1900 – 1944
Antoine de Saint-Exupéry
Kurzbiografie↑
Antoine de Saint-Exupéry (1900–1944) war ein französischer Schriftsteller und Berufspilot. Sein Leben verlief zwischen Cockpit und Schreibtisch. Schon zu Lebzeiten galt er als anerkannter Autor. Er selbst verstand sich aber eher als Flieger, der nebenher schrieb. Seine märchenhafte Erzählung Der kleine Prinz wurde über 140 Millionen Mal verkauft und gehört damit zu den erfolgreichsten Büchern der Welt. Am 31. Juli 1944 verschwand er auf einem Aufklärungsflug über dem Mittelmeer.
Biografie↑
Saint-Exupéry wurde am 29. Juni 1900 geboren. Er war das dritte von fünf Kindern und der erste Sohn von Jean-Marc de Saint Exupéry und Marie Boyer de Fonscolombe La Môle. Als Geburtsort nennt die Deutsche Biographie Lyon, Wikidata präziser das 2. Arrondissement. Beide Angaben meinen dieselbe Stadt und unterscheiden sich nur in der Genauigkeit des Ortes. Sein Vater starb, als der Junge drei Jahre alt war. Er wuchs zunächst in Lyon und auf Gütern der Familie in Südfrankreich auf. 1909 kam er mit seinem jüngeren Bruder in ein von Jesuiten geführtes Internat in Le Mans. Im Juli 1912 wurde er während der Sommerferien in Ambérieu-en-Bugey zum ersten Mal auf einen Flug mitgenommen und war vom Fliegen sofort fasziniert. Die letzten Gymnasialjahre 1915 bis 1917 verbrachte er mit seinem Bruder im Kollegium Heilig Kreuz, einem Internat der Marianisten im schweizerischen Freiburg.
Nach dem Abitur 1917 bereitete er sich am Pariser Lycée Saint-Louis auf die Aufnahmeprüfung der École navale vor, denn er wollte Marineoffizier werden. Doch er fiel zweimal im Fach Literatur durch und erhielt keinen Studienplatz. Im selben Jahr starb sein Bruder an einer Herzbeutelentzündung. Dieser Verlust erschütterte ihn zutiefst. 1920/1921 studierte er an der École nationale supérieure des beaux-arts in Paris Architektur, schloss das Studium aber nicht ab. Von 1921 bis 1923 leistete er seinen Wehrdienst bei der Kavallerie in Straßburg und wurde zum Flugzeugmechaniker ausgebildet. Eine militärische Pilotenausbildung verweigerte ihm die Armee, sodass er privat Flugstunden nahm.
Seine Verlobte Louise de Vilmorin stammte aus einer adeligen Familie, die gegen das gefährliche Pilotenleben war. Aus Rücksicht darauf arbeitete er zunächst als Angestellter in Pariser Firmen. Die Ehe kam nicht zustande. Im Salon einer adeligen Tante, Yvonne de Lestrange, knüpfte er erste Kontakte zur Pariser Literatenwelt. 1923 war er völlig mittellos. Er begann als Pilot und nahm Touristen zu Rundflügen über Paris mit. 1925 trat er mit der Novelle L'Aviateur erstmals als Autor hervor. 1926 stellte ihn die Luftfrachtgesellschaft Latécoère in Toulouse ein. Bald flog er die Etappen Toulouse–Casablanca und Casablanca–Dakar. 1927/28 leitete er achtzehn Monate lang den einsamen Zwischenlandeplatz auf dem Cabo Juby an der Küste Spanisch-Marokkos. Vierzehn Kollegen waren in der Wüste notgelandet; für ihre Rettung wurde ihm 1930 der "Chevalier de la Légion d'Honneur" verliehen. In den langen Wartezeiten zwischen den Flügen entstand sein erster längerer Text, der Roman Courrier Sud (1928).
1929 ging er nach einer Navigationsfortbildung nach Argentinien, um dort Flugpost- und Luftfrachtlinien einzurichten. Seine Erfahrungen mit den gefährlichen Nachtflügen verarbeitete er im Roman Vol de nuit (1931). Das Buch wurde mit dem Prix Femina ausgezeichnet und brachte ihm den literarischen Durchbruch. Im April 1931 heiratete er die jung verwitwete Malerin Consuelo Suncín Sandoval aus El Salvador. Es folgten Jahre als Streckenpilot in Westafrika und als Versuchspilot für Wasserflugzeuge. 1934 wurde er von der neuen Air France eingestellt und arbeitete fortan als Flieger, Werbebeauftragter, Journalist und Autor. Im Mai 1935 reiste er für die Zeitung Paris-Soir nach Moskau und schrieb eine vielbeachtete Artikelserie. Am 29. Dezember 1935 stürzte er beim Versuch eines Streckenrekords Paris–Saigon 200 Kilometer vor Kairo in der ägyptischen Wüste ab. Er und sein Mechaniker Prévot überlebten und wurden nach einem fünftägigen Marsch von einer Karawane gerettet. Im Frühjahr 1937 berichtete er aus dem spanischen Bürgerkrieg von der republikanischen Seite. Im Februar 1938 verunglückte er bei einem Rekordflugversuch in Guatemala schwer. Während der Genesung in New York stellte er den Sammelband Terre des hommes (deutsch Wind, Sand und Sterne) zusammen. Er erschien Anfang 1939, traf den Nerv der Zeit und wurde mit dem Grand Prix du Roman de l'Académie française ausgezeichnet.
