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Cover Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
1864
– Werkseintrag –

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

1864 · Roman

Ein namenloser Mann von vierzig Jahren schreibt aus seinem ärmlichen Zimmer am Rand von Sankt Petersburg gegen die Gesellschaft an – und ebenso schonungslos gegen sich selbst.

Überblick↑

Der kurze Roman Aufzeichnungen aus dem Kellerloch von Fjodor Dostojewski erschien 1864 in der Zeitschrift Epocha. Er zählt zu den bekanntesten Werken des Autors. Vielen gilt er als einer der ersten existenzialistischen Romane. Zu Wort kommt darin ein namenloser Mann von etwa vierzig Jahren, der in einem ärmlichen Zimmer am Rand von Sankt Petersburg lebt und mit der Welt wie mit sich selbst abgerechnet hat. Das Buch stellte sich offen gegen den Fortschrittsglauben seiner Zeit.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Zu Wort kommt ein ehemaliger Beamter, etwa vierzig Jahre alt, dessen Namen man nie erfährt. Er hat den Dienst aufgegeben und lebt allein in einem ärmlichen Zimmer am Rand von Sankt Petersburg. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er aus einer bescheidenen Erbschaft.

Das Buch besteht aus zwei sehr verschiedenen Teilen. Der erste ist ein Gedankentext: Der Erzähler schreibt auf, was er von der Gesellschaft und von sich selbst hält. Er nennt sich bösartig, verkommen und hässlich, ist aber hochgebildet. Sein Hauptangriffsziel ist der „moderne Mensch“ und die Gesellschaft, die dieser geschaffen hat. Darüber urteilt er bitter und zynisch, und er baut Aggressionen und Rachsucht auf. Den eigenen Verfall hält er für natürlich und notwendig. Er betont, nur für sich selbst zu schreiben, wendet sich aber immer wieder an ein Publikum, dessen Einwände er vorwegzunehmen versucht.

Der zweite Teil erzählt: Der Mann berichtet Episoden aus seinem Leben, die alle lange zurückliegen. Sie zeigen, wie er im Beruf, im Umgang mit anderen Menschen und in der Liebe gescheitert ist. Eine dieser Episoden führt ihn zu einem Treffen mit alten Schulfreunden. Eine zweite zu der mittellosen Prostituierten Lisa.

Die Handlung im Detail↑

Der Erzähler des Buches ist ein etwa vierzigjähriger früherer Beamter ohne Namen. Über seine Umstände wird nur wenig mitgeteilt: Er hat den Dienst quittiert, wohnt allein in einem ärmlichen Zimmer am Rand von Sankt Petersburg und lebt von einer kleinen Erbschaft.

Der erste Teil ist essayistisch angelegt und hält seine Gedanken fest – zur Gesellschaft und zu ihm selbst. Er beschreibt sich als bösartig, verkommen und hässlich, dabei als hochgebildet. Seine scharfen, polemischen Analysen richten sich vor allem gegen den „modernen Menschen“ und dessen Gesellschaft. Er kommentiert sie bitter und zynisch und steigert sich in Aggressionen und Rachsucht hinein. Den eigenen Verfall betrachtet er als natürlich und unvermeidlich. Zwar versichert er, nur für sich selbst zu schreiben, doch spricht er immer wieder ein unbestimmtes Publikum an und versucht dessen Fragen vorwegzunehmen.

Der zweite Teil ist erzählend angelegt und wurde gelegentlich als eigenständige Novelle betrachtet. Hier gibt der Erzähler mehrere weit zurückliegende Episoden wieder, die sein Scheitern im Beruf, im Umgang mit anderen und in der Liebe belegen. In einer Episode trifft er alte Schulfreunde. Sie stehen alle in gehobenen, gesicherten Positionen und begegnen ihm herablassend. Daraufhin richtet er seine Aggressionen gegen sich selbst und bemüht sich, sich noch weiter zu erniedrigen. Gleichzeitig lässt er seine Wut an Menschen aus, die noch tiefer stehen als er. Bei der mittellosen Prostituierten Lisa spielt er sich als möglicher Retter auf. Genau in dem Augenblick, in dem sie durch ihn Hoffnung zu schöpfen beginnt, weist er sie zurück – begleitet von zahllosen Selbstvorwürfen.

