1891 – 1970
Nelly Sachs
Kurzporträt↑
Als deutsch-schwedische jüdische Dichterin gehört Nelly Sachs zu den Stimmen, die das Grauen des Holocaust in Verse fassten. Geboren 1891 in Berlin, wuchs sie in einer großbürgerlichen, assimilierten jüdischen Familie auf. 1940 floh sie mit ihrer Mutter im letzten Moment nach Schweden, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte. In Gedichtbänden wie In den Wohnungen des Todes und Sternverdunkelung beklagte und beschwor sie das Schicksal ihres verfolgten Volkes. 1966 erhielt sie gemeinsam mit Samuel Joseph Agnon den Nobelpreis für Literatur.
Biografie↑
Geboren wurde Nelly Sachs, eigentlich Leonie Sachs, am 10. Dezember 1891 als einziges Kind des Ingenieurs, Erfinders und Fabrikanten Georg William Sachs und seiner Frau Margarete, geborene Karger. In der Forschung uneinheitlich angegeben ist ihr Geburtsort: Wikidata nennt das damals noch selbständige Schöneberg, die Neue Deutsche Biographie hingegen Berlin. Sie wuchs in einer großbürgerlichen, assimilierten jüdischen Familie auf. In ihrer frühen Jugend wünschte sie sich, Tänzerin zu werden; einige Jahre später erwachte ihre Leidenschaft für die deutsche Lyrik.
Wegen ihrer kränklichen Konstitution wurde sie zunächst von Privatlehrern unterrichtet. Laut der Deutschen Biographie besuchte sie die private Dorotheenschule in Moabit und von 1903 bis 1908 die Aubertschule. Mit 15 Jahren war sie so fasziniert von Selma Lagerlöfs Debütroman Gösta Berling, dass sie mit der schwedischen Schriftstellerin einen über 35 Jahre andauernden Briefwechsel begann.
Erste Gedichte schrieb Nelly Sachs mit 17 Jahren. 1921 erschien mit Unterstützung Stefan Zweigs ihr erster Gedichtband Legenden und Erzählungen, zu dem Selma Lagerlöf sie angeregt hatte. Diese frühen, melancholischen Verse waren noch ganz von neoromantischen Einflüssen geprägt und kreisten um Motive aus Natur und Musik. Später nahm sie diese Gedichte nicht in ihre gesammelten Werke auf. Sie lebte zurückgezogen mit ihren Eltern und nahm wenig am gesellschaftlichen Leben der 1920er Jahre teil. Gegen Ende des Jahrzehnts wurden ihre Gedichte in Berliner Blättern gedruckt, unter anderem in der Vossischen Zeitung und im Berliner Tageblatt.
Nach jahrelanger Krebserkrankung starb ihr Vater 1930. Für die Tochter war das ein einschneidender Verlust, den sie nie verwand. Sie zog mit ihrer Mutter in ein Mietshaus in der Lessingstraße im Berliner Hansaviertel. In den 1930er Jahren lebten Mutter und Tochter unter der nationalsozialistischen Bedrohung möglichst unauffällig und zurückgezogen. Nelly Sachs blieb unverheiratet, nachdem ihr Vater eine Liebesbeziehung zu einem geschiedenen Mann unterbunden hatte. Dieser Mann wurde später verhaftet und gefoltert; das Miterleben seines Martyriums traf sie tief. In ihren späteren Gedichten ist mehrfach von einem "Bräutigam" die Rede, der in einem Konzentrationslager umgekommen sei. In dieser Zeit begann sie auch, sich mit ihrer jüdischen Herkunft auseinanderzusetzen, angeregt durch die Buber-Rosenzweig-Übersetzung des Jesaja und Martin Bubers Legenden. Im Jüdischen Kulturbund fand sie seit 1939 Bestätigung als Schriftstellerin.
Erst spät entschloss sich Nelly Sachs zur Flucht. Ihre Freundin Gudrun Harlan reiste 1939 nach Schweden, um bei Selma Lagerlöf ein Empfehlungsschreiben für ein Visum zu erwirken. Im Mai 1940 verließen Nelly Sachs und ihre Mutter buchstäblich im letzten Moment mit dem Flugzeug Deutschland Richtung Stockholm; der Befehl für ihren Abtransport in ein Lager war bereits eingetroffen. Lagerlöf war da schon gestorben.
In Schweden lebten die beiden Frauen unter ärmlichen Verhältnissen in einer Einzimmerwohnung im Süden Stockholms. Nelly Sachs pflegte ihre alte Mutter und arbeitete zeitweise als Wäscherin. Die schwedische Staatsbürgerschaft erhielt sie erst 1952. Sie lernte Schwedisch und begann, moderne schwedische Lyrik ins Deutsche zu übersetzen, unter anderem Verse von Edith Södergran, Karin Boye, Johannes Edfelt und Pär Lagerkvist. An dieser Arbeit reifte ihre eigene Sprache und löste sich vom früheren romantischen Ton. Die Gedichte von 1943/1944 wurden zu einer einzigen Todesklage für ihr gequältes Volk. Daneben entstanden die Dramen Eli und Abram im Salz.
Anfang 1950 starb ihre Mutter, was sie psychisch schwer traf. Die Gedichtbände In den Wohnungen des Todes (1947) und Sternverdunkelung (1949) erschienen zunächst auf Betreiben Johannes R. Bechers in Ost-Berlin; in Westdeutschland wurden sie zunächst kaum gelesen. In den 1950er Jahren begann sie eine Korrespondenz mit Paul Celan, den sie 1960 in Paris besuchte und mit dem sie sich seelenverwandt fühlte.
