1903
Nachtasyl
Überblick↑
Mit dem Schauspiel Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe gelang Maxim Gorki 1902 der größte Bühnenerfolg seines Lebens. Das Stück führt in den Keller eines russischen Obdachlosenheims. Es zeigt Menschen, die ganz unten angekommen sind: abgewirtschaftete Adlige, Diebe, eine Prostituierte, einen versoffenen Schauspieler, eine sterbende Frau. Konstantin Stanislawski brachte es am Moskauer Künstlertheater zur Uraufführung. Schon im Januar 1903 folgte die deutsche Erstaufführung am Berliner Deutschen Theater. Im selben Jahr erschien in Wittenberg die autorisierte deutsche Erstausgabe in der Übersetzung von August Scholz. Deren Druck überwachte Gorki persönlich. Das Drama wurde zum Inbegriff eines Theaters, das die Verlorenen der Gesellschaft auf die Bühne hebt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist ein heruntergekommenes Obdachlosenquartier in einer russischen Provinzstadt um die Jahrhundertwende. Der habgierige Wirt Kostylew und seine viel jüngere, harte Frau Wassilissa vermieten den schmutzigen Kellerraum an Menschen, die im Leben gescheitert sind. Unter ihnen sind der Schlosser Kleschtsch und seine todkranke Frau Anna, der heruntergekommene Baron, die Prostituierte Nastja, die sich in Liebesromane flüchtet, der Schauspieler, den der Alkohol zerstört hat, der Spötter Satin und der Mützenmacher Bubnow. Dazu kommt der junge Dieb Waska Pepel. Er hat ein Verhältnis mit der Wirtin, hat sich aber längst in deren jüngere Schwester Natascha verliebt.
In diese vergiftete Welt tritt eines Morgens der alte Pilger Luka. Mit freundlichen Worten und scheinbar einfachen Trostbildern wendet er sich jedem Einzelnen zu: Der Sterbenden verspricht er Frieden, dem Schauspieler eine Heilanstalt, Pepel ein neues Leben in Sibirien. Damit setzt er etwas in Bewegung. Die Bewohner beginnen, an eine andere Zukunft zu denken. Im Hintergrund aber treiben die Eifersucht der Wirtin, die Brutalität ihres Mannes und die Sehnsucht Pepels nach Natascha auf einen Zusammenstoß zu.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Akt spielt am Morgen im Keller. Der Baron verspottet Nastja, die in einem Liebesroman blättert, Kleschtsch und Bubnow ziehen die verwitwete Pelmeni-Verkäuferin Kwaschnja damit auf, dass sie wieder heiraten könnte. Kleschtschs Frau Anna, die ihr Mann brutal geschlagen hat, liegt im Sterben. Der Wirt Kostylew sucht seine Frau Wassilissa, die heimlich ein Verhältnis mit dem Dieb Waska Pepel unterhält. Es geht das Gerücht, Pepel wolle dieses Verhältnis beenden, weil er sich in Wassilissas jüngere Schwester Natascha verliebt habe. Natascha bringt einen neuen Gast: den alten Pilger Luka. Er freundet sich rasch mit den Bewohnern an, kümmert sich um die vergessene Anna und gerät sofort mit der herrischen Wassilissa aneinander. Am Ende des Aktes erscheint der Polizist Medwedew, ein Onkel der beiden Schwestern, gerade als Kostylew herbeistürzt und meldet, Wassilissa habe Natascha verprügelt.
Der zweite Akt spielt am Abend desselben Tages. Satin, der Baron, Schiefkropf und der Tatar spielen Karten und betrügen einander, Bubnow spielt Dame mit dem Polizisten Medwedew. Der Schauspieler will Luka ein altes Lieblingsgedicht aufsagen und erschrickt, weil ihm die Verse durch den Alkohol entglitten sind. Luka tröstet ihn und stellt ihm eine kostenlose, vornehme Entziehungsanstalt in Aussicht; der Schauspieler fasst den Vorsatz, ein neues Leben anzufangen. Auch der sterbenden Anna spricht Luka gut zu, wofür ihn Pepel verspottet und seine Worte Lügen nennt. Pepel gesteht Wassilissa, dass er sie nicht mehr liebt. Sie macht ihm daraufhin ein Angebot: Sie werde ihm Natascha zuführen und ihnen dreihundert Rubel für die Flucht beschaffen – im Gegenzug solle er ihren Mann Kostylew ermorden. Mitten in das Gespräch platzt Kostylew. Es kommt zur Schlägerei, die nur Luka unterbricht, der durch lautes Räuspern verrät, dass er alles mit angehört hat. Er rät Pepel, sich auf keinen Handel einzulassen, sondern mit Natascha nach Sibirien zu gehen und dort neu anzufangen. Kurz darauf stirbt Anna; nur Natascha und Luka berührt es, die übrigen reden über den Verbleib der Leiche und die Kosten des Begräbnisses.
