Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Die Möwe
Eingang · Werke · Die Möwe
Cover Die Möwe
Die Möwe
1895
– Werkseintrag –

Die Möwe

1895 · Drama

Auf einem langweiligen Landgut träumen alle vom Glück in Kunst und Liebe – und Tschechow nennt diese leise Tragödie ausgerechnet eine Komödie.

Überblick↑

Das Drama Die Möwe gehört zu den bekanntesten Bühnenwerken des russischen Schriftstellers Anton Tschechow. Es entstand 1895. Auf einem Landgut im zaristischen Russland führt es eine Gruppe von Menschen zusammen. Sie alle leiden an ihren Träumen von Kunst, Liebe und Erfolg. Tschechow nannte sein Stück ausdrücklich eine Komödie. Trotzdem wechselt es ständig zwischen komischen und tragischen Tönen. Die Uraufführung war ein aufsehenerregender Misserfolg. Wenig später wurde das Stück jedoch zu einem großen Theatererfolg. Heute gilt es als eines der meistgespielten Stücke auf den deutschsprachigen Bühnen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Auf einem Landsitz im Russland um 1895 langweilen sich die Gäste. Sie gehen einander mit kleinen Sticheleien auf die Nerven. Im Mittelpunkt steht Konstantin Treplew, der Sohn der bekannten Schauspielerin Arkadina. Er möchte Schriftsteller werden. Dafür hat er ein eigenes, ungewöhnliches Theaterstück verfasst. Es soll an einem Abend auf einer Bühne im Garten aufgeführt werden. Die Hauptrolle übernimmt seine Geliebte Nina, ein junges Mädchen aus der Nachbarschaft. Auch Nina träumt von einer Laufbahn als Schauspielerin.

Treplew leidet unter der ständigen Nörgelei seiner Mutter. Sie stellt sein Talent und seinen ganzen Lebensentwurf infrage. An ihrer Seite befindet sich der erfolgreiche Schriftsteller Trigorin. Ihn bringt sie immer wieder ins Spiel, um das Selbstvertrauen ihres Sohnes zu schwächen. Bald zeigt sich, dass auch Nina sich zu Trigorin hingezogen fühlt. Sie erliegt seinem Charme und jenem Erfolg, der dem jungen Treplew bisher versagt blieb. Zwischen Kunstgesprächen, unerwiderter Liebe und enttäuschten Hoffnungen verdichtet sich eine Stimmung, in der jeder etwas anderes ersehnt, als er bekommt. Eine erschossene Möwe wird dabei zum stillen Sinnbild.

Die Handlung im Detail↑

Das Stück spielt auf einem Landgut im zaristischen Russland der damaligen Gegenwart. In großer Langeweile öden die Gäste einander an und machen sich mit kleinen Bosheiten das Leben zur Qual. Konstantin Treplew, Sohn der Schauspielerin Arkadina, will Schriftsteller werden und hat ein kurzes Theaterstück geschrieben, das am Abend auf einer Gartenbühne vorgeführt werden soll. Es spielt in 200.000 Jahren in der Zukunft, wo alle Lebewesen ausgestorben sind. Die Hauptrolle übernimmt seine Geliebte Nina.

Treplew leidet unter der fortwährenden Kritik seiner Mutter, die sein schriftstellerisches Talent und sein ganzes Leben anzweifelt. Immer wieder hält sie ihm ihren Freund Boris Trigorin vor, der bereits ein sehr erfolgreicher Schriftsteller ist, um Treplews Vertrauen in sich selbst zu untergraben. Treplew erschießt ohne Grund eine Möwe und legt sie Nina zu Füßen, die das Sinnbild des freien, von Zwängen befreiten Künstlerlebens jedoch nicht zu deuten weiß. Bei der Aufführung von Treplews Stück kommt es zum Eklat: Mutter und Sohn geraten in Streit.

Mehr und mehr zeigt sich, dass Nina sich zu Trigorin hingezogen fühlt, zu seinem Charme und seinem Erfolg, der Treplew bisher versagt war. Als Arkadina und Trigorin abreisen, um nach Moskau zurückzukehren, verlässt Nina den jungen Treplew und schließt sich Trigorin an, um fortan als Schauspielerin an seiner Seite zu leben.

Jahre vergehen. Treplew ist inzwischen selbst ein erfolgreicher, aber einsamer Schriftsteller geworden. Unerwartet taucht Nina wieder auf, von Trigorin verlassen. Als Schauspielerin hatte sie nur einen kleinen Erfolg, und das Leben in Moskau war anders gekommen, als sie es sich erträumt hatte. An dem Versuch, ihre Träume zu verwirklichen, ist sie gescheitert. Dennoch will sie nicht zu Treplew zurückkehren und verlässt ihn ein zweites Mal. Weder die Schriftstellerei noch die Liebe haben einem der Beteiligten zum Glück verholfen – eine Erkenntnis, die Treplew schließlich in den Selbstmord treibt: Er erschießt sich.

Stil↑

Tschechow hat sein vieraktiges Stück ausdrücklich als Komödie bezeichnet. Schon durch diese Gattungsangabe wollte er eine rührselige, sentimentale Lesart verhindern. Tatsächlich ist es keine reine Komödie. Es lebt von ständigen Brüchen: zwischen komischen und tragischen Momenten, zwischen banalen Vorgängen und einem anspruchsvollen Gespräch über die Kunst, zwischen dem tragischen Misslingen von Lebensentwürfen und lächerlicher Selbststilisierung.

Charakteristisch ist die geringe äußere Handlung. In einem Brief an seinen Verleger Alexei Suworin beschrieb Tschechow sein Vorhaben selbst: „Eine Komödie, drei Frauenrollen, sechs Männerrollen, vier Akte, eine Landschaft (Blick auf einen See); viele Gespräche über die Literatur, wenig Handlung, ein Pud Liebe.“ Statt auf dramatische Zuspitzung setzt das Stück auf Stimmung und Andeutung. Es lebt von der Spannung zwischen dem, was die Figuren sagen, und dem, was sie ersehnen. Die erschossene Möwe zieht sich als wiederkehrendes Sinnbild durch das Geschehen. Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier fasste diese kühle Genauigkeit so: „‚Die Möwe' ist eine Komödienreise ins Herz der Finsternis. Die Kolportage schwebt: alles ganz leicht, nur angedeutet, skizziert, aber in Frostfarben, eisig genau.“

Rezeption↑

Die Bühnengeschichte des Werks begann mit einem spektakulären Misserfolg. Die Uraufführung fand am 17. Oktober 1896 im Alexandrinski-Theater in Sankt Petersburg statt. Wera Komissarschewskaja spielte die Nina. Beim Publikum fiel das Stück durch. Tschechow kehrte frustriert auf sein Landgut in Melichowo zurück. Wenig später schrieb er: „Ja, meine Möwe hatte in Petersburg, bei der ersten Vorstellung, einen Riesenmisserfolg. Das Theater atmete Bosheit, die Luft war explosiv vor Hass, und ich flog – den Gesetzen der Physik gehorchend – aus Petersburg davon wie eine Bombe."

Die Wende brachte das Moskauer Künstlertheater. Konstantin Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko gründeten es 1898. Dort wollte man die Schauspielkunst erneuern. Statt auf Deklamation und Star-Theater setzte Stanislawski auf die Einfühlung des Schauspielers in seine Rolle, um größtmögliche Wahrhaftigkeit zu erreichen. In dieses Konzept passten Tschechows Stücke. Die überarbeitete Fassung der Möwe wurde dort zu einem überwältigenden Erfolg. Das Theater wählte fortan eine Möwe als Signet. Stanislawski wurde ein wichtiger Förderer Tschechows. Nicht zuletzt durch die Gastspielreisen des Künstlertheaters begründete er dessen weltweiten Ruhm.

Tschechow selbst empfand diese Deutung allerdings als zwiespältig. Stanislawski inszenierte seine Stücke als melancholische Stimmungsdramen, was seinen Absichten widersprach. In einem Brief hielt er fest, er habe etwas ganz anderes gewollt – nämlich einfach und ehrlich sagen: „schaut euch an, seht doch, wie schlecht und langweilig ihr euer Leben führt!“ Die deutsche Erstaufführung fand am 1. November 1902 im Lobe-Theater in Breslau statt. Bis heute zählt Die Möwe zu den am häufigsten gespielten Stücken der deutschsprachigen Bühnen. Das Werk wurde mehrfach verfilmt.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten