Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Leopold von Sacher-Masoch
Eingang · Autoren · Leopold von Sacher-Masoch
Porträt Leopold von Sacher-Masoch
Leopold von Sacher-Masoch
1836 – 1895
– Autorenporträt –

Leopold von Sacher-Masoch

1836 – 1895 · 59 Jahre

Leopold von Sacher-Masoch war ein vielgelesener Erzähler des deutschsprachigen 19. Jahrhunderts, der in seiner Novelle „Venus im Pelz“ das Verlangen nach Schmerz und Unterwerfung literarisch gestaltete – nach seinem Namen prägte der Psychiater Richard von Krafft-Ebing später den Begriff „Masochismus“.

Kurzbiografie↑

Zu den vielgelesenen Erzählern des deutschsprachigen 19. Jahrhunderts gehörte Leopold von Sacher-Masoch, geboren 1836 in Lemberg im damaligen Kaisertum Österreich. Er begann als Historiker und Universitätsdozent in Graz, wandte sich aber bald ganz dem Schreiben von Romanen und Novellen zu. Bekannt wurde er durch die Kunst, triebhaftes Schmerz- und Unterwerfungsverlangen literarisch zu gestalten – am deutlichsten in seiner Novelle Venus im Pelz. Von seinem Namen leitete der Psychiater Richard von Krafft-Ebing später den Begriff „Masochismus“ ab. Zugleich war Sacher-Masoch ein empathischer Schilderer des galizischen Judentums und ein entschiedener Gegner des Antisemitismus. Er starb 1895 in Lindheim in Hessen.


Biografie↑

Geboren wurde Leopold von Sacher-Masoch am 27. Januar 1836 in Lemberg, das damals zum Kaisertum Österreich gehörte und heute in der Ukraine liegt. Die Familie hatte Vorfahren aus Slowenien, Spanien und Böhmen. Sein Großvater Johann Nepomuk Sacher war 1818 geadelt worden, sein Vater Leopold war Polizeidirektor von Lemberg. Die Mutter, Caroline Edle von Masoch, war die Letzte ihres alten slawischen Geschlechts. Mit Bewilligung des Kaisers vereinigte der Vater ihren Namen mit dem seinen, und die Familie hieß fortan Sacher-Masoch. Bis 1838 trug er noch den Namen Sacher Ritter von Kronenthal.

Ab 1844 besuchte er das deutsche Gymnasium in Lemberg, ab 1848 jenes in Prag. Nach der Matura studierte er zunächst in Prag, ab 1854 in Graz. Über die Fächer gehen die Quellen etwas auseinander: genannt werden Philosophie, Rechtswissenschaften, Mathematik und Geschichte. 1856 wurde er in Graz promoviert und habilitierte sich für das Fach Neuere Geschichte mit der 1857 gedruckten Arbeit Der Aufstand in Gent unter Kaiser Carl V.. Als Dozent für Geschichte in Graz veröffentlichte er unter anderem die populärwissenschaftliche Studie Ungarns Untergang und Maria von Österreich. Er zog sich jedoch bald aus dem Universitätsbetrieb zurück und gab 1870 seine Dozentur auf, um sich ganz den Romanen und Novellen zu widmen.

Seine Laufbahn als Schriftsteller begann mit einem anonym erschienenen Roman über den galizischen Aufstand von 1846, der 1858 herauskam und 1864 gekürzt als Graf Donski neu aufgelegt wurde. Den literarischen Ruhm begründete 1866 die Novelle Don Juan von Kolomea, die in Westermanns Monatsheften erschien. Darin entwarf Sacher-Masoch eine neue Version des Don-Juan-Stoffs: einen Mann, der die Liebe zur Frau als schmerzhaft empfindet. Häufig zitiert wird Venus im Pelz, 1870 innerhalb des Zyklus Das Vermächtnis Kains erschienen. Vorbild für die zentrale weibliche Figur war die Schriftstellerin Fanny Pistor, mit der er eine Beziehung führte. Der auf sechsmal sechs Novellen angelegte Zyklus blieb unvollendet; nur die beiden ersten Teile erschienen.

