1494 – 1576
Hans Sachs
Kurzporträt↑
Hans Sachs wurde am 5. November 1494 in Nürnberg geboren und starb am 19. Januar 1576 ebenda. Er war Schuhmachermeister, Meistersinger und Spruchdichter. Der Deutschen Biographie zufolge gilt er als der bedeutendste deutsche Dichter des Reformationszeitalters. Sein Werk umfasst über 6000 Texte: Meisterlieder, Spruchgedichte, Schwänke, Fabeln, Fastnachtspiele und Dramen, ganz überwiegend im Knittelvers. Schon früh stellte er sich auf die Seite Luthers. Mit der Wittenbergisch Nachtigall von 1523 machte er die reformatorische Lehre volkstümlich verständlich. Berühmt blieb der Merkvers „Der Hans Sachs, der war ein Schuh- / macher und Poet dazu". Richard Wagner setzte ihm in den Meistersingern von Nürnberg ein Denkmal. Es prägt die Vorstellung vom Nürnberger Schuster und Dichter bis heute.
Biografie↑
Hans Sachs wurde am 5. November 1494 in Nürnberg geboren. Sein Vater war der Schneidermeister Jörg Sachs, seine Mutter hieß Christina. Zur Zeit seiner Geburt wütete in Nürnberg die Pest und befiel beide Eltern, den Säugling aber verschonte sie. Laut der Allgemeinen Deutschen Biographie blieb er das einzige Kind des Paares.
Von 1501 bis 1509 besuchte er die Nürnberger Lateinschule. Nach dem Schulbesuch erlernte er das Schuhmacherhandwerk, die Lehrzeit dauerte von 1509 bis 1511. Anschließend ging er, wie damals üblich, fünf Jahre auf Gesellenwanderung. Die Deutsche Biographie nennt als belegte Stationen Oberösterreich, Nieder- und Oberbayern sowie den Mittel- und Niederrhein. Weitere aus seinen Dichtungen erschlossene Orte sind unsicher. In Innsbruck soll er zeitweilig am Hof Kaiser Maximilians I. gedient haben. Dort fasste er den Entschluss, sich dem Meistersang zu widmen. Sein erstes Meisterlied schrieb er am 1. Mai 1514 in München. Dort nahm er Unterricht beim Meistersinger Lienhard Nunnenpeck (gestorben 1518/27).
1516 ließ sich Sachs endgültig in Nürnberg nieder. Am 1. September 1519 heiratete er Kunigunde Creutzer aus Wendelstein. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor, von denen sechs früh starben; alle sieben hat Sachs überlebt. 1520 wurde er Schuhmachermeister und aktives Zunftmitglied der Meistersinger, um 1555 war er zeitweise deren Vorsitzender. Bis mindestens 1545 arbeitete er als Schuhmachermeister. Durch Erbe, Mitgift, Beruf und dichterische Tätigkeit kam er zu Wohlstand und besaß mehrere Häuser in der Stadt.
Die Jahre 1521 und 1522 verbrachte Sachs ohne literarische Produktion. Offenbar widmete er sich neben dem Aufbau von Familie und Werkstatt der intensiven Auseinandersetzung mit der neuen Theologie. 1523 trat er mit dem Meisterlied und dem Spruchgedicht Die Wittenbergisch Nachtigall an die Öffentlichkeit, einem überschwänglichen Lob Luthers und einer Verspottung seiner Gegner. Im selben Jahr begann er, die Nürnberger Meistersingerschule wieder aufzubauen, und versorgte sie zeitweise fast allein mit Texten. 1524 ließ er vier Prosadialoge folgen. Sie betonten das allgemeine Priestertum der Gläubigen und brachten die Verpflichtung gegenüber den Armen zur Sprache. Den Bauern stand er 1525 wohlwollend gegenüber, den Bauernkrieg lehnte er ab. In den Folgejahren geriet er ins Blickfeld der Nürnberger Zensur. Er wurde einmal verhört, wegen eines antipäpstlichen Pamphlets gerügt und zeitweise mit Schreibverbot belegt.
In den folgenden Jahrzehnten entstand das gewaltige Werk: bis 1567 nahezu 4300 Meisterlieder, dazu Spruchgedichte, Schwänke, Fabeln, über 80 Fastnachtspiele und fast 130 Komödien und Tragödien, beginnend mit dem Trauerspiel Lucretia von 1527. Insgesamt soll Sachs mehr als 6000 Werke verfasst haben. Seit 1555 hielt er als „Merker" die Liedvorträge der Nürnberger Meistersinger im Gemerkbüchlein fest, selbst sang er nicht mehr.
Kunigunde starb 1560. Am 2. September 1561 heiratete Sachs in zweiter Ehe die junge Witwe Barbara Harscher. Hans Sachs starb am 19. Januar 1576 in Nürnberg und wurde auf dem Johannisfriedhof bestattet. Die Deutsche Biographie nennt allerdings das Sterbedatum 15. Januar 1576. Der genaue Tag seines Todes ist in der Forschung also umstritten. Die genaue Grabstelle ist nicht erhalten. Die früher verbreitete Angabe „Grab 503" beruht auf einer Namensverwechslung mit einem gleichnamigen Zuckermacher.
Literarische Merkmale↑
Sachs schrieb in einem klar erkennbaren, äußerst arbeitsamen Handwerksstil. Spruchgedichte und Dramen verfasste er durchweg in paargereimten Knittelversen, dem schlichten, vierhebigen Reimpaarvers. Dieser gibt seinen Texten ihren volkstümlichen Tonfall. Die Meisterlieder folgen der strengen Form des in der Regel dreistrophigen Liedes. Ihre Melodien stammen teils von älteren Sangspruchdichtern bis zurück zu Walther von der Vogelweide, teils von Zeitgenossen. Dreizehn eigene „Töne" hat Sachs selbst hinzugefügt.
Inhaltlich greift er ungemein breit zu. Die geistlichen Meisterlieder fassen meist einen Bibelabschnitt in Verse und schließen eine knappe Auslegung an. Diese konzentriert sich auf zentrale theologische Themen und steht vor dem Hintergrund konfessioneller Spaltung und Krieg. Die weltlichen Lieder versifizieren antike Mythologie und Historie ebenso wie mittelalterliche Erzählstoffe; daneben treten Fabeln und Schwänke. Grobianische, fäkalische oder grobsexuelle Töne sind selten. Sie finden sich, wenn überhaupt, am ehesten im schwankhaften Meisterlied, das ungedruckt blieb und nur beschränkt zirkulierte. Laut der Deutschen Biographie werden alle Themen prägnant gestaltet und meist einem didaktischen Ziel untergeordnet.
Charakteristisch ist auch das Gespräch eines Rollen-Ichs mit allegorischen Figuren wie „Frau Wahrheit" oder den „neun Musen", dazu das „Kampfgespräch" zwischen realitätsnahen oder allegorischen Figuren. Für großformatige illustrierte Einblattdrucke arbeitete er Text und Bild eng aufeinander ab. Manche Meisterlieder waren so angelegt, dass sie sich mit kleinen Eingriffen in Spruchgedichte umwandeln ließen.
Die Fastnachtspiele übernahm Sachs anfänglich in der Form des Reihenspiels, in dem ortlos mehrere Figuren mit ähnlichen Erfahrungen vor das Publikum treten. Er löste sie aus dem Wirtshaus, brachte sie auf die Bühne und baute den Typus des Handlungsspiels mit klarer szenischer Gestaltung aus. Als Stoffe griff er Boccaccio und Schwankromane wie den Eulenspiegel auf. In den Komödien und Tragödien folgte er den aufkommenden lateinischen Schuldramen mit Akteinteilung und festerer szenischer Gliederung. Zwischen den durchgeformten Szenen blieben jedoch Elemente eines Erzählens mit verteilten Rollen, Zeitsprünge wurden in Kauf genommen. Am Ende steht regelmäßig eine moralische Botschaft, oft in mehrere Lehrsätze gegliedert. Die antiken Stoffe gestaltete er nach erzählenden Vorlagen, ohne die antiken Dramen selbst zu kennen. Biblische Stoffe vor allem aus dem Alten Testament standen im Mittelpunkt. Auch mittelalterliche Stoffe wie der Hürnen Seyfrid oder Tristrant und Isalde fehlten nicht.
Rezeption↑
Schon zu seinen Lebzeiten war Sachs in ganz Deutschland berühmt. Seine Spruchgedichte, Dramen und Schwänke verbreiteten sich als Einzeldrucke, die Meisterlieder dagegen blieben fast ausschließlich handschriftlich. Eine breite Wirkung entfalteten die Texte erst durch die Nürnberger Folio-Ausgabe, deren fünf Bände zwischen 1558 und 1579 erschienen. Die ersten drei wurden mehrfach aufgelegt. 1612 bis 1616 folgte die weitgehend textgleiche Kemptener Ausgabe. Die Meisterlieder sind bis heute nicht einmal zur Hälfte veröffentlicht.
In der Barockzeit verkehrte sich das Bild ins Gegenteil: Sachs galt als verpönt. Sein schlichter Knittelvers passte nicht zum gelehrt-rhetorischen Stilideal der Epoche. Wieland, Goethe und die Romantiker entdeckten ihn neu und holten ihn zurück in den literarischen Kanon. Goethe widmete ihm das Gedicht Hans Sachsens poetische Sendung, was die Deutsche Biographie in den ausgehenden Verknüpfungen verzeichnet.
Den nachhaltigsten Eindruck im allgemeinen Bewusstsein hinterließ Richard Wagner. Er erhob Sachs in den Meistersingern von Nürnberg zur zentralen Figur. Die Deutsche Biographie urteilt allerdings, Wagner habe Sachs damit ein Denkmal gesetzt, „das die Wertschätzung von S. tatsächlicher dichterischer Leistung beinahe verdrängte". Die Wirkung des Bühnenwerks war so übermächtig, dass das Bild des gemütlichen Schuster-Poeten den realen Dichter überlagerte. 1874 errichtete man ihm in Nürnberg ein Denkmal von Konrad Krausser und Christian Lenz. Es steht bis heute auf dem nach ihm benannten Hans-Sachs-Platz.
Wissenschaftlich erschlossen wurde das Werk vor allem durch die 26-bändige Ausgabe von Adelbert von Keller und Edmund Götze (1870–1908, Nachdruck 1964). Weitere Editionen folgten im 20. Jahrhundert, darunter die Werkausgabe in der Reihenfolge ihrer Entstehung von E. F. Michael und R. A. Crockett (1996). Eine umfassende Bibliographie legte Niklas Holzberg 1976 vor. Den maßgeblichen Artikel der Neuen Deutschen Biographie verfasste Johannes Rettelbach im Band 22 (2005).
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (14 weitere Titel)