1880
Die Brüder Karamasow
Überblick↑
Der letzte Roman Fjodor M. Dostojewskis entstand zwischen 1878 und 1880. Vielen gilt er als Höhepunkt seines Werks und als einer der bedeutendsten Romane der Weltliteratur. Erzählt wird die Geschichte einer russischen Familie, in deren Mitte ein Vatermord geschieht. Doch der Kriminalfall ist nur die Oberfläche. In den drei sehr verschiedenen Brüdern und ihren Auseinandersetzungen verhandelt Dostojewski die großen Fragen seiner Zeit: Glaube und Zweifel, Schuld und Vergebung, die Freiheit des Menschen, der seinen eigenen Gott ersetzt. Sigmund Freud nannte das Buch einen der gewaltigsten Romane der Weltliteratur. Marcel Reich-Ranicki hielt ihn schlicht für den besten Roman überhaupt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht die Familie Karamasow in einer russischen Provinzstadt. Der alte Fjodor Karamasow ist ein durch Spekulationen reich gewordener Lebemann. Um seine Söhne hat er sich nie gekümmert. Nun kehren die drei erwachsenen Brüder ins Vaterhaus zurück, jeder mit einem ganz anderen Wesen. Dmitri, der älteste, ist ein leidenschaftlicher Offizier mit sprunghaftem Gemüt. Iwan, der mittlere, ist ein kühler Intellektueller, der an Gott und der Welt zweifelt. Alexej, genannt Aljoscha, der jüngste, lebt als Novize im nahen Kloster bei dem verehrten Starzen Sossima.
Zwischen dem Vater und Dmitri entbrennt ein doppelter Streit: um Geld aus dem Erbe der Mutter und um dieselbe Frau, die schöne Gruschenka. Verwickelt wird die Lage durch Dmitris frühere Verlobte Katerina, die ihn nicht loslassen kann. Dazu kommt der uneheliche Halbbruder Smerdjakow, der im Haus als Koch dient und Iwans philosophische Ideen aufmerksam verfolgt. Während sich die Konflikte zuspitzen, eilt Aljoscha zwischen allen Beteiligten hin und her. Er versucht zu vermitteln und Verständnis zu stiften. Die Spannung wächst auf eine Katastrophe zu. Deren Aufklärung wird schließlich vor dem Bezirksgericht verhandelt.
Die Handlung im Detail↑
Die Haupthandlung spielt an wenigen Tagen im September und – nach einem Sprung von zwei Monaten – im November. Sie beginnt mit Dmitris Streit mit dem Vater. Fjodor schuldet ihm angeblich Geld aus dem Erbe seiner Mutter und wirbt zugleich um dieselbe Frau wie der Sohn, um Agrafena Alexandrowna, genannt Gruschenka. Im Hintergrund steht die verwickelte Beziehung zu Katerina Werchowzew, mit der Dmitri einmal verlobt war: Sie hat sich nicht von ihm gelöst, obwohl er sich Gruschenka zugewandt hat, und liebt zugleich den ernsthaften Iwan. Aus Enttäuschung darüber reist Iwan nach Moskau ab.
Dmitri versucht verzweifelt, sich Geld zu leihen, um mit Gruschenka fortzugehen. Er belauert das Vaterhaus, um zu sehen, ob sie zu Fjodor kommt, und schlägt im Garten den Diener Grigori nieder, der ihn überrascht. Dann erfährt er, dass Gruschenka ihren früheren Liebhaber, einen polnischen Offizier, im Dorf Mokroje trifft, und reist ihr nach. Dort feiert er mit ihr in einer Gastwirtschaft ein ausschweifendes Fest und verjubelt eine große Summe – obwohl er vorher bei allen Bekannten vergeblich um Geld gebeten hatte.
In genau dieser Nacht hat Smerdjakow die Gelegenheit genutzt, Fjodor Karamasow zu ermorden, Spuren gelegt und die 3000 Rubel beiseitegeschafft, die der Vater für Gruschenka bereithielt. Der Verdacht fällt sofort auf Dmitri: Er hat den Vater offen bedroht und tätlich angegriffen, er war am Tatort, und er hat anschließend das Geld zur Hand, das er vorher nicht hatte. Vor dem Bezirksgericht wird er des geplanten Mordes und Raubes angeklagt. Es gibt keine Tatzeugen, aber die Indizien sprechen gegen ihn. Seine verworrene Erklärung, das Geld stamme von Katerina, glaubt das Gericht nicht – und Katerina selbst, hin- und hergerissen zwischen Eifersucht auf Gruschenka und Achtung vor Iwan, ändert nach Iwans Selbstanklage ihre Aussage und belastet Dmitri schwer.
Denn der wahre Täter ist Smerdjakow. Er hat Iwans atheistische Lehre, der Mensch sei sein eigener Gott und in seinen Taten frei, als unausgesprochene Aufforderung zum Mord verstanden und gehofft, sich damit Iwans Anerkennung zu verdienen. Als er Iwan in einem nächtlichen Gespräch alles gesteht, ist dieser von der Tat und von seinen eigenen unbewussten Wünschen entsetzt. Smerdjakow erhängt sich am Tag vor Prozessbeginn, ohne ein schriftliches Geständnis zu hinterlassen. So nimmt der Justizirrtum seinen Lauf: Dmitri wird zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Anfangs nimmt er das Urteil als gerechte Strafe für seinen Hass und seine Mordgedanken an. Gemeinsam mit Aljoscha begreift er aber, dass die Strafe ihn als Unschuldigen zerbrechen würde, und willigt schließlich in Iwans Fluchtplan ein.
Mit diesem Hauptstrang sind weitere Geschichten verwoben, die alle um Eltern-Kind-Beziehungen kreisen. Die Gutsbesitzerin Frau Chochlakow ist gesellschaftlich gut vernetzt und verbindet die Erzählstränge; ihre 14-jährige Tochter Lisa ist seit einem halben Jahr an den Füßen gelähmt und in Aljoscha verliebt. Eine eigene Welt bildet das Kloster mit dem Starzen Sossima, Aljoschas geistigem Vater, dessen Lehre von Mitleid und Vergebung den Gegenpol zur Stadt setzt. Auch der verarmte ehemalige Soldat Nicolai Snegirjow ist als liebevoller Vater eine Kontrastfigur zu Fjodor Karamasow. Sein an Schwindsucht erkrankter neunjähriger Sohn Iljuscha, den Dmitri einmal gedemütigt hat, indem er den Vater vor den Kameraden verspottete, stirbt am Ende des Romans. Aljoscha versöhnt den Jungen mit seinen Schulkameraden um den von Iljuscha verehrten Kolja Krassotkin – und an Iljuschas Grab wird er am Schluss von eben diesen Jungen umjubelt: Dostojewskis Hoffnungsfigur für eine erneuerte, mitfühlende Gesellschaft.
Stil↑
Der Roman ist nach dem Muster einer Kriminalgeschichte gebaut: familiärer Konflikt, Mord, Ermittlungen, Verhaftung des Verdächtigen, Verhandlung mit Zeugen, Plädoyers und Urteil. In dieses Gerüst webt Dostojewski lange Gespräche und Glaubensauseinandersetzungen ein. In ihnen halten die Figuren ihre Weltanschauungen gegeneinander. Schon das Vorwort des Erzählers gibt einen Ton vor, der zwischen Chronik und persönlicher Anteilnahme schwankt.
Wladimir Nabokov hat bemerkt, dass Dostojewski seine Personen anders zeichne als etwa Tolstoi. Nicht Details der Kleidung, der Wohnung oder der Umgebung prägen sie, sondern ihre psychologischen Reaktionen und ihre ethischen Konflikte – wie in einem Theaterstück. Dieses Verfahren prägt den ganzen Roman. Die vier Teile sind in Bücher und Kapitel gegliedert. Sie verdichten die Hauptereignisse auf wenige Tage und schaffen so eine drängende, dramatische Spannung, die in der Gerichtsverhandlung kulminiert.
Rezeption↑
Die Wirkung des Romans war von Anfang an außergewöhnlich, im Lob wie in der Ablehnung. Die russischen Philosophen Wladimir Solowjow, Wassili Rosanow und Nikolai Berdjajew sowie der Schriftsteller Dmitri Mereschkowski beriefen sich auf Dostojewskis religiöse Ideen. Skeptisch bis ablehnend äußerten sich Henry James, D. H. Lawrence, Vladimir Nabokov und Milan Kundera. Sie beklagten unter anderem die morbide und depressive Grundstimmung. Sigmund Freud nannte das Buch einen der gewaltigsten Romane der Weltliteratur. 1928 legte er in seinem Essay „Dostojewski und die Vatertötung" eine psychoanalytische Deutung vor, die die ödipale Thematik herausarbeitete.
Hermann Hesse sah 1920 in den Brüdern Karamasow weniger ein sprachliches Kunstwerk als eine Prophezeiung eines „Unterganges Europas". Statt der wertgebundenen europäischen Ethik predige Dostojewski hier ein „uraltes asiatisch-okkultes Ideal". Dieses brachte Hesse mit der Oktoberrevolution in Verbindung. Andere Interpreten sehen in der berühmten Gestalt des Großinquisitors aus Iwans Erzählung ein frühes Bild totalitärer Herrschaft. Dagegen setzte Dostojewski selbst 1879 das Bild eines neuen „Turms zu Babel", in dem unter dem Deckmantel sozialer Liebe nur Menschenverachtung gedeihe.
Für den französischen Existenzialisten Albert Camus hat niemand der „absurden Welt so eindringliche und so quälende Reize zu geben vermocht" wie Dostojewski. Die Übersetzerin Swetlana Geier urteilte, der Roman trage „in sublimater Form" Züge von Dostojewskis innerer Biographie und vollende Gedanken seiner früheren Werke. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete Die Brüder Karamasow als den besten Roman der Welt. Auch die Bühnen- und Filmgeschichte zeigt die anhaltende Wirkung. Schon 1921 verfilmte Carl Froelich den Stoff. 1931 folgte Fjodor Ozep mit Der Mörder Dimitri Karamasoff, 1958 die Hollywood-Verfilmung von Richard Brooks. Bis in die jüngste Zeit reichen Adaptionen für Kino, Fernsehen und Theater.
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