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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der Kirschgarten
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Cover Der Kirschgarten
Der Kirschgarten
1904
– Werkseintrag –

Der Kirschgarten

1904 · Komödie

Eine verarmte russische Adelsfamilie kehrt auf ihr altes Gut zurück – und muss zusehen, wie ihr blühender Kirschgarten zwischen Erinnerung, Untätigkeit und einer neuen Zeit unter den Hammer zu kommen droht.

Überblick

Mit dem Kirschgarten schrieb Anton Tschechow 1903 sein letztes Stück. Es ist eine Komödie in vier Akten, die zugleich eine zarte Tragödie ist. Die Uraufführung fand am 30. Januar 1904 in Moskau statt, an Tschechows 44. Geburtstag. Ein halbes Jahr später starb der Autor an Tuberkulose. Im Mittelpunkt steht eine verarmte Adelsfamilie, die ihr altes Landgut samt blühendem Kirschgarten verliert. Tschechow zeichnet das Bild einer Welt, die ihre Zeit überlebt hat. Und einer neuen, die noch nicht recht weiß, wohin sie will. Das Stück gilt heute als eines der bedeutendsten Werke des modernen Welttheaters.

Inhalt (ohne Spoiler)

Auf einem russischen Landgut um 1900 kehrt die Gutsbesitzerin Ranjewskaja aus Paris zurück. Ihre Tochter Anja hat sie zurückgeholt. Denn das Anwesen mit seinem berühmten, weithin blühenden Kirschgarten ist hoch verschuldet und soll versteigert werden. Fünf Jahre zuvor war Ranjewskaja nach dem Tod ihres kleinen Sohnes mit einem Geliebten nach Frankreich geflohen. Ihr Bruder Gajew verwaltete in der Zwischenzeit das Gut. Er hat das Geld der Familie ebenso leichthändig verbraucht wie sie selbst.

Eine mögliche Rettung verkörpert Lopachin, ein Kaufmann, dessen Vorfahren noch Leibeigene der Familie waren und der es zu Wohlstand gebracht hat. Er hat einen nüchternen Vorschlag, wie das Gut zu retten sei. Aber dafür müsste der alte Kirschgarten weichen. Eine andere Möglichkeit wäre eine Heirat zwischen Lopachin und der Pflegetochter Warja, doch die Sache zieht sich hin. Daneben nähern sich der ewige Student Trofimow und die junge Anja einander an.

Die Familie treibt zwischen Erinnerungen, Festen und schönen Reden hin und her. Unterdessen rückt der Versteigerungstermin unaufhaltsam näher. Tschechow zeigt Menschen, die eine Entscheidung vor sich herschieben, weil sie ihre alte Welt noch nicht loslassen können. Und eine neue Zeit, die ohne Rücksicht vor der Tür steht.

Die Handlung im Detail

Das Stück spielt um 1900 auf einem russischen Landgut mit einem Herrenhaus, das von einem weithin berühmten Kirschgarten umgeben ist. Anja, die Tochter der Gutsbesitzerin Ranjewskaja, holt ihre Mutter aus Paris zurück, weil das Anwesen hoch verschuldet ist und versteigert werden muss. Ranjewskaja war fünf Jahre zuvor mit ihrem Geliebten nach Frankreich geflohen, nachdem ihr kleiner Sohn im nahen Fluss ertrunken war. Ihr Bruder Gajew, der in dieser Zeit das Gut führte, war unfähig, mit Geld umzugehen, und genoss das Leben. Auch Ranjewskaja hat ihr Vermögen in Paris verbraucht.

Eine Rettung könnte der Kaufmann Lopachin bedeuten, ein ehemaliger Leibeigener der Familie, der zu Vermögen gekommen ist. Er schlägt vor, den Kirschgarten abzuholzen, das Land zu parzellieren und Datschen darauf zu errichten, die an Sommergäste vermietet werden. Ranjewskaja und Gajew weisen den Vorschlag mit Entsetzen zurück: Der Garten, der gerade in voller Blüte steht, ist für sie das Sinnbild ihrer Kindheit und ihres Standes, auch wenn er längst keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr abwirft. Eine andere Lösung wäre, wenn Warja, die Pflegetochter der Gutsbesitzerin, Lopachin heiraten würde – doch ihr Wunsch geht nicht in Erfüllung, Lopachin bringt den entscheidenden Schritt nie über die Lippen. Daneben entfaltet sich eine Zuneigung zwischen dem ewigen Studenten Trofimow, dem einstigen Erzieher des ertrunkenen Sohnes, und Anja.

Während die Familie zaudert, Feste feiert und in Erinnerungen schwelgt, rückt der Versteigerungstermin näher. Am Tag der Auktion bleibt Ranjewskaja im Haus zurück und gibt einen kleinen Ball. Als Gajew und Lopachin von der Versteigerung heimkehren, ist Lopachin der neue Besitzer des Guts: Er, der Sohn eines Leibeigenen, hat es selbst ersteigert. Vor der versammelten Gesellschaft bekennt er triumphierend, dass der Kirschgarten, den seine Vorfahren als Knechte bestellten, nun ihm gehört – und gibt sofort den Befehl, ihn abzuholzen.

Im letzten Akt wird das Haus geräumt. Ranjewskaja kehrt mit dem Rest ihres Geldes nach Paris zurück, zu ihrem Geliebten; ihre sentimentale Trauer um das Gut ist erstaunlich schnell verflogen. Gajew nimmt eine Anstellung bei einer Bank an, Anja und Trofimow blicken voller Hoffnung in eine neue Zeit, Warja tritt eine Stellung in einem anderen Haushalt an. Schon vor dem letzten Vorhang hört man die ersten Axtschläge im Garten. Im leeren Haus aber bleibt der alte Diener Firs zurück, der die Zeit vor der Abschaffung der Leibeigenschaft verkörpert und an die innere Verbundenheit von Herrschaft und Dienern noch immer glaubt: Man hat ihn in der Hast vergessen, das Haus ist verschlossen, und er legt sich regungslos nieder.

Stil

Tschechow nennt das Stück eine Komödie in vier Akten. Doch unter dem heiteren Geplauder liegt eine elegische Schwermut. Diese Mischung versucht der Untertitel Tragikomödie zu fassen. Statt großer Bühnenereignisse zeigt er Alltag: Ankünfte, Abschiede, ein Fest, ein leeres Zimmer. Die entscheidende Handlung, die Versteigerung selbst, findet hinter der Bühne statt. Auf der Bühne sieht man nur, was die Menschen daraus machen.

Die Sprache ist knapp, lakonisch und voller Halbsätze. Die Figuren reden oft aneinander vorbei. Sie halten Monologe über ihre Erinnerungen oder ihre Zukunftspläne, während die Gegenwart unbemerkt entgleitet. Gerade aus dieser Genauigkeit und Kargheit lebt der Text. Ältere deutsche Übersetzungen verfehlten diese Eigenheit oft, und so galt das Stück hierzulande lange als unspielbar. Symbolik und Realismus stehen nebeneinander: Der blühende Garten ist Bühnenbild und Bedeutungsträger zugleich. Berühmt sind die Axtschläge am Ende. Als akustisches Signal machen sie das Vergehen einer ganzen Welt hörbar.

Rezeption

Schon die Uraufführung am 30. Januar 1904 am Moskauer Künstler Theater unter der Regie Konstantin Stanislawskis brachte Streit. Autor und Regisseur stritten, ob das Stück als Komödie oder als Tragödie zu spielen sei. Dieser Streit ist seither nicht verstummt. Olga Knipper, Tschechows Frau, gab die Ranjewskaja in der Premiere. 1943 stand sie zur 300. Vorstellung erneut in der Rolle auf der Bühne.

In Deutschland erschien die erste Übersetzung 1912. Die deutschsprachige Erstaufführung fand im Dezember 1917 in München unter der Regie von Lion Feuchtwanger statt. 1919 folgte eine Inszenierung an der Volksbühne Berlin. Lange galt Tschechow im deutschen Sprachraum als schwer zu spielen. Erst in den 1960er und 1970er Jahren brachten ihn Regisseure wie Ingmar Bergman und Giorgio Strehler dem Publikum wirklich nahe; Strehler inszenierte das Stück 1974 am Piccolo Teatro. Seither gehört der Kirschgarten zum festen Bestand der großen Bühnen. Zu den prägenden deutschsprachigen Inszenierungen zählen Peter Steins Arbeit bei den Salzburger Festspielen 1995, Peter Zadeks Burgtheater-Aufführung 1996 mit Angela Winkler und Josef Bierbichler sowie Andrea Breths Inszenierung am Burgtheater 2005.

Das Stück fand auch in andere Künste hinein weiter. Rudolf Kelterborn machte daraus 1984 eine am Opernhaus Zürich uraufgeführte Oper. Michael Cacoyannis verfilmte den Stoff 1999 mit Charlotte Rampling und Alan Bates. Philippe Fénélon brachte 2012 an der Pariser Opéra Garnier die Oper La Ceriserie zur Uraufführung. David Gieselmanns Komödie Die Plantage (2006) und Steinunn Sigurðardóttirs Roman Gletschertheater (2003) greifen Stoff und Motive auf. Bis in die Gegenwart bleibt der Kirschgarten ein Prüfstein für Regisseure und Schauspielerinnen. Ein Stück, in dem jede Generation ihren eigenen Abschied wiedererkennt.

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