Sacher-Masoch wechselte häufig den Wohnort und lebte unter anderem in Graz, Bruck an der Mur, Salzburg, Budapest, Paris, Prag und Wien. 1873 heiratete er Angelika Aurora Rümelin, die unter dem Namen Wanda von Sacher-Masoch schrieb. 1881 gründete er in Leipzig die kosmopolitische Revue „Auf der Höhe“. 1883 wurde er für die Schulden des Mitherausgebers haftbar gemacht, der zugleich der Liebhaber seiner Frau war, und war wirtschaftlich ruiniert. Nach der Trennung von seiner Frau und der Einstellung der Zeitschrift zog er 1886 auf ein Gut im hessischen Lindheim, das seine Mitarbeiterin und spätere Ehefrau, die Übersetzerin Hulda Meister, erworben hatte. 1886 wurde er in Paris mit einem Orden geehrt und von Zeitungen gefeiert. 1893 gründete er in Lindheim einen Bildungsverein, der durch Bibliotheken, Vorträge sowie Theater- und Musikaufführungen dem Antisemitismus entgegenwirken sollte.

Er starb am 9. März 1895 in Lindheim; die Allgemeine Deutsche Biographie nennt abweichend den 5. März. Sacher-Masoch wurde eingeäschert. Die Urne mit seiner Asche ging 1928 im Brandschutt des Schlosses von Lindheim verloren.


Literarische Merkmale↑

Prägend für sein Schreiben war der Einfluss von Iwan Turgenjew, in dessen betonter Nachfolge Sacher-Masoch stand. Von ihm übernahm er, wie die Allgemeine Deutsche Biographie ausführt, nicht nur die Erzähltechnik, sondern auch die Auffassung: die enge Bindung der Figuren an die heimische Erde, die starke Betonung der sozialen und klimatischen Einflüsse und das Zurücktreten der Handlung hinter der Charakterschilderung. Seine zahlreichen, meist folkloristischen Novellen galten als exotische und spannende, mitunter auch als moralische Lektüre.

Sein Weltbild vereinigte auf eigentümliche Weise Elemente des Minnedienstes, der Metaphysik Schopenhauers und – vorausgreifend – der Geschlechterpsychologie Strindbergs. Schopenhauer, den er sich als Lebensphilosophen erkor, gab dabei laut der Allgemeinen Deutschen Biographie eigenen Ahnungen deutliche Worte. Bekannt wurde er vor allem durch seine Fantasie und die Kunst, triebhaftes Schmerz- und Unterwerfungsverlangen ästhetisch zu formulieren. In der Neuen Deutschen Biographie wird sein Verfahren so beschrieben, dass er das Realismuskonzept Turgenjews mit einer zeittypischen Synthese aus Darwin und Schopenhauer verband.

Ein wiederkehrender Zug ist die animalische, oft als unglücklich gezeichnete Auffassung der Geschlechterliebe. Schon im Don Juan von Kolomea erscheint das Verhältnis von Mann und Frau als zuletzt unglücklich und das Sakrament der Ehe dadurch fragwürdig. Die Beziehungskonstellation der Unterwerfung, die er in Venus im Pelz gestaltete, variierte er in zahlreichen späteren Texten. Daneben zeichnete er als einer der ersten ein realistisches Bild der Juden in Galizien.


Rezeption↑

Zu seiner Zeit war Sacher-Masoch ein vielgelesener, populärer Schriftsteller. Zu seinen Bewunderern zählten laut dem Material Victor Hugo, Émile Zola und Henrik Ibsen; König Ludwig II. von Bayern empfand eine Seelenverwandtschaft zu ihm. In Frankreich hatten 1872/73 Übersetzungen aus dem ersten Teil seines Kain-Zyklus großen Erfolg, weitere französische Buchausgaben folgten. Seine Judengeschichten von 1878 wurden von der jüdischen Kritik begeistert aufgenommen und brachten ihm den Ruf eines kompetenten und empathischen Schilderers des Judentums ein.

Nicht alle Werke fanden Zustimmung. Die Venus im Pelz und den Roman Die geschiedene Frau lehnte die Kritik als „nihilistisch“ und „unnatürlich“ ab. Zu seinen Lebzeiten wurde die Venus im Pelz nie selbständig veröffentlicht; erst 1901 erschien sie eigenständig.

Am nachhaltigsten wirkte sein Name über die Psychiatrie: 1890 prägte Richard von Krafft-Ebing den Begriff „Masochismus“, eine Anspielung auf den Namen Masoch und die von ihm dargestellte Erotik. Dieses Paradigma bestimmt die Auseinandersetzung mit ihm bis heute. In jüngerer Zeit setzte eine Renaissance ein, etwa im Rahmen von Graz als Kulturhauptstadt 2003, bei der auch die Sacher-Masoch-Torte kreiert wurde. Martin A. Hainz skizzierte an seinem Werk eine Theorie der Erotik.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (54 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten