungen über Jakob“ und dem vierbändigen „Jahrestage“ private Schicksale mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts verknüpfte.

Kurzporträt

Zu den bedeutenden deutschen Erzählern der Nachkriegszeit zählt Uwe Johnson, geboren am 20. Juli 1934 in Cammin in Pommern. Er gehörte der Gruppe 47 an und gilt als literarischer Chronist der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, der private Schicksale mit dem historischen Wandel verknüpfte. Sein Werk kreist immer wieder um die deutsche Teilung, die er selbst durch die Übersiedlung von Ost nach West erlebte. Zwei seiner Romane gehören zum Kanon der modernen Literatur: der Debütroman Mutmaßungen über Jakob von 1959 und das vierbändige Hauptwerk Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl (1970–1983). Er starb im Februar 1984 im englischen Sheerness.


Biografie

Aufgewachsen ist Uwe Johnson im pommerschen Anklam. Sein Vater war Diplom-Landwirt, arbeitete als Gutsverwalter und später als Molkerei-Prüfungsbeamter beim Reichsnährstand. Der Geburtsort Cammin erklärt sich allein aus der dortigen Geburtsklinik; die Familie wohnte in Anklam. Dort besuchte Johnson die Cothenius-Schule. Im Sommer 1944 wechselte er auf die Deutsche Heimschule in Kosten bei Posen, ein nationalsozialistisches Internat, bis zu deren Auflösung im Januar 1945.

Ende April 1945 floh die Familie vor der Roten Armee nach Mecklenburg, zunächst zu Verwandten in Recknitz bei Güstrow. Johnsons Vater wurde von den Sowjets verhaftet, im Speziallager Fünfeichen gefangen gehalten und schließlich in die Sowjetunion deportiert, wo er 1947 starb. Die Mutter zog mit Uwe und seiner jüngeren Schwester Elke nach Güstrow. Dort beteiligte sich Johnson am evangelischen Jugendkreis und war in der Freien Deutschen Jugend aktiv. So erlebte er in der Schule den Wechsel von nationalsozialistischer zu sozialistischer Indoktrination. 1950 wurde er Zeuge eines Schauprozesses in Güstrow, bei dem Mitschüler zu Zuchthausstrafen verurteilt wurden. 1952 legte er an der John-Brinckman-Oberschule die Reifeprüfung ab.

Von 1952 bis 1956 studierte Johnson Germanistik, zunächst in Rostock. Im Mai 1953 geriet er in Rostock in heftige Auseinandersetzungen mit der FDJ- und SED-Leitung der Universität: Als er zur Unterstützung einer Verleumdungskampagne gegen die evangelische Junge Gemeinde aufgefordert wurde, warf er der DDR-Regierung öffentlich Verfassungsbruch vor. Man relegierte ihn zunächst, ließ ihn nach dem 17. Juni 1953 aber wieder zum Studium zu. 1954 wechselte er nach Leipzig, um bei Hans Mayer zu studieren; Philosophie hörte er dort bei Ernst Bloch. 1956 schloss er das Studium als Diplom-Germanist mit einer Arbeit über Ernst Barlachs Romanfragment Der gestohlene Mond ab. Das lange verschollene Exemplar dieser Abschlussarbeit wurde im Sommer 2024 wiederentdeckt.

Nach dem Studium war Johnson arbeitslos. Seinen ersten Roman, Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953, hatte er bereits fertiggestellt, doch die DDR-Verlage zensierten ihn und auch der Suhrkamp Verlag lehnte ab; das Buch erschien erst 1985 aus dem Nachlass. Johnson lebte von Verlagsgutachten und Gelegenheitsarbeiten. Gemeinsam mit dem Sprachwissenschaftler Manfred Bierwisch übertrug er das Nibelungenlied in neuhochdeutsche Prosa. 1956 flüchtete seine Mutter nach West-Berlin. Johnson blieb zunächst in der DDR und zog erst 1959 nach West-Berlin – im selben Jahr, in dem sein Roman Mutmaßungen über Jakob bei Suhrkamp erschien. Er war der erste Autor, den Siegfried Unseld nach dem Tod Peter Suhrkamps entdeckte; 1962 wurde Unseld sein Trauzeuge.

Der Roman wurde enthusiastisch aufgenommen, und Johnson wurde zur Gruppe 47 eingeladen. Im Oktober 1959 lernte er auf Schloss Elmau Ingeborg Bachmann kennen. 1961 bereiste er die USA. 1962 hielt er sich mit einem Stipendium in der Villa Massimo in Rom auf und heiratete Elisabeth Schmidt, mit der er eine Tochter bekam. In Rom lernte er Max Frisch kennen; mit ihm verband ihn von 1964 bis 1983 ein freundschaftlicher, aber nicht reibungsloser Briefwechsel. Von 1966 bis 1968 lebte die Familie in New York. Dort arbeitete Johnson zunächst als Schulbuchlektor beim Verlag Harcourt, Brace & World und stellte ein deutschsprachiges Lesebuch für die High School zusammen. Das zweite Jahr finanzierte ihm ein Stipendium der Rockefeller Foundation. In dieser Zeit begann die Arbeit an den Jahrestage-Roman, und er schloss neue Freundschaften, unter anderem mit Hannah Arendt.

Während seiner Abwesenheit hatte Johnson seine West-Berliner Arbeitswohnung untervermietet. Im Februar 1967 zogen dort Mitglieder der Kommune I ein, was er erst aus der Zeitung erfuhr; in der Wohnung wurde das „Pudding-Attentat“ auf US-Vizepräsident Humphrey geplant. Sein Freund Günter Grass ließ die Wohnung räumen. Ab 1969 war Johnson Mitglied des P.E.N.-Zentrums und der Akademie der Künste in West-Berlin, deren Vizepräsident er 1972 wurde. 1970 erschien der erste Band der Jahrestage, gefolgt von Band 2 (1971) und Band 3 (1973). 1971 erhielt er den Georg-Büchner-Preis. Ab 1974 lebte er in Sheerness auf der Insel Sheppey in Kent. 1977 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 1979 hielt er die Frankfurter Poetik-Vorlesungen, deren Text 1980 unter dem Titel Begleitumstände erschien.

Den vierten Band der Jahrestage konnte Johnson nach einer schweren privaten und kreativen Krise erst 1983 vollenden. 1978 hatte sich seine Frau von ihm getrennt; er hatte ihre frühere Liebesbeziehung zu einem Prager Mozart-Forscher nicht verwinden können und war überdies irrtümlich überzeugt, es handle sich bei diesem um einen Geheimagenten. Eine Lesereise zur Vollendung der Jahrestage brach er 1983 aus gesundheitlichen Gründen ab. Im Februar 1984 starb Johnson in Sheerness an Herzversagen, vermutlich bedingt durch Alkohol und Medikamente; er wurde 49 Jahre alt. Das genaue Todesdatum ist umstritten: Die Wikidata-Datenbank nennt den 24. Februar 1984, während andere Quellen von der Nacht vom 23. auf den 24. Februar ausgehen. Seine Leiche wurde erst Wochen später gefunden. Begraben ist Johnson auf einem Friedhof bei Sheerness.


Literarische Merkmale

Kennzeichnend für Johnsons Schreiben ist die Zurücknahme des allwissenden Erzählers. Statt eine Geschichte von oben herab zu berichten, lässt er verschiedene Stimmen zu Wort kommen. In Mutmaßungen über Jakob etwa entwerfen Freunde, eine Freundin und ein Hauptmann der Staatssicherheit in Gesprächen und Monologen ihr jeweiliges Bild vom gestorbenen Eisenbahner Jakob, um herauszufinden, wer er war und wie er zu Tode kam. Diese Vielstimmigkeit prägt auch die Jahrestage, wo dänische und englische Einsprengsel den Text durchziehen. Eine besondere Rolle spielt die niederdeutsche Sprache.

Auffällig ist die parataktische Reihung von Hauptsätzen: Johnson stellt Sätze nebeneinander, statt sie kunstvoll zu verschachteln. In den Jahrestage setzt er zudem umfangreich Zitate aus der New York Times ein und spiegelt so die unmittelbare Gegenwart seiner Figur Gesine Cresspahl, die mit ihrer Tochter Marie in Manhattan lebt und ihr die Geschichte der Vorfahren erzählt – „für wenn ich tot bin“.

Sprachliche Präzision und Genauigkeit der Beschreibung verbinden sich bei Johnson mit feinem Humor und leiser Ironie. Bei der Analyse einer Szene aus Goethes Die Wahlverwandtschaften etwa schrieb er: „Nachdem die Dame an Bord gegangen ist, lässt ein Komma sie innehalten.“ Durch die Wiederaufnahme von Figuren und Episoden aus früheren Werken stiftete er einen zusammenhängenden Kosmos für sein gesamtes Schaffen.


Rezeption

Von Anfang an ließ sich die Aufnahme von Johnsons Texten nicht vom Kalten Krieg trennen. Sein zweiter Roman, Das dritte Buch über Achim (1961), wurde als Buch zum Mauerbau gelesen: Ein westdeutscher Journalist scheitert in der DDR am Versuch, die Biografie eines ostdeutschen Radrennfahrers zu schreiben. In der Folge legte sich die Kritik auf das Etikett „Dichter der beiden Deutschland“ fest. Weitere Arbeiten festigten diesen von Johnson ungeliebten Ruf, so der Roman Zwei Ansichten, in dem der Mauerbau ein Liebespaar in Ost und West trennt.

Auch nachdem Johnson seinen Blick thematisch längst erweitert hatte und in New York und England lebte, nahm man ihn in der Bundesrepublik über Jahrzehnte vor allem als Autor der deutschen Teilung wahr. In der DDR hingegen reduzierte man ihn bis zu seinem Tod auf den „Republikflüchtling“. Erst danach durfte sein Werk dort literarisch besprochen und in Teilen verlegt werden: 1989 wurde mit dem Band Eine Reise wegwohin und andere kurze Prosa zum ersten Mal offiziell Prosa Johnsons in der DDR verfügbar.

Sein Werk wurde vielfach geehrt, unter anderem 1971 mit dem Georg-Büchner-Preis. Die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit ihm hält an. Seit 2006 beziehungsweise 2010 widmen sich das Uwe-Johnson-Literaturhaus in Klütz und die Uwe Johnson-Gesellschaft in Rostock der Erschließung seines Werks; seit 2017 erscheint eine Werkausgabe. Nach der Deutschen Biographie stellen Johnson-Forscher inzwischen ganz andere Fragen an seine Texte als jene nach dem deutsch-deutschen Thema, auf das er einst abonniert schien.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (12 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten