Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Die Brücke über die Drina
Eingang · Werke · Die Brücke über die Drina
Cover Die Brücke über die Drina
Die Brücke über die Drina
1945
– Werkseintrag –

Die Brücke über die Drina

1945 · Roman

Vier Jahrhunderte bosnischer Geschichte, erzählt an einer einzigen steinernen Brücke, an der Herrscher, Kriege und unzählige Menschenschicksale kommen und gehen.

Überblick↑

Der historische Roman Die Brücke über die Drina von Ivo Andrić erschien 1945 in Belgrad. Er erzählt die Geschichte einer steinernen Brücke in der bosnischen Stadt Višegrad und der Menschen, die über vier Jahrhunderte hinweg an ihr leben. Die Brücke steht am Fluss Drina, an der Grenze zwischen Bosnien und Serbien, und wird zum ruhenden Mittelpunkt einer wechselvollen Geschichte: vom Bau durch die Osmanen im 16. Jahrhundert über die österreichisch-ungarische Besatzung bis in den Ersten Weltkrieg. Andrić verbindet dabei überliefertes Geschehen mit Sage und Legende und zeigt an vielen Einzelschicksalen das Zusammenleben von Serben, bosnischen Muslimen und anderen Bewohnern der Stadt.

Die deutsche Übersetzung von Ernst E. Jonas kam 1953 heraus. Das Buch war ausschlaggebend für die Verleihung des Literatur-Nobelpreises, den Andrić 1961 erhielt. Das Magazin Der Spiegel zählt es zu den 100 besten Romanen zwischen 1925 und 2025.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt des Romans steht eine elfbögige Steinbrücke über die Drina bei Višegrad, gestiftet von einem osmanischen Großwesir und über Jahre unter schweren Bedingungen erbaut. In ihrer Mitte, auf der erhöhten Plattform, die von den Bewohnern „Kapija“ – das Tor – genannt wird, treffen sich die Menschen der Stadt. Hier wird geredet, gehandelt, gefeiert und getrauert. Dieser Platz wird zum Schauplatz vieler Ereignisse, die der Erzähler nach und nach aneinanderreiht.

Der Roman folgt keinem einzelnen Helden, sondern begleitet ganze Generationen. Über rund vier Jahrhunderte ziehen Herrscher, Kriege, Überschwemmungen und Seuchen an der Brücke vorbei, während sie selbst unverändert bleibt. Andrić verwebt geschichtlich belegte Vorgänge mit örtlichen Sagen: Aus tatsächlichen Begebenheiten werden mit der Zeit Legenden, deren Einzelheiten verblassen. Neben den großen politischen Umbrüchen erzählt das Buch von einzelnen Menschen und ihren Geschichten – manche enden glücklich, manche tragisch. So entsteht das breite Bild einer Landschaft an der Grenze zwischen Orient und Okzident, in der verschiedene Völker und Religionen dicht beieinanderleben.

Die Handlung im Detail↑

Der Roman beginnt mit der Lage der Brücke, ihrer Bedeutung für das Alltagsleben in Višegrad und den alten Sagen, die sich um sie ranken. Der Erzähler, der sich mehrmals durch die „Wir“-Form als Bewohner der Stadt zu erkennen gibt, schildert dann den Bau als Stiftung des Großwesirs Mehmed Pascha. Dieser kam um 1516 als etwa zehnjähriger Bauernjunge im Zuge der sogenannten Knabenlese, einer Zwangsrekrutierung, mit der Fähre über die Drina und wurde in Istanbul türkisch-muslimisch erzogen. Er machte im Staatsdienst Karriere, wurde zum mächtigsten Mann im Staat und ließ aus den Erträgen seiner Besitzungen die Brücke und eine Karawanserei errichten.

Der Bau im 16. Jahrhundert steht im Zeichen harter Arbeitsbedingungen. Abidaga, der Beauftragte des Wesirs, treibt das Werk mit großem Druck und Frondiensten voran. Unzufriedene Bauern sabotieren die Arbeiten, reißen nachts Gerüste ein und streuen das Gerücht, eine Wassernixe namens Vila sei am Werk. Schließlich fasst Plewljak, der Hauptmann der Wächter, den Rädelsführer Radisaw. Abidaga lässt ihn zur Abschreckung foltern und öffentlich pfählen, was die Stimmung der Christen gegen den Brückenbau weiter vergiftet. Erst als Abidaga wegen Korruption abgelöst wird, bessert sich die Lage: Sein Nachfolger Arif Beg bezahlt die Arbeiter anständig. Der Baumeister Tosun Effendi vollendet die Brücke nach fünf Jahren und errichtet am Ufer die Karawanserei. Die stolzen Bewohner feiern die Einweihung; die mittlere Plattform mit ihren steinernen Bänken, die Kapija, wird fortan zum wichtigsten Treffpunkt.

Nach der Fertigstellung wächst der Handel, die Stadt vergrößert sich, und das Leben verläuft, unterbrochen von Spannungen zwischen Christen und Türken, Überschwemmungen und Seuchen, verhältnismäßig ruhig. Aus den Ereignissen der Bauzeit werden Legenden – am bekanntesten die Geschichte der Zwillinge Stoja und Ostoja, die angeblich als Bauopfer in einen Pfeiler eingemauert wurden. Auch persönliche Schicksale spielen sich an der Kapija ab. Die stolze und schöne Fata Osmanagitsch weist einen Bewerber spöttisch ab; ihr Vater vereinbart dennoch die Heirat. Auf dem Hochzeitszug hält Fata an der Kapija ihr Pferd an und stürzt sich in den reißenden Fluss. Eine andere Geschichte nimmt den umgekehrten Verlauf: Der naive Gelegenheitsarbeiter Salko Tschorkan wird in einer Schenke zum Narren gehalten und schließlich angestiftet, in einer Winternacht auf der vereisten Brüstung der Brücke zu balancieren – betrunken hält er das Gleichgewicht, überquert sicher die Brücke und wird als Held gefeiert. Der Spieler Milan Glasintschanin wiederum wird durch eine Todeserfahrung auf der Kapija von seiner Spielsucht befreit.

Mit dem ersten serbischen Aufstand unter Karageorge (1804 bis 1813) bricht der Konflikt zwischen Türken und Serben auch im Grenzgebiet auf und stört das bisher meist friedliche Zusammenleben. Türkische Soldaten bauen mitten auf der Brücke ein Holzhaus und kontrollieren die Passanten. Ein Wandermönch und ein junger Müller, der ein serbisches Lied singt, werden als Aufwiegler verdächtigt und auf der Brücke enthauptet; ihre Köpfe werden zur Warnung auf die Kapija gestellt. Nach dem Ende der Unruhen ziehen die Soldaten ab, das Holzhaus verbrennt, und die Brücke belebt sich wieder. Bei späteren Aufständen ziehen erschöpfte muslimische Flüchtlinge über die Brücke an den ausruhenden Städtern vorbei.

Rund siebzig Jahre nach Karageorges Aufstand endet die türkische Herrschaft in Bosnien. Die österreichischen Truppen rücken ein. Der Fanatiker Osman Effendi Karamanli ruft die Muslime zum Kampf auf, findet aber kaum Anhänger, denn die Menschen wollen nicht gegen eine übermächtige Armee sterben. Alihodscha Mutewelitsch wird ihr Sprecher und weist Karamanlis Forderung zurück; dafür lässt dieser ihn vor dem Abzug der Türken an einem Ohr an einem Balken der Kapija festnageln. Die einrückenden Österreicher, von den Bosniern „Schwaben“ genannt, befreien ihn. An der Stele hängt nun die Bekanntmachung, dass Kaiser Franz Joseph den Bosniern Frieden und Schutz verspricht; kurz darauf müssen die Führer der drei Religionen dem österreichischen Oberst ihre Gefolgschaft zusichern.

Im sechsten Jahr der Besatzung kommt es nach der Einführung des Militärdienstes zu Aufständen, die niedergeschlagen werden. Um flüchtige Rebellen wie den gesuchten Jakob Tschekrlija an der Flucht über die Brücke zu hindern, werden die Passanten an der Kapija kontrolliert. Doch Jakob entkommt durch eine List: Seine Freundin Jelenka lenkt, als türkisches Mädchen verkleidet, den Wächter Gregor Fedun ab, und Jakob geht als angebliche Großmutter unbehelligt vorüber. Weil ihm eine Anklage vor dem Garnisonsgericht in Sarajewo droht, fühlt sich Gregor entehrt und erschießt sich. Die neue Verwaltung überzieht das Leben unterdessen mit einem dichten Netz von Gesetzen und Vorschriften: Seuchenschutz, Kanalisation, Vermessung, Registrierung, neue Bauten und Straßenbeleuchtung. Auf der Kapija drängen sich jetzt Beamte, Geschäftsleute und uniformierte Soldaten, während viele alteingesessene, des Lesens unkundige Städter mit den Veränderungen nicht zurechtkommen. Die Chronik führt so durch die österreichisch-ungarischen Jahrzehnte weiter – die Brücke bleibt beständig, während die Generationen wechseln, bis sie im Ersten Weltkrieg teilweise zerstört wird.

Stil↑

Kennzeichnend für den Roman ist eine chronikartige Erzählweise, die vier Jahrhunderte nicht in einer durchgehenden Handlung, sondern in einer Kette von Episoden entfaltet. Andrić reiht einzelne Begebenheiten aneinander und verknüpft sie über den gemeinsamen Schauplatz – die Brücke und ihre Kapija. Diese bleibt der feste Bezugspunkt, während Menschen, Herrscher und Ereignisse kommen und gehen. Immer wieder tritt hervor, wie die Brücke alle Spuren des Geschehens gleichsam abschüttelt und unverändert bleibt, während sich das Erlebte im Gedächtnis der Bewohner allmählich zur Legende wandelt.

Erzählt wird aus einer besonderen Perspektive: Der Erzähler gibt sich mehrfach durch die „Wir“-Form als Bewohner von Višegrad zu erkennen. So spricht ein Kollektiv mit menschlichem Bewusstsein, das die Ereignisse von außen betrachtet und zugleich das Innenleben der Figuren mitteilt. Dadurch bleibt der Blick nicht auf die große Außensicht der Geschichte beschränkt, sondern öffnet sich für das Erleben der Einzelnen. Andrić verbindet dabei belegtes Geschehen mit Sage und Erfindung und formt daraus zahlreiche eindringliche Gestalten. Der Blickwinkel gilt als human und vielstimmig: Verschiedene Völker und Glaubensrichtungen kommen mit ihren eigenen Sichtweisen zu Wort, ohne dass eine Partei einseitig bevorzugt würde.

Rezeption↑

In der jugoslawischen Literaturszene wurde Die Brücke über die Drina sofort als Klassiker anerkannt. In der Tito-Ära trug der Roman wesentlich zu Andrićs Ansehen bei, und von 1945 bis zur Auflösung Jugoslawiens 1991/92 gehörte er zur Pflichtlektüre an den Sekundarschulen. Als Andrićs international bekanntestes Werk war er ausschlaggebend für die Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1961.

Bis zum Bürgerkrieg war die Bewertung im jugoslawischen Sprachraum weitgehend einheitlich positiv; danach änderte sie sich. In Serbien wird Andrić weiter als Vorzeigeautor gefeiert, während man sich in Bosnien von ihm distanziert und ihm vorwirft, er stelle die als „Türken“ bezeichneten bosnischen Muslime im Gegensatz zu den christlichen Serben als grausam dar. Viele Leser sehen den Bosnienkrieg als neue Hintergrundfolie: Bitter ironisch ist, dass zahlreiche Opfer eines Massakers 1992 auf oder nahe der berühmten Brücke ermordet und in den Fluss geworfen wurden.

In der deutschen Literaturkritik gilt das Buch übereinstimmend als monumentaler historischer Roman und als „große Literatur“, als beeindruckendes Zeitpanorama an der Schnittstelle von Orient und Okzident. Gelesen wird es zugleich als Abgesang auf die Donaumonarchie und als Festhalten an der Idee eines gemeinsamen Jugoslawien, dem sich der Autor verbunden fühlte. Sein humaner, vielstimmiger Blickwinkel stellt den Roman nach diesen Urteilen in eine Reihe mit Autoren wie Joseph Roth, Robert Musil, Jaroslav Hašek, Sándor Márai, Józef Wittlin und Gyula Krúdy. Den Versuch, aus dem Werk einseitige ethnische Sympathien herauszulesen, weisen Kritiker als abwegig zurück – bei einem Autor, der als Kroate in Bosnien aufwuchs, in Serbien lebte und von der Einheit der südslawischen Völker beseelt war.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten