1892 – 1975
Ivo Andrić
Kurzbiografie↑
Ivo Andrić war ein jugoslawischer Schriftsteller, Diplomat und Politiker. Er wurde am 9. Oktober 1892 in Dolac bei Travnik geboren und prägte das literarische Leben Südosteuropas im 20. Jahrhundert. Er stammte aus einer katholischen Handwerkerfamilie. Sein Leben war bewegt und führte ihn durch Studium, Haft, jahrzehntelangen diplomatischen Dienst und schriftstellerische Arbeit. 1961 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Dieser würdigte die epische Kraft, mit der er Motive und Schicksale aus der Geschichte seines Landes gestaltete. Er starb am 13. März 1975 in Belgrad.
Biografie↑
Andrić wurde während eines Besuchs seiner Mutter Katarina bei Verwandten in Dolac geboren und am selben Tag getauft. Sein Taufname lautete Ivan. Die Familie war in Sarajevo im damals von Österreich-Ungarn okkupierten Bosnien beheimatet. Der Vater Antun war Handwerker. Als Andrić zwei Jahre alt war, starb sein Vater an Tuberkulose. Seine Mutter konnte ihn nicht ernähren. Deshalb wuchs er bei der Schwester seines Vaters, Ana, und deren Ehemann Ivan Matkovščik in Višegrad auf. Nach der Volksschule in Višegrad besuchte er das Gymnasium in Sarajevo.
Ab 1912 studierte er Philosophie, Slawistik und Geschichte in Zagreb, Wien, Krakau und Graz. Der Erste Weltkrieg unterbrach dieses Studium. Möglich wurde es durch ein Stipendium der Kulturgesellschaft der Kroaten in Bosnien und Herzegowina, des Napredak (Fortschritt). Von 1913 bis 1914 setzte er die Studien in Wien und Krakau fort. Zum Tode des kroatischen Schriftstellers Antun Gustav Matoš hielt er eine Rede im Wiener Klub der kroatischen Studenten. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde er als Mitglied der revolutionären Organisation Mlada Bosna von den österreichisch-ungarischen Behörden gesucht. Ein Grund war auch, dass er einem in das Attentat von Sarajevo Verwickelten Unterschlupf gewährt hatte. In Split wurde er verhaftet und verbrachte dort ein Jahr im Gefängnis. Anschließend wurde er nach Ovčarevo bei Travnik und nach Zenica verbannt. 1917 wurde er amnestiert. Er ging nach Zagreb in ärztliche Behandlung und gründete dort 1918 die literarische Zeitschrift Književni jug (Literarischer Süden).
Nach dem Ersten Weltkrieg wirkte er im Zagreber Nationalrat mit. Dessen Deklaration führte zur Union von Serben, Kroaten und Slowenen. 1919 ging er nach Belgrad und trat im Februar 1920 ins dortige Außenministerium ein. Zwischen 1920 und 1923 war er an den Konsulaten im Vatikan, in Bukarest, Triest und Graz tätig. 1924 wurde er an der Karl-Franzens-Universität Graz promoviert, mit einer Arbeit über die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter der Einwirkung der türkischen Herrschaft. Die Promotion war nötig geworden, weil seit Juli 1923 ein abgeschlossenes Studium Voraussetzung für eine Beschäftigung im höheren diplomatischen Dienst war.
Im November 1926 wurde er an das Generalkonsulat nach Marseille versetzt, ab Januar 1928 nach Paris. Ende April folgte die Botschaft in Madrid. Von dort ging es im August 1929 nach Brüssel, mittlerweile als stellvertretender Leiter der Gesandtschaft. Ab März 1930 war er drei Jahre lang Erster Sekretär und Geschäftsträger der Ständigen Delegation Jugoslawiens beim Völkerbund in Genf. Im März 1933 wurde er nach Belgrad ins Außenministerium zurückberufen und übernahm bald die Leitung der Abteilung für Minderheiten. Im Juli 1935 wurde er Leiter der politischen Abteilung, des dritthöchsten Postens der jugoslawischen Diplomatie.
1939 wurde Andrić Mitglied der Serbisch-königlichen Akademie und im selben Jahr außerordentlicher Gesandter des Königreichs Jugoslawien im Deutschen Reich. Unter seiner Leitung wurde 1940 das neu erbaute Gebäude der Jugoslawischen Gesandtschaft in Berlin bezogen. In dieser Zeit ging er bei Carl Schmitt ein und aus. 1941 ersuchte er um seine Abberufung. Er musste aber noch als offizieller Repräsentant Jugoslawiens dem Dreimächteabkommen vom 25. März in Wien beiwohnen. Nach der Bombardierung Belgrads am 7. April bot ihm die deutsche Regierung die Ausreise in die Schweiz an. Das Personal der jugoslawischen Botschaft und der Konsulate wurde am Bodensee vom 7. April bis zum 31. Mai 1941 interniert. Er zog es jedoch vor, nach Belgrad zurückzukehren. Dort schied er aus dem diplomatischen Dienst aus und arbeitete zurückgezogen an seinen großen Romanen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Andrić Vorsitzender des jugoslawischen Schriftstellerverbandes, Abgeordneter des jugoslawischen Parlaments und später Filmzensor. 1954 wurde er Mitglied im Bund der Kommunisten Jugoslawiens. Als erster unterzeichnete er das Abkommen von Novi Sad über die serbokroatische Sprache. 1958 heiratete er seine langjährige Lebensgefährtin Milica Babić-Jovanović. Er lebte mit ihr bis zu ihrem Tod 1968 zusammen. 1961 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 13. März 1975 in Belgrad.
Literarische Merkmale↑
Geschichte bildet den Kern von Andrićs Schreiben. Bei der Verleihung des Nobelpreises wurde die epische Kraft hervorgehoben, mit der er Motive und Schicksale aus der Geschichte seines Landes gestaltete. Schon seine Grazer Doktorarbeit galt der Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter der Einwirkung der türkischen Herrschaft. Dieses Thema weist auf den geschichtlichen und kulturellen Schauplatz seiner literarischen Arbeit voraus. Seine bedeutendsten Werke sind die großen Romane. Sie entstanden im zurückgezogenen Arbeiten während des Zweiten Weltkriegs in Belgrad.
Rezeption↑
Lange galt Andrić als Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur. Anfangs wurde er noch gemeinsam mit Miroslav Krleža gehandelt. 1961 wurde ihm die Auszeichnung schließlich zuerkannt – mit der Begründung, er habe „die epische Kraft, mit der er Motive und Schicksale aus der Geschichte seines Landes gestaltet“. Bereits 1939 war er in die Serbisch-königliche Akademie aufgenommen worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm er eine herausgehobene Stellung im literarischen und öffentlichen Leben Jugoslawiens, als Vorsitzender des jugoslawischen Schriftstellerverbandes und als Parlamentsabgeordneter.
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