Bei Kriegsausbruch im September 1939 wurde Saint-Exupéry eingezogen. Er diente zunächst als Pilotenausbilder und wurde später Aufklärungspilot. Den Waffenstillstand vom 25. Juni 1940 erlebte er in Algerien. Auf dem Landgut einer Schwester in Agay arbeitete er an dem schon 1936 begonnenen Werk Citadelle (Die Stadt in der Wüste). Es erschien erst postum als Fragment. Ende 1940 reiste er über Marokko und Portugal in die USA. In New York verfasste er 1941 Pilote de guerre (deutsch Flug nach Arras). Die Deutschen duldeten es zunächst und setzten es dann auf den Index. Anfang 1943 erschienen in New York der Lettre à un otage und Le petit prince. Diese märchenähnliche Erzählung handelt von einem Piloten, der in der Wüste notlandet und dort auf einen Jungen von einem fernen Asteroiden trifft. Bis heute wurde das Werk in über 618 Sprachen und Dialekte übersetzt. Im selben Jahr wurde Saint-Exupéry Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters. Im Mai 1943 ging er nach Algerien und wurde wieder Aufklärungspilot. Nach einer Bruchlandung im Juli wurde er wegen seines Alters und seiner Verletzungen zunächst ausgemustert. Es gelang ihm, sich für eine begrenzte Zahl weiterer Flüge reaktivieren zu lassen, zunächst von Sardinien, dann vom zurückeroberten Korsika aus. Am 31. Juli 1944 startete er vom Flughafen Bastia auf Korsika zu einem planmäßig letzten Aufklärungsflug in einer Lockheed F-5 in Richtung Grenoble und kehrte nicht zurück. Als Ursachen wurden Abschuss, technischer Defekt und auch Suizid erwogen, denn Briefe aus dieser Zeit belegen eine schwere Depression.
Literarische Merkmale↑
Saint-Exupérys Werk ist untrennbar mit seinem Beruf als Pilot verbunden. Schon in seinem ersten Buch Courrier Sud macht er den Flug, den Piloten und dessen Existenz zwischen Pflicht und Lebensgefahr zum Stoff der Erzählung. Vol de nuit kreist um den tödlichen letzten Flug eines Piloten. Pilote de guerre verarbeitet die eigenen Aufklärungseinsätze des Frühsommers 1940. Seine Bilder und seine moralische Tonlage gewinnt er aus den unmittelbaren Erlebnissen: dem Wüstenmarsch nach dem Absturz, den Nachtflügen über den Anden, der Einsamkeit auf einem entlegenen Flugplatz.
Inhaltlich tragen seine Bücher ein wiederkehrendes Anliegen. Sie loben die Kameradschaft unter Männern, die Pflichterfüllung, den Idealismus, die Solidarität und die Menschlichkeit. So fasste die zeitgenössische Aufnahme von Terre des hommes dessen Ton zusammen, und derselbe Grundton zieht sich durch sein Werk. Sein spätes Hauptwerk Citadelle beschreibt das Material als philosophisch-moralistisch und zugleich lyrisch-erzählerisch. In dieser Mischform greifen Reflexion, Bild und Erzählung ineinander.
Im Petit prince mischt Saint-Exupéry reale und surreale Elemente zu einer märchenähnlichen Form. Hinter der scheinbar kindlichen Geschichte liegt eine verzweifelte Auseinandersetzung des Autors. Sie gilt dem besetzten Frankreich, seinem Unbehagen im utilitaristisch denkenden Amerika und dem schlechten Gewissen gegenüber der zurückgelassenen Frau, die in der "Rose" wiederkehrt. Auch der Lettre à un otage verbindet lyrische, essayistische und erzählerische Passagen zu einer hybriden Form. Das politische Anliegen ist der Aufruf zur Solidarität mit Frankreich, und ein persönlicher, brieflicher Ton trägt es.
Rezeption↑
Saint-Exupéry war schon zu Lebzeiten ein anerkannter und erfolgreicher Autor. Den literarischen Durchbruch brachte ihm 1931 der Prix Femina für Vol de nuit. Terre des hommes erhielt 1939 den Grand Prix du Roman de l'Académie française. Die amerikanische Übersetzung Wind, Sand and Stars verkaufte sich bestens und wurde ebenfalls preisgekrönt. 1943 wurde er als Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters gewählt.
Auch die Reaktionen seiner Gegner sind ein Maßstab seiner Wirkung. Pilote de guerre durfte 1942 zunächst auch in Frankreich erscheinen. Die deutsche Zensur strich nur einen Halbsatz, in dem Hitler genannt wurde. Nachdem die Presse das Buch ausgiebig diskutiert hatte, setzten es die Deutschen auf den Index. Dennoch zirkulierte es weiter im Untergrund.
Die nachhaltigste Wirkung entfaltete Le petit prince. Mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren gehört das Buch zu den erfolgreichsten der Welt. Bis heute wurde es in über 618 Sprachen und Dialekte übersetzt. Im südfranzösischen Agay feierte Saint-Exupéry seine kirchliche Trauung und lebte während des Krieges eine Zeitlang. Dort erinnert ein Brunnendenkmal mit einem Schlüsselsatz aus dem Petit prince an ihn. An sein Wirken als Flugplatzchef erinnert ein Denkmal in Tarfaya auf dem ehemaligen Cabo Juby. Jean Renoir versuchte, Terre des hommes in Kalifornien zu verfilmen, und auch dieser Versuch gehört zur frühen internationalen Wahrnehmung des Werks.
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