Der dritte Akt spielt nicht mehr im Keller, sondern in einem schmutzigen, mit Unrat bedeckten Hof. Nastja erzählt eine angeblich selbst erlebte Liebesgeschichte, die wohl aus einem ihrer Romane stammt; Bubnow und der Baron spotten, Natascha und Luka hören ihr ernsthaft zu. Daraus entspinnt sich ein Streit über den Wert der Wahrheit. Bubnow verlangt schroffe Aufrichtigkeit; Luka erzählt dagegen von einem Menschen, dessen Lebenshoffnung das "Land der Gerechten" gewesen sei und der sich umbrachte, als ein Gelehrter ihm bewies, dass es dieses Land nicht gebe. Man müsse, so Luka, dem Menschen seinen Glauben lassen. Pepel macht Natascha den Vorschlag, mit ihm nach Sibirien zu gehen; sie willigt nach einigem Zögern ein. Wassilissa und Kostylew belauschen die beiden, verhöhnen Pepel und werfen Luka aus dem Haus – der ohnehin schon vorhatte, nach Kleinrussland weiterzuziehen. Wenig später hört man Geschrei: Wassilissa und Kostylew misshandeln Natascha gemeinsam. Der Schauspieler holt Pepel, der seine Geliebte verteidigen will. Während man Wassilissa von der Schwester losreißt, schlägt Pepel auf Kostylew ein, der unglücklich stürzt und dabei stirbt. Wassilissa triumphiert: Ihr Mann ist tot, der nun verhasste Pepel ist Mörder, und sie drängt höhnisch darauf, ihn zu verhaften. Natascha, von Schmerz überwältigt, glaubt an eine Verschwörung der beiden und sieht sich selbst nur als Werkzeug.
Der vierte Akt spielt wieder im Keller. Kleschtsch, der seine Werkzeuge für Annas Begräbnis hat versetzen müssen, repariert eine Harmonika. Satin, Nastja und der Baron betrinken sich. Luka ist fort, viele trauern dem freundlichen Alten nach. Pepel und Wassilissa sitzen in Untersuchungshaft, Natascha ist nach der Entlassung aus dem Krankenhaus spurlos verschwunden. In dieser Stimmung hält Satin seine berühmte Rede: Lukas tröstende Lügen seien gut für die Schwachen gewesen, aber der freie, stolze Mensch brauche die Wahrheit. Der Baron schwelgt in der ruhmreichen Vergangenheit seiner Familie, bis Nastja ihn auslacht und sich für ihre eigenen Demütigungen rächt; es kommt zum Streit, der Baron droht zu schlagen, Nastja flieht. Der Tatar verrichtet als Muslim sein Gebet, und der Schauspieler bittet ihn, auch für ihn zu beten. Bubnow und Medwedew bringen neuen Schnaps, zu Aljoschkas Harmonika stimmen Bubnow und Schiefkropf ein Lied an. Da tritt der Baron herein und meldet: Der Schauspieler hat sich erhängt.
Stil↑
Gorki führt vier Akte lang fast nur einen einzigen Schauplatz vor: den Keller eines Obdachlosenheims, im dritten Akt einen anschließenden Hof. Es gibt keine eigentliche Hauptfigur. Stattdessen tritt ein vielstimmiges Ensemble von rund einem Dutzend Bewohnern auf, deren Reden, Streitereien und Lieder sich überlagern. Die Sprache ist eine kräftige Alltagssprache mit Spott, Flüchen, Sprichwörtern und derben Anreden. Jede Figur hat ihren eigenen Ton, vom philosophierenden Satin über den sanften Pilger Luka bis zur weinerlichen Nastja. Statt großer Bühnenhandlung herrscht ein Nebeneinander kleiner Szenen: Kartenspiel, Krankenbett, Streitgespräch. Aus ihnen wachsen die Konflikte langsam heraus. Im Zentrum stehen nicht Intrige und Spannung, sondern Gespräche über Wahrheit, Lüge und die Frage, ob ein tröstender Glaube den Menschen rettet oder weiter erniedrigt.
Rezeption↑
Das Drama Nachtasyl wurde zum bekanntesten und erfolgreichsten Stück Gorkis. Die Uraufführung am Moskauer Künstlertheater 1902 unter Konstantin Stanislawski machte Autor und Theater zugleich berühmt. Schon am 23. Januar 1903 brachte Richard Vallentin das Stück am Berliner Deutschen Theater heraus. Im selben Jahr erschien die autorisierte deutsche Erstausgabe in der Übersetzung von August Scholz, gedruckt bei Herrose & Ziemsen in Wittenberg. Gorki reiste eigens an, um den Druck zu überwachen und Korrektur zu lesen. Die Wirkungsgeschichte reicht weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein. Jean Renoir verfilmte den Stoff 1936, Akira Kurosawa 1957. Das Stück gehört bis heute zum festen Repertoire des europäischen Theaters.
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