1902
Der Immoralist
Überblick↑
Der Roman Der Immoralist von André Gide entstand um die Jahrhundertwende. Gide vollendete ihn am 25. November 1901. Ein Jahr später erschien er in der Pariser Literaturzeitschrift Mercure de France. Im Mittelpunkt steht der begüterte Paläograph Michel. Drei alten Freunden berichtet er aus den letzten drei Jahren seiner Ehe. Anlass ist der Tod seiner Frau Marceline, wenige Monate zuvor. In dieser Beichte schildert Michel, wie er nach einer schweren Krankheit eine neue, hemmungslose Lust am Leben entdeckt. Diese Wandlung stellt sein Verhältnis zu Marceline und zur bürgerlichen Moral auf eine harte Probe. Das Werk gilt als Gides erste „realistische" Erzählung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der begüterte Handschriftenkundler Michel. Seine Ehe mit der vier Jahre jüngeren Marceline ist eine Vernunftehe, besiegelt am Sterbebett seines Vaters. Beide sind Waisen. Marceline folgt ihrem Mann willig auf seinen Reisen.
Auf der Fahrt ins algerische Biskra erkrankt Michel schwer an der Schwindsucht. Dank Marcelines aufopferungsvoller Pflege genest er langsam. Mit der wiedergewonnenen Gesundheit erwacht in ihm ein ungestümer Lebenshunger. Er sucht die Nähe halbwüchsiger Knaben und entdeckt die einfachen Freuden des Körpers. Alles Anständige und Bürgerliche beginnt er als Fessel zu empfinden.
Zurück auf seinem normannischen Gut und bei seiner Arbeit in Paris verstärkt sich dieser Drang. Die Begegnung mit dem besitzlosen Ménalque, einem Mann, der „das gewagte Leben" liebt, zieht Michel unwiderstehlich an. Zwischen seiner glühenden Liebe zu Marceline und seinem Verlangen nach schrankenloser Freiheit tut sich ein immer tieferer Riss auf. Zugleich gerät nun Marcelines eigene Gesundheit ins Wanken.
Die Handlung im Detail↑
Die Ehe zwischen Michel und der vier Jahre jüngeren Marceline wird am Sterbebett von Michels Vater besiegelt. Michels Mutter, die ihm Ländereien in der Normandie vererbt hat, ist schon Jahre zuvor gestorben. Auch Marceline ist Waise. Sie folgt ihrem Mann bereitwillig. Michel ist Handschriftenkundler wie sein Vater. Früh war er mit einem „Essay über die phrygischen Kulte" hervorgetreten. Veröffentlicht hatte er ihn allerdings unter dem Namen des Vaters. Die Fachkollegen kannten den wahren Verfasser und nahmen ihn in ihre Kreise auf.
Das Paar reist ins algerische Biskra. Unterwegs zeigt sich, dass Michels Gesundheit schwach ist: Er leidet an der Schwindsucht. Die Ehe scheint noch nicht einmal vollzogen. In Biskra kümmern sich die beiden um einheimische Kinder. Der kleine Dieb Moktir wird Michels Liebling. Dank Marcelines aufopferungsvoller Pflege genest Michel schließlich so weit, dass er sogar seine hübsche Frau begehrt. In Sorrent wird Marceline schwanger.
Michel führt sie auf sein normannisches Gut La Morinière. Dort schließt er sich erneut jungen Männern und Knaben an. Zunächst lässt er sich von Charles, dem sachlichen, aufstrebenden Sohn seines unfähigen Verwalters Bocage, in die Landwirtschaft einführen. Dann wildert er mit dem Knaben Bute auf seinem eigenen Grund und Boden. Charles erfährt von den im Gutswald gelegten Drahtschlingen und macht Michel Vorwürfe. Ungerührt erwidert der Gutsherr, er wolle das Anwesen ohnehin verkaufen.
Zwischendurch arbeitet Michel in Paris in seinem Beruf. Auf einer seiner Vorlesungen begegnet er dem besitzlosen Ménalque. Dieser alte Bekannte hat Michels Spuren bis nach Biskra verfolgt und trägt Moktirs Diebesgut, eine Schere, in seinem Gepäck. Beharrlich bringt Ménalque Michels Gewohnheiten in Nordafrika zur Sprache: Michel habe sich dort lieber mit Knaben abgegeben als mit seiner Frau. Michel errötet, fühlt sich aber von Ménalque, der „das gewagte Leben" liebt, magisch angezogen. Als er eine ganze Nacht bei ihm verbringt, erleidet Marceline eine Fehlgeburt. Danach folgen eine Embolie und schließlich der Ausbruch der Schwindsucht.
