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Werkseintrag · Die Mörderin
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Die Mörderin
1903
– Werkseintrag –

Die Mörderin

1903 · Erzählung

Eine alte Hebamme auf einer griechischen Insel grübelt über das harte Los der Frauen und die Last der Mitgift – bis aus Mitleid ein furchtbarer Entschluss wird.

Überblick↑

Mit der Erzählung Die Mörderin schuf Alexandros Papadiamantis eines der wichtigsten Prosawerke der neugriechischen Literatur. Das Werk erschien 1903 zunächst als Fortsetzungsgeschichte und gilt als Höhepunkt im Schaffen des Autors. Im Mittelpunkt steht eine alte Frau auf der Ägäis-Insel Skiathos, die über das harte Los der Frauen nachsinnt und dabei zu einer erschreckenden Überzeugung gelangt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Auf der Insel Skiathos, etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts, lebt Frangojannou, auch Chadoula genannt. Sie ist eine rund sechzigjährige Hebamme und Heilerin. In einer schlaflosen Nacht wacht sie am Bett ihrer erst zwei Wochen alten, kranken Enkeltochter. Während das schwächliche Kind hustet, lässt die alte Frau ihr eigenes Leben an sich vorüberziehen.

Ihre Erinnerungen sind bitter. Immer musste sie für andere da sein, für die Eltern, den Ehemann, die Kinder und Kindeskinder. Sie fühlte sich zeitlebens als „Sklavin“. Vor allem eine Sorge quält die Frauen ihres Umfelds: Jede Tochter muss mit einer Mitgift ausgestattet werden, und je mehr Mädchen eine Familie hat, desto drückender wird diese Last. Aus Mitleid und trüben Gedanken formt sich in Frangojannou nach und nach ein finsterer Gedanke über das Schicksal neugeborener Mädchen.

Die Erzählung folgt dieser alten Frau, deren Grübeln über Leid und Mitgift eine dunkle Wendung nimmt und sie in immer größere Bedrängnis bringt.

Die Handlung im Detail↑

In einer durchwachten Nacht sitzt Frangojannou am Bett ihrer kranken Enkeltochter. Aus dem Mitleid mit dem hustenden Neugeborenen und ihren eigenen leidvollen Erinnerungen wächst die Überzeugung, dass die Geburt einer Tochter für alle nur Leid bedeute und dass ein Mädchen besser gleich wieder sterbe. Vom Schlafmangel und ihren trübsinnigen Gedanken nicht mehr bei klarem Verstand, erstickt sie schließlich das eigene Enkelkind. Da das Kind ohnehin krank war, fällt kein Verdacht auf sie. Immer wieder wird diese Handlung von Rückblenden in ihre Familiengeschichte unterbrochen.

Einige Zeit später kommt Frangojannou beim Sammeln von Kräutern zufällig an einem Anwesen vorbei. Sie sieht zwei junge Töchter der Familie an einem gefüllten Wasserbecken spielen. Der Vater arbeitet weit entfernt auf dem Feld, die Mutter liegt krank im Bett. So kann sie sich ungestört nähern und stößt einer plötzlichen Eingebung folgend beide Mädchen ins Wasser, sodass sie ertrinken. Auch danach stellt sie sich als unschuldig dar.

Wenige Wochen später folgt ein viertes Opfer, wieder ein Mädchen. Diesmal legt Frangojannou nicht selbst Hand an. Sie ist jedoch in unmittelbarer Nähe, als die kleine Xenoula in einen Brunnen fällt, und unternimmt absichtlich nichts zu ihrer Rettung. Wieder gelingt es ihr, das Geschehen als bloßen Unfall erscheinen zu lassen. Während all dieser Taten wirkt sie nicht als eiskalt planende Mörderin. Zu ihren Opfern ist sie mitunter zunächst zärtlich, deutet ihre Morde als Vollzug göttlichen Willens, wird von Schuldgefühlen heimgesucht und betet.