Gegen Ende des Jahrzehnts wurde ihr Werk auch im gesamten deutschsprachigen Raum wahrgenommen. Die Gedichtbände Und niemand weiß weiter (1957) und Flucht und Verwandlung (1959) erschienen in Hamburg, München und Stuttgart. 1960 betrat sie zur Verleihung des Meersburger Droste-Preises erstmals seit zwanzig Jahren wieder Deutschland; nach ihrer Rückkehr brach sie zusammen und verbrachte insgesamt fast drei Jahre in einer Nervenheilanstalt bei Stockholm. 1961 stiftete die Stadt Dortmund den Nelly-Sachs-Preis und verlieh ihn der Namensgeberin. 1965 erhielt sie als erste Frau den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. An ihrem 75. Geburtstag, dem 10. Dezember 1966, nahm sie zusammen mit Samuel Joseph Agnon den Literaturnobelpreis aus der Hand König Gustavs VI. Adolf entgegen. Ihr Preisgeld verschenkte sie zur Hälfte an Bedürftige, die andere Hälfte ging an ihre Freundin Gudrun Harlan. 1967 wurde sie zur Ehrenbürgerin Berlins ernannt. Nelly Sachs starb am 12. Mai 1970 in einem Stockholmer Krankenhaus an Krebs, am Tag von Paul Celans Beerdigung. Sie ist auf dem jüdischen Friedhof des Norra begravningsplatsen in Solna bei Stockholm beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Melancholisch und neoromantisch begann Nelly Sachs zu dichten: Ihre frühen Gedichte enthielten romantisierende Stimmungsbilder und kreisten um Motive aus Natur und Musik. Aus dieser Manier fand sie erst im schwedischen Exil heraus. An der Übersetzung moderner schwedischer Lyrik reifte ihre Sprache und erreichte, wie es im Material heißt, eine neue Qualität. Hans Magnus Enzensberger beschrieb, dass sie in Schweden auf die deutsche Sprache "als einzige Heimat zurückverwiesen" wurde.
Die Dichtungen der Exiljahre zeugen von dem Willen, die Erfahrung des absolut Bösen zum Thema zu machen. Nelly Sachs gilt als erste Schriftstellerin, die die Schornsteine von Auschwitz zum Gegenstand ihrer Verse machte. Ihr Biograf Walter A. Berendsohn nannte diese Gedichte "klagend, anklagend und verklärend". Die Sprache ist hochemotional, herb und dennoch zart.
Prägend wurde ihre religiöse Auseinandersetzung. Im Exil vertiefte sie das Studium der Bibel, beschäftigte sich mit Franz von Assisi und der deutschen Mystik Jakob Böhmes und Meister Eckharts. In den NS-Jahren kam die jüdische Mystik in Martin Bubers Überlieferung hinzu, nach dem Tod der Mutter die esoterische Sprachmystik des Sohar. Mystische Sprache und Bilder wurden bei ihr zu Trägern eigener Erfahrungen und Hoffnungen. In den Bänden Und niemand weiß weiter und Flucht und Verwandlung gehen, wie die NDB notiert, Moderne und Mystik eine originelle Verbindung ein. Auch der Surrealismus hinterließ Spuren. Das Drama Eli, beeinflusst von Bubers chassidischen Legenden und von Berichten aus den Konzentrationslagern, ist ein szenisches Klagelied über den Untergang des europäischen Judentums. Seit ihrer Kindheit hatte Nelly Sachs eine besondere Nähe zur Musik; ihre subtil-expressive Sprache regte namhafte Komponisten zu Vertonungen an.
Rezeption↑
Anerkennung fand Nelly Sachs schon in den 1920er Jahren, als Kritik und Publikum ihre in Berliner Zeitungen gedruckten Gedichte gleichermaßen würdigten. Nach dem Krieg blieb sie zunächst isoliert: Ihre ersten Nachkriegsbände erschienen auf Vermittlung Johannes R. Bechers in Ost-Berlin, während sie in der jungen Bundesrepublik kaum gelesen wurde. Peter Huchel veröffentlichte zwei ihrer Gedichte in der Zeitschrift Sinn und Form.
Der Durchbruch beim westdeutschen Publikum kam erst spät. Alfred Andersch druckte 1957 vier ihrer Gedichte und verantwortete Hörspielfassungen ihrer Werke. Hans Magnus Enzensberger präsentierte sie im Rundfunk als eine der größten deutschsprachigen Lyrikerinnen der Gegenwart und vermittelte den Kontakt zum Suhrkamp Verlag. Es entstanden Freundschaften mit jungen deutschen und schwedischen Dichtern, darunter die oft zitierte Wahlverwandtschaft mit Paul Celan. Nach Ansicht von Jacques Schuster gibt es im deutschsprachigen Raum nur zwei Schriftsteller, die das jüdische Schicksal in Worte zu fassen vermochten: Paul Celan und Nelly Sachs.
Ihr Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, und die Ehrungen mehrten sich: der Meersburger Droste-Preis 1960, der Dortmunder Nelly-Sachs-Preis 1961, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1965 und als Höhepunkt der Literaturnobelpreis 1966. Sie wurde korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, der Freien Akademie der Künste in Hamburg und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 1969 unternahm Paul Kersten den Versuch, sie aus der Rolle einer bloßen "Leidens- und Wiedergutmachungsfigur" zu befreien, und lenkte den Blick auf die künstlerische Qualität ihrer Texte. Nachhaltige Bedeutung gewann Nelly Sachs auch als Übersetzerin schwedischer Gegenwartslyrik. Seit 1971 erinnert ein Gedenkzimmer in der Königlichen Bibliothek in Stockholm an sie, wo sich auch ihre Privatbibliothek befindet.
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