Ein Aufenthalt im Hochgebirge bringt Marceline Linderung. Doch Michel hält es selbst im komfortablen St. Moritz nicht lange aus. Seine historischen Studien vernachlässigt er und wendet sich der Psychologie zu. Anständige, ehrbare Leute sind ihm zum Gräuel geworden. Michel liebt Marceline glühend. Trotzdem überredet er die Kranke, die klare Bergluft zu verlassen und das im Winter unwirtliche Italien aufzusuchen. Dort lässt er seine Frau stundenlang allein im Hotelzimmer und treibt sich in den süditalienischen Städten herum, wo er den Umgang mit üblen Leuten sucht. Über Tunis gelangt das Paar wieder nach Biskra. Moktir hat inzwischen im Gefängnis gesessen.
Das Wüstenklima bekommt der schwer kranken Marceline überhaupt nicht. Sie stirbt in Touggourt und wird in El Kantara beigesetzt. Nur noch anstandshalber hatte Michel es in ihren letzten Tagen am Bett ausgehalten. Abends zog es ihn hinaus in dieses „bizarre Land". Der sich nun wieder kerngesund fühlende Michel sucht nach dem Sinn seines Lebens. Er plant einen Neuanfang und lässt sich mit einer Prostituierten ein. Am Ende bevorzugt er jedoch deren Bruder, einen Knaben.
Stil↑
Als mündliche Beichte ist der Roman angelegt. Michel erzählt seine Geschichte drei alten Freunden, die schweigend zuhören. Diese Erzählung ist noch einmal eingefasst: Einer der Freunde gibt sie in einem Brief an einen Präsidenten weiter und schildert dem Leser zugleich, wie die drei Männer stumm lauschen. So entsteht ein kunstvoller Rahmen, der das Bekenntnis auf Abstand hält.
Auffällig ist die geschlossene, ringförmige Bauweise. Der Roman endet an demselben Ort in Algerien, an dem Michel zu Beginn von seiner Krankheit genesen war und „die köstlichen Reichtümer des Lebens und der Gesundheit" schätzen gelernt hatte. Das Werk gilt als Gides erste „realistische" Erzählung.
Germaine Brée deutet Michels Hinwendung zu den verschiedenen Knaben symbolisch. Jede dieser Begegnungen markiere einen Wendepunkt in seiner Entwicklung. Der Diebsjunge Moktir etwa stehe für Michels „Aufstand gegen die Moral".
Rezeption↑
Nach dem Erscheinen der deutschen Erstausgabe meldete sich Hermann Hesse zu Wort. In einer kurzen Notiz tadelte er die zwar fehlerfreie, aber doch etwas misslungene Übertragung des „noblen" Textes durch Felix Paul Greve. Ausführlicher ging er auf die Wandlungen in Michels Weltsicht ein, die sämtlich durch das Schicksal seiner aufgezwungenen Frau Marceline ausgelöst würden.
Spätere Kritiker betonten die formale Geschlossenheit und die Kühnheit des Buches. Der Kritiker Krebber rühmte „seine kühne, aber verhaltene Dramatik, die glutbewohnte Reinheit seiner Linien". Für ihn eröffnet Gide mit dem Roman eine Reihe von Werken, über denen der „Dreiklang Moral, Psychologie und Kunst" ertöne. Schon im Titel steckt das Wort Moral – im Text selbst muss man danach suchen.
Immer wieder wird das Werk mit der Philosophie Friedrich Nietzsches in Verbindung gebracht. Krebber sah den Roman „stark von Nietzsche gezeichnet", denn Gide sei vor der Niederschrift in den Bann dieses Philosophen geraten. Gide selbst bestritt eine solche Abhängigkeit. Der Kritiker Lang dagegen war überzeugt, es handle sich um einen „nietzscheanischen Roman"; er räumte jedoch ein, Gide habe Nietzsche kritisch ausgedeutet. Theis wies darauf hin, dass Michels Abkehr von seiner Wissenschaft Gedanken aus Nietzsches Schrift Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben veranschaulicht.
Häufig wird Michel auch mit Alissa Bucolin aus Gides Roman Die enge Pforte verglichen: hier die egoistische Lebensgier Michels, dort Alissas grenzenlose Selbstaufopferung. Gide selbst, so die Deutung, ließ sich in seinem Leben von keinem der beiden Antriebe ganz beherrschen. Mehrere Ausleger lesen aus dem Roman zudem Autobiografisches heraus.
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