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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Mutter
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Cover Die Mutter
Die Mutter
1907
– Werkseintrag –

Die Mutter

1907 · Roman

Eine eingeschüchterte russische Arbeiterfrau folgt ihrem Sohn in den politischen Kampf und findet dabei zum ersten Mal ihre eigene Stimme.

Überblick↑

Der Roman Die Mutter von Maxim Gorki erschien zuerst 1906/07 in englischer Übersetzung im New Yorker Appleton Magazine. Die russische Originalfassung folgte 1907. Erzählt wird vom revolutionären Kampf des jungen Arbeiters Pawel. An seiner Seite findet seine Mutter Pelageja Nilowna langsam zum politischen Bewusstsein. Das Buch gilt als der erste und einer der wichtigsten Romane des Sozialistischen Realismus. Es hat das Bild des kämpfenden Proletariats in der Literatur des 20. Jahrhunderts geprägt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In einer russischen Fabrikvorstadt lebt Pelageja Nilowna, eine Arbeiterfrau. Jahrelang hat sie unter ihrem gewalttätigen Mann gelitten. Ihr Sohn Pawel beginnt, sich von der dumpfen Welt seines Vaters abzuwenden: Er liest Bücher, schließt sich politisch denkenden jungen Arbeitern an und steigt in der sozialdemokratischen Bewegung der Vorstadt auf.

Die Mutter beobachtet diesen Wandel zunächst mit Sorge und Unverständnis. Doch je mehr sie miterlebt, wie Pawel und seine Freunde für ihre Überzeugungen einstehen, desto näher kommt sie ihrer Welt. Als das Engagement ihres Sohnes ihn in Konflikt mit der Obrigkeit bringt, gerät auch das Leben der Mutter in Bewegung. Der Roman erzählt, wie aus einer eingeschüchterten, ungebildeten Frau Schritt für Schritt eine politisch denkende Mitstreiterin wird.

Die Handlung im Detail↑

Im ersten Teil schildert Gorki das harte Leben der Arbeiterfrau Pelageja Nilowna, die sehr unter ihrem gewalttätigen Gatten zu leiden hat. Ihr Alltag ist von Armut, Schlägen und stummer Duldung geprägt. In den darauffolgenden Kapiteln rückt die Entwicklung ihres Sohnes Pawel in den Mittelpunkt: Er wird zum Ortsvorsitzenden der sozialdemokratischen Partei in der Vorstadt, in der die Familie lebt. Um ihn sammelt sich ein Kreis junger Arbeiter, die heimlich Schriften lesen und politische Pläne schmieden. Die Mutter, anfangs verunsichert, beginnt diesen jungen Leuten zuzuhören und sie ins Herz zu schließen.

Eine zentrale Rolle spielt der Auftritt am Ersten Mai. Wer die Rote Fahne trägt, gilt als Rädelsführer und wird im Anschluss meist von der Obrigkeit in die Verbannung geschickt. Pawel übernimmt diese Rolle und stellt sich damit offen gegen den Staat. Bereits zuvor wird er wegen einer Flugblattaktion verhaftet. Damit der Verdacht von ihm abgelenkt wird, führt die Mutter seine Aktion weiter und schmuggelt selbst Flugblätter in die Fabrik.

Als Pawel schließlich endgültig vor Gericht gestellt wird, gibt sie nicht auf, sondern setzt sein Werk fort. Am Ende wird auch sie verhaftet. Doch vor ihrer Festnahme gelingt es ihr noch, ein revolutionäres Flugblatt ihres Sohnes an die proletarischen Massen zu verteilen. So mündet die Geschichte der eingeschüchterten Witwe in den offenen Schritt aus der Anonymität in den politischen Kampf.

Stil↑

Gorki erzählt geradlinig und in einer Sprache, die den Alltag der Fabrikarbeiter unmittelbar greifbar macht. Schläge, Schmutz, Erschöpfung und die enge Wohnung der Familie werden mit nüchternem Blick beschrieben. Der Erzähler stellt sich dabei nicht über seine Figuren. Im Mittelpunkt steht die innere Wandlung der Mutter, die schrittweise nachgezeichnet wird: vom ängstlichen Schweigen zur eigenen Stimme. Reden, Versammlungen und Flugblätter geben dem Buch einen ausgeprägt politischen Ton. Immer wieder werden Überzeugungen in längeren Wortwechseln entfaltet. Das Werk gilt als Gründungstext des Sozialistischen Realismus. Damit prägte es ein erzählerisches Muster, das die proletarische Literatur des 20. Jahrhunderts lange bestimmte.

Rezeption↑

Der Roman Die Mutter wurde zu einem der einflussreichsten politischen Romane des 20. Jahrhunderts. Bis heute gilt er als Gründungswerk des Sozialistischen Realismus. Schon früh fand er den Weg in andere Künste. 1926 verfilmte ihn Wsewolod Pudowkin unter demselben Titel und schuf damit einen Klassiker des sowjetischen Stummfilms. Bertolt Brecht griff den Stoff für seine „Lehrstücke“ auf und brachte 1932 eine eigene Bühnenbearbeitung zur Uraufführung. Weitere Bearbeitungen folgten, darunter eine Neuverfilmung von Gleb Panfilow aus dem Jahr 1990. Über die Jahrzehnte hinweg blieb Gorkis Roman ein Bezugspunkt, an dem sich Anhänger wie Kritiker einer politisch verstandenen Literatur abarbeiteten.

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