Doch die Obrigkeit wird misstrauisch, weil Frangojannou beim Tod von vier Mädchen zugegen war, und will sie mit einem Verhör unter Druck setzen. Als zwei Polizisten vor ihrem Haus erscheinen, sieht sie sich in die Enge getrieben und flieht. Zunächst lässt sie sich von einer Freundin im Keller verstecken, dann flüchtet sie zu Fuß in einsame Gegenden der Insel. Schließlich findet sie Unterkunft im Haus eines Hirten, dessen Frau kurz zuvor ein Mädchen geboren hat und der noch nichts vom Verdacht gegen sie weiß. Als die Polizisten sie auch dort aufspüren, muss sie überstürzt fliehen und lässt ihr letztes Hab und Gut zurück. Am nächsten Tag kehrt sie noch einmal zurück, um ihren liegengebliebenen Korb zu holen, und nutzt einen unbeobachteten Moment, um das neugeborene Mädchen zu erwürgen – ihr fünftes und letztes Opfer.

Auf der weiteren Flucht bleiben ihr nur noch schwer zugängliche Verstecke wie eine Felsgrotte am Meer. Immer schlimmere Alpträume und Schuldgefühle plagen sie. Ihre letzte Hoffnung setzt sie darauf, von einem Schiff aufs Festland mitgenommen zu werden. In ihrer Ausweglosigkeit beschließt sie, den Eremiten Vater Akakios in der Einsiedelei „Heiliger Erlöser“ aufzusuchen, um zu beichten und ein neues Leben zu beginnen. Der Weg dorthin führt über eine Felsklippe, die nur bei Ebbe zu Fuß erreichbar ist und bei Flut vom Meer abgeschnitten wird. Gerade als die Flut zurückkehrt, betritt Frangojannou den schmalen Sandstreifen. Ihr Blick fällt noch einmal auf einen Acker an der Küste, den sie als ihre eigene Mitgift von der Hochzeit erkennt. Ihre letzten Worte lauten: „Oh! Das ist ja meine Mitgift!“ So schließt sich der Kreis zu ihrer Vergangenheit, und das zentrale Motiv der Mitgift kehrt ein letztes Mal wieder. Das Wasser steigt höher und höher, bis die entkräftete Frau nur zehn Schritt vom „Heiligen Erlöser“ entfernt ertrinkt – „auf halbem Weg zwischen göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit“.

Stil↑

Angesiedelt ist die Handlung, wie in den meisten Erzählungen Papadiamantis', in der Inselwelt der Ägäis, hier auf Skiathos um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Haupthandlung wird immer wieder von Rückblenden in die Familiengeschichte der Protagonistin durchbrochen, sodass sich Gegenwart und erinnertes Leid ineinanderschieben. Auffällig ist die kunstvolle Kreisstruktur: Das Bild der Mitgift, mit dem das dunkle Sinnen der alten Frau einsetzt, kehrt am Schluss wörtlich wieder und schließt die Erzählung zu einem Ring. Die Figur der Mörderin erscheint dabei nicht als kaltes Ungeheuer, sondern zwiespältig – zärtlich und grausam zugleich, von Gebeten und Schuldgefühlen durchzogen.

Rezeption↑

Zu den wichtigsten Prosawerken der neugriechischen Literatur zählt diese Erzählung bis heute. Sie gilt als Höhepunkt im Schaffen von Alexandros Papadiamantis. Ihre anhaltende Wirkung zeigt sich in einer Reihe von Bearbeitungen für Bühne und Leinwand. Kostas Ferris verfilmte den Stoff 1974, Eva Nathena legte 2023 eine neue Kinofassung vor. Hinzu kommen eine Theaterproduktion, ein dramatisch-musikalisches Werk sowie Bearbeitungen für das Fernsehen. So blieb die Geschichte der alten Frangojannou über mehr als ein Jahrhundert im kulturellen Gedächtnis Griechenlands lebendig.

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