1868
Der Idiot
Überblick↑
Der Roman Der Idiot von Fjodor Michailowitsch Dostojewski zählt zu den großen Werken des russischen Schriftstellers. Er erschien zuerst von Januar 1868 bis Februar 1869 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Russki Westnik. Dostojewski verfolgt darin einen Grundgedanken wie ein Experiment: Er stellt einen „im positiven Sinne schönen Menschen" – den jungen Fürsten Myschkin – mitten in die Petersburger Gesellschaft seiner Zeit. Der an Epilepsie leidende, seelisch labile Held begegnet den Menschen in ihren Spannungen und Widersprüchen und scheitert tragisch an dem Versuch, ihnen zu helfen. Die erste deutsche Übersetzung von August Scholz erschien 1889, viele weitere folgten.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der 26-jährige Fürst Lew Myschkin. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium kehrt er an einem Novembermorgen nach Russland zurück. In Sankt Petersburg will er eine Erbschaftsangelegenheit klären. Seine Epilepsie ist erfolgreich behandelt worden, doch die lange Abgeschiedenheit hat ihm eine kindlich-naive, offene Art bewahrt. Die Gesellschaft belächelt ihn deshalb als „Idiot", als weltfremden Sonderling.
Schon am ersten Tag lernt der Fürst mehrere Familien des wohlhabenden Mittelstandes kennen und findet Zugang sowohl zu den privilegierten Kreisen als auch zu gesellschaftlich verachteten Randgruppen. Im Zug begegnet er dem leidenschaftlichen Kaufmann Rogoschin und dem Beamten Lebedew. Er besucht seine entfernten Verwandten, die Familie des Generals Jepantschin mit den drei Töchtern Alexandra, Adelaida und Aglaja, und mietet ein Zimmer bei der verarmten Familie Iwolgin.
In dieses Geflecht von Beziehungen, Geld und Stolz tritt die schöne, gesellschaftlich ausgegrenzte Nastassja Filippowna. Um sie entspinnt sich eine spannungsreiche Konstellation, in der Mitleid, Liebe und Eifersucht aufeinanderprallen. Myschkin will mit seiner reinen, helfenden Art Unglück verhindern – und gerät dabei selbst tief in die Konflikte der anderen hinein.
Die Handlung im Detail↑
Der erste, an einem einzigen Tag spielende Teil führt die Figuren und ihre Konflikte ein. Im Zug nach Petersburg lernt Myschkin den Kaufmann Rogoschin und den Beamten Lebedew kennen. Anschließend besucht er die Familie des Generals Jepantschin, dessen Frau Lisaweta und die Töchter Alexandra, Adelaida und Aglaja. Er mietet ein Zimmer bei der verarmten Familie Iwolgin und nimmt schließlich an der Geburtstagsfeier Nastassja Filippowna Baraschkowas teil. Sie ist die sozial ausgegrenzte Geliebte des reichen Großgrundbesitzers Tozkij, der sie mit Gawrila Iwolgin verheiraten möchte. An diesem Abend bekommt Gawrila zwei Konkurrenten: Rogoschin, der 100.000 Rubel bietet, und Myschkin, der durch seine Werbung das nach seiner Einschätzung vorhersehbare Unglück der Beteiligten verhindern will. Am nächsten Tag verlassen der Fürst, Nastassja und Rogoschin Petersburg, und zwischen ihnen entwickelt sich eine tragisch endende Liebesbeziehung.
Nach einem Zeitsprung von sechs Monaten kehren Rogoschin, Nastassja und Myschkin Anfang Juni getrennt nach Petersburg zurück. Sie haben in wechselnden, jeweils mit einer Trennung endenden Verbindungen zusammengelebt. Der Fürst erfährt von Lebedew, dass Nastassja sich wieder mit Rogoschin trifft und sich oft bei ihrer Freundin Darja Alexejewna in Pawlowsk aufhält; dorthin mietet er sich ein. Bei einem Besuch in Rogoschins düsterem Haus will er sich mit dem Rivalen verständigen, die Entscheidung der Geliebten zu überlassen. Doch Rogoschin kann seine Eifersucht nicht beherrschen und folgt ihm in den Gasthof „Zur Waage", um ihn zu erstechen. Ein Epilepsieanfall Myschkins verhindert den Mordanschlag. Später, in Pawlowsk, vergibt der Fürst dem Rivalen die Tat und erklärt sie als unbegründeten Hass und „Fiebertraum".
Die Handlung verlagert sich für einen Monat nach Pawlowsk, wo die wohlhabenden Petersburger in einer Parklandschaft ihre Sommerhäuser bewohnen. Man besucht sich, tauscht Gerüchte aus und führt lange, teils komische Diskussionen über die Beziehungen untereinander und über politische, gesellschaftliche und philosophische Fragen – über atheistische und anarchistische Jugendliche, den russischen Liberalismus, das neue Gerichtswesen oder das „Gesetz der Selbstzerstörung" und das ebenso starke „Gesetz der Selbsterhaltung". Als ideologischer Gegenspieler Myschkins tritt der todkranke Ippolit Terentjew auf. Mit zwei jungen Männern behauptet er, sein Freund Antip Burdowskij sei der uneheliche Sohn von Myschkins Wohltäter Pawlischtschew, weshalb der Fürst Geld zurückzahlen müsse. Obwohl Myschkin die Unwahrheit dieser Vaterschaft belegen kann, ist er bereit, Antip zu unterstützen. Die Ankläger weisen seine Barmherzigkeit zurück, sind aber von seiner Haltung beeindruckt. Ein Schwerpunkt liegt auf Ippolits Schrift über sein Sterben und ein existenzielles Weltbild, das Myschkins orthodoxem Christentum und seiner Vision vom Adel als sittlicher Reformkraft Russlands entgegensteht.
