1931
Nachtflug
Überblick↑
Der Roman Nachtflug von Antoine de Saint-Exupéry erschien im Dezember 1931 bei Gallimard. Im französischen Original trägt er den Titel Vol de Nuit. Es handelt sich um den zweiten Roman des Autors nach Südkurier aus dem Jahr 1929. Saint-Exupéry war selbst Postflieger. In dem Buch verarbeitete er eigene Erlebnisse aus der Pionierzeit der Luftfahrt. Im Mittelpunkt steht eine grundsätzliche Frage: Darf eine Vorschrift, ein strenger Flugplan, höher gewichtet werden als ein einzelnes Menschenleben? Der Roman wurde noch im Erscheinungsjahr mit dem Prix Femina ausgezeichnet. Er zählt zu den bekannten Werken des Autors.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Über Südamerika ist die Nacht hereingebrochen. Mehrere Postflugzeuge sind unterwegs zu ihrem Ziel. Einer der Piloten ist Fabien, der über Argentinien fliegt. Was als Routineflug beginnt, gerät zur Bewährungsprobe. Denn ein heftiges Unwetter zieht auf, mit dem niemand gerechnet hat.
Am Boden sitzt Rivière, der Flugdirektor. Er hat den Nachtbetrieb durchgesetzt, weil die jungen Fluglinien im Wettlauf mit Eisenbahn und Schiff schneller sein wollen. Die Technik ist für nächtliche Flüge aber längst noch nicht ausgereift. Jeder Start bleibt ein unkalkulierbares Wagnis. Rivière verfolgt den Funkverkehr und ringt mit seiner Verantwortung. Auch Fabiens Frau wartet beunruhigt auf Nachricht von ihrem Mann.
Der Roman spielt fast nur in dieser einen Nacht. Er führt tief in die Gedankenwelt des Direktors hinein, der bisher unbedingt an die Einhaltung der Vorschrift geglaubt hat. Und er stellt die Frage, was ein solcher Glaube wert ist, wenn ein Leben auf dem Spiel steht.
Die Handlung im Detail↑
Der Postflieger Fabien gerät in einer Nacht über Argentinien in einen Zyklon, den er nicht vorhergesehen hat. In seiner Maschine kämpft er um sein Leben. Am Boden verfolgt sein Vorgesetzter Rivière den Funkverkehr. Es ist Rivière, der Fabien letztlich zu diesem riskanten Flug veranlasst hat, und im Lauf der Nacht wird er sich seiner Verantwortung als Vorgesetzter immer stärker bewusst. Auch Fabiens Frau verfolgt beunruhigt den Flug ihres Mannes.
Die Lage für Fabien wird zusehends aussichtsloser. Am Ende fliegt er mit fast leerem Benzintank über dem Unwetter, das den gesamten südamerikanischen Kontinent bedeckt. Als er die dichte Wolkendecke durchbricht und über dem Sturm fliegt, erträgt er seine Lage mit Ruhe, beinahe mit stoischer Gelassenheit. Er genießt sogar das Licht der Sterne. Dem Tode geweiht, aber vorläufig dem Sturm entkommen, behält er die Fassung und trägt sein Schicksal mit Würde. Er entspricht damit einer verbreiteten Vorstellung von einem Helden.
Irgendwann bricht der Funkkontakt zum Boden ab. In der Zentrale kann Rivière nur noch berechnen, wann Fabien wohl abstürzen wird. Dieser Flug stellt sein ganzes Weltbild in Frage. Bis dahin hat Rivière an das „Réglement“ geglaubt, an die strenge Einhaltung des Flugplans. Zunächst war er fest überzeugt, dass Fabien unbedingt rechtzeitig ankommen müsse, um die Pünktlichkeit des Anschlussfluges nicht zu gefährden. Nun aber muss er erkennen, dass er Fabien in den Tod geschickt hat, und sein Weltbild bricht zusammen. Über das Innenleben Rivières erfährt der Leser am meisten, denn er stellt in dieser Nacht immer wieder philosophische Überlegungen an.
Das Schicksal Fabiens wird nicht weitererzählt. Doch die Handlung lässt keinen Zweifel daran, dass Fabien sterben wird.
Stil↑
Erzählt wird fast ausschließlich in einer einzigen Nacht. Die Spannung entsteht aus dem Nebeneinander von Himmel und Boden: oben der Pilot im Sturm, unten der Direktor am Funkgerät. Der Roman lebt weniger vom äußeren Geschehen als vom Innenleben seiner Figuren. Am meisten erfährt der Leser über die Gedanken Rivières, der zwischen den Funksprüchen immer wieder ins Grübeln gerät. Seine Überlegungen verdichten sich zu einer Reihe von Sentenzen, etwa: „Es gibt keine Lösungen im Leben. Es gibt Kräfte in Bewegung, die muss man schaffen, die Lösungen folgen nach.“
Dem grübelnden Direktor stellt Saint-Exupéry den ruhigen Piloten gegenüber. Fabien erträgt die Gefahr mit beinahe stoischer Gelassenheit. Sogar im Augenblick höchster Bedrohung nimmt er die Schönheit der Sterne wahr. Aus diesem Kontrast zweier Haltungen gewinnt der Roman seine eindringliche, oft pathetische Wirkung. Die deutsche Erstübersetzung von Hans Reisiger erschien 1932 bei S. Fischer in Berlin. Sie war mit einem Vorwort von André Gide versehen.
Rezeption↑
Mit großem Erfolg wurde der Roman aufgenommen. Schon 1931 erhielt er den Prix Femina. Bereits 1933 entstand eine Verfilmung, unter anderem mit Clark Gable und Helen Hayes.
Es gab jedoch auch Kritik, vor allem aus Pilotenkreisen. Dort wurde über die Rolle der Flieger und die des Direktors diskutiert. Für die Figur Rivières hatte Didier Daurat, der Direktor der französischen Fluggesellschaft, als Vorbild gedient. Vielen erschien die Darstellung zu tragisch und zu heroisch. Diese Kritik traf Saint-Exupéry empfindlich und stürzte ihn in eine neun Jahre andauernde schriftstellerische Krise. Erst 1939 veröffentlichte er mit Wind, Sand und Sterne wieder ein Buch.
Im deutschsprachigen Raum wurde der Stoff mehrfach fürs Hörspiel bearbeitet, von einer frühen Fassung des NWDR aus dem Jahr 1947 bis zu einer Neubearbeitung von Karl Markovics für den ORF im Jahr 2025. Der Komponist Luigi Dallapiccola schuf nach dem Roman die einaktige Oper Volo di notte.
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