Dostojewski stellte dem Text einen kurzen Kommentar bei. Darin hält er fest, dass Figuren und Handlung erfunden seien, dass sie aber bei den Zuständen der damaligen Gesellschaft nicht nur möglich, sondern sogar unausbleiblich seien.

Stil↑

Das Buch zerfällt in zwei stilistisch sehr unterschiedliche Teile. Der erste ist essayistisch gebaut: eine fortlaufende Niederschrift von Gedanken, Einwänden und Selbstbeschreibungen, ohne eigentliche Handlung. Der zweite ist erzählend und reiht weit zurückliegende Episoden aneinander; er wurde deshalb manchmal als Novelle für sich gelesen.

Das ganze Werk spricht in der Ich-Form, und zwar aus einem Mund, der sich selbst nicht traut. Der Erzähler behauptet, nur für sich zu schreiben, redet aber ständig ein gedachtes Publikum an und nimmt dessen Fragen vorweg. So entsteht ein Ton des Widerspruchs: bitter, zynisch, polemisch, scharf im Urteil über andere und ebenso schonungslos gegen sich selbst. Dass die Hauptfigur namenlos bleibt und über ihr Leben fast nichts verraten wird, verstärkt diese Wirkung. Auffällig ist auch, dass Dostojewski seinem Text einen erklärenden Kommentar beigab, der das Erzählte als erfunden, aber unter den damaligen Verhältnissen als unvermeidlich bezeichnet.

Rezeption↑

Zunächst wurde der Roman vor allem als psychologische Studie gelesen. Zu seinen frühen Bewunderern zählte Friedrich Nietzsche, der ihn 1887 in einem Brief als „wahre[n] Genie-Streich der Psychologie“ bezeichnete. Nietzsche las den Text in französischer Übersetzung; es war seine erste Begegnung mit Dostojewski.

Außerdem verstand man das Buch als Angriff auf Tschernyschewskis 1863 erschienenen Roman Was tun?. Dieser schilderte optimistisch, was eine Gesellschaft aus idealistischen, fortschrittlich denkenden Menschen erreichen könnte, und war bei Sozialisten und Revolutionären in ganz Europa außerordentlich beliebt. Dahinter stand ein breiter Fortschrittsglaube, der sich auf Errungenschaften in Technik und Naturwissenschaft stützte und auf das Zusammenleben der Menschen übertragen wurde. Genau diese Denkweise greift der namenlose Erzähler an, was das Werk damals zumindest unpassend erscheinen ließ. Für die Zeitschrift Epocha, die ab März 1864 von Dostojewskis Bruder Michail herausgegeben wurde und ohnehin mit sinkenden Leserzahlen zu kämpfen hatte, war der Druck ein Risiko. Dostojewski selbst war von dem Text überzeugt und sprach seinem Bruder gegenüber von einem „starke[n] und freimütige[n] Werk“, dessen Analysen „die Wahrheit“ seien.

Später versuchten manche, den Text teilweise als Selbstaussage des Autors zu lesen. Dafür sprach, dass Dostojewski ähnliche Ansichten geäußert und in Briefen teilweise ähnlich formuliert hat. Dieser Ansatz blieb aber umstritten, weil viele Auffassungen im Roman eindeutig auf die erfundene Hauptfigur zugeschnitten sind. Die Literaturwissenschaft zog immer wieder Verbindungen zu Dostojewskis späteren Romanen: Lisa wurde als Vorform der Sonja aus Schuld und Sühne gelesen. Der Erzähler, der Gedankenspiel und Vernunft über die Moral stellt und sich damit selbst in einen unlösbaren Gewissenskonflikt bringt, wurde mit Raskolnikow und mit Nikolai Stawrogin aus Die Dämonen verglichen. Das Werk wurde auch verfilmt, unter anderem von Gary Walkow. Auf Deutsch liegt es in mehreren Übersetzungen vor, darunter von Hermann Röhl und Swetlana Geier.

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