Die Haupthandlung erweitert die zerstörerische Dreieckskonstellation um die Liebe des Fürsten zu Aglaja Jepantschin. In ihrer sprunghaften Art will Nastassja ihr Gewissen entlasten und Myschkin zu seinem Glück verhelfen, statt ihn in ihren Abgrund hineinzuziehen. Deshalb schreibt sie Aglaja, der Fürst sei in sie verliebt, und sie solle ihn heiraten; zugleich stellt sie öffentlich den Offizier Radomskij bloß, einen möglichen Bräutigam der Rivalin. Aglaja reagiert auf Eheempfehlungen grundsätzlich verärgert, liest die Briefe aber als versteckte Liebeserklärungen der Schreiberin an Myschkin und wird eifersüchtig. Sie provoziert und verspottet den Fürsten, bietet ihm dann ihre Freundschaft an und zwingt ihn schließlich, sich zu entscheiden. Myschkin gesteht ihr seine Liebe und macht ihr einen Heiratsantrag, doch sie lässt die Antwort offen. Bei einer Abendveranstaltung prüfen die Jepantschins den möglichen Bräutigam; seine philosophischen Reden enden in einem Epilepsieanfall und werden von den Gästen belächelt.
Aglaja sucht die Auseinandersetzung mit Nastassja, beleidigt sie und wirft ihr Besitzgier und Selbstinszenierung vor. In einem hysterischen Anfall befiehlt Nastassja Rogoschin zu verschwinden und dem Fürsten, sie zu heiraten. Als Aglaja das Haus verlässt, bleibt Myschkin aus mitleidiger Liebe bei der bewusstlos am Boden liegenden Nastassja. Damit ist die Frage für Aglaja entschieden, und sie reist mit der Familie ab. Myschkins und Nastassjas Hochzeit wird auf Anfang Juli angesetzt, doch die Braut kehrt vor der Kirche um und fährt mit Rogoschin in dessen Haus nach Petersburg, wo er sie ersticht. Als Myschkin am nächsten Tag ihre Leiche findet, verfällt er dem Wahnsinn und muss in das Schweizer Sanatorium zurückgebracht werden.
Stil↑
Auffällig ist der streng durchkomponierte Aufbau in vier Teilen. Der erste Teil drängt sich in einen einzigen Tag zusammen, an dem nahezu alle Figuren und ihre Konflikte eingeführt werden. Spätere Teile setzen Zeitsprünge ein und verlagern den Schauplatz vom winterlichen Petersburg in die sommerliche Parklandschaft von Pawlowsk. Dostojewski entfaltet seine Geschichte vor allem in großen, dicht besetzten Szenen – Geburtstagsfeier, Besuche, gesellschaftliche Abende –, in denen viele Stimmen aufeinandertreffen.
Charakteristisch ist die Verbindung von dramatischer Handlung und ausgedehnten Gesprächen. Immer wieder unterbrechen weltanschauliche, religiöse und politische Diskussionen den Erzählfluss; die Figuren werden zu Trägern gegensätzlicher Ideen, etwa wenn der todkranke Ippolit mit seiner Schrift Myschkins christlich geprägter Sicht entgegentritt. Die Erzählung wechselt zwischen ruhiger Charakterzeichnung und plötzlichen, heftigen Ausbrüchen – Eifersucht, hysterische Anfälle, die Epilepsie des Helden –, die der Handlung ihren fiebrigen Rhythmus geben.
Rezeption↑
Der Roman wurde von der Literaturwissenschaft in die Reihe der großen Werke Dostojewskis eingeordnet. Nach der Erstveröffentlichung in Russland fand er seinen Weg auch ins Deutsche: Die erste Übersetzung von August Scholz erschien 1889, viele weitere folgten in den folgenden Jahrzehnten.
Das Werk hat über die Literatur hinaus stark nachgewirkt und wurde vielfach für Film, Bühne und Musik bearbeitet. Zu den Verfilmungen zählen die frühe Verfilmung Irrende Seelen von Carl Froelich aus dem Jahr 1921, die Verfilmung Akira Kurosawas von 1951 und die sowjetische Fassung Iwan Pyrjews von 1958. Auch Andrzej Wajda griff den Stoff auf, und 2003 entstand eine mehrteilige Fernsehfassung von Wladimir Bortko. Daneben gibt es zahlreiche Theaterproduktionen sowie musikdramatische Bearbeitungen, die den Stoff bis in die Gegenwart lebendig halten.
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