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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Jean Anouilh
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Porträt Jean Anouilh
Jean Anouilh
1910 – 1987
– Autorenporträt –

Jean Anouilh

1910 – 1987 · 77 Jahre

Einer der erfolgreichsten französischen Dramatiker des 20. Jahrhunderts, der alte und historische Stoffe wie den Antigone-Mythos aufgriff und ihnen einen neuen Sinn gab – sein Ton reichte dabei von Ironie bis Pessimismus.

Kurzbiografie↑

Jean Anouilh zählt zu den erfolgreichsten französischen Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1932 und etwa 1970 brachte er fast Jahr für Jahr ein neues Stück auf die Bühne, das meist umgehend in Paris, in der französischen Provinz und im Ausland gespielt wurde. Bekannt wurde er vor allem durch Antigone, sein während der deutschen Besatzung entstandenes Stück, sowie durch Erfolge wie Der Walzer der Toreros und Becket oder die Ehre Gottes. In den 1960er und 1970er Jahren wurden seine Stücke auch in Deutschland häufig aufgeführt. 1980 erhielt er für sein Gesamtwerk den Grand Prix du Théâtre der Académie française.


Biografie↑

Geboren wurde Jean Marie Lucien Pierre Anouilh am 23. Juni 1910 in Bordeaux, als Sohn eines Schneiders und einer Orchestermusikerin. Seine erste Berührung mit der Bühne hatte er 1919, als er in den großen Ferien die Theateraufführungen im Kasino des nahen Seebades Arcachon miterlebte, wo seine Mutter im Kur-Orchester spielte. Im selben Jahr zog die Familie nach Paris. Dort besuchte er das Collège Chaptal, ein katholisches Gymnasium, an dem er den späteren Regisseur Jean-Louis Barrault als Mitschüler hatte.

Schon mit zwölf Jahren machte Anouilh erste Schreibversuche im Stil des Neo-Romantikers Edmond Rostand. Später las und sah er Stücke von Paul Claudel, George Bernard Shaw und vor allem Luigi Pirandello. Als Regisseur beeindruckte ihn Charles Dullin, und 1927 faszinierte ihn die Hamlet-Inszenierung von Georges Pitoëff. Nach einem vorzüglich abgelegten baccalauréat begann er 1928 lustlos ein Jurastudium, beschäftigte sich aber lieber mit Literatur und Theater. Als er im selben Jahr das Stück Siegfried von Jean Giraudoux wie eine Offenbarung erlebte, gab er das Studium auf und nahm einen Job in einer Werbeagentur an. Daneben schrieb er 1929/30 seine ersten aufführungsreifen Stücke, Humulus le muet und La Mandarine. 1930 war er einige Monate Sekretär des Regisseurs Louis Jouvet an der Comédie des Champs-Élysées, doch harmonierte er nicht mit ihm. Anschließend trat er seinen Militärdienst an, wurde aber bald ausgemustert und kehrte nach Paris zurück.

1932 heiratete er die Schauspielerin Monelle Valentin, mit der er kurz darauf eine Tochter bekam, Catherine, die später ebenfalls Schauspielerin wurde und auch in Stücken des Vaters auftrat. Im selben Jahr wurde sein Stück L’Hermine angenommen und erreichte 90 Aufführungen; daraufhin beschloss er, als freier Autor zu leben. 1933 wurde jedoch das ältere La Mandarine ein Misserfolg, und Anouilh betätigte sich als Co-Autor von Filmdrehbüchern, um Geld zu verdienen. 1935 war Y avait un prisonnier mit 65 Aufführungen wieder passabel erfolgreich; Hollywood kaufte sogar die Filmrechte, doch wurde der Film nie gedreht.

Den Durchbruch brachte ihm 1937 Le Voyageur sans bagages in der Inszenierung von Pitoëff. 1938 folgten die ebenfalls erfolgreichen Stücke La Sauvage und das schon 1932 verfasste Le Bal des voleurs, sein erstes auch im Ausland aufgeführtes Werk. Regie führte André Barsacq, der in den folgenden zehn Jahren Anouilhs ständiger Regisseur war.

Während des Westfeldzugs 1940 war Anouilh kurz Soldat und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft. Da die Theater im besetzten Paris schon Ende des Jahres wieder öffneten, konnte er 1941 Le Rendez-vous de Senlis aufführen lassen. Politisch stand er, wie zunächst die meisten Franzosen, auf der Seite des Staatschefs Philippe Pétain und des Vichy-Regimes und schrieb hin und wieder für regimetreue Zeitschriften. Ebenfalls 1941 verfasste er Eurydice, ein in der Gegenwart spielendes, nur pseudo-antikisierendes Stück, das jedoch kein Erfolg wurde.

1941/42 konzipierte er, nach dem Muster der antikisierenden Stücke von Giraudoux, das tragödienartige Antigone. In der Titelheldin personifiziert er die ersten Widerständler, in ihrem Gegenspieler Créon den Staatschef Pétain, wobei er Letzterem die besseren Argumente in den Mund legt, Ersterer aber viel Sympathie entgegenbringt. Antigone wurde schon im Herbst 1942 von der deutschen Zensur genehmigt, kam aber, weil Barsacq Bedenken hatte, erst im Februar 1944 auf die Bühne. Es war dann eines der meistgespielten Stücke im Paris der letzten Besatzungsmonate und sorgte für die Wiederaufnahme auch anderer Werke Anouilhs.

Nach der Befreiung Frankreichs scheiterte Anouilh 1945 mit dem Versuch, durch eine Unterschriftenaktion die Begnadigung des wegen Kollaboration zum Tode verurteilten jungen Autors Robert Brasillach zu erreichen. Auch er selbst wurde als geheimer Sympathisant der Kollaborateure verdächtigt. Der andauernde Erfolg der Antigone, die bis 1947 auf 700 Aufführungen kam, half ihm jedoch darüber hinweg. In der Folgezeit schrieb er fast jedes Jahr ein neues Stück, das stets sofort in Paris, in der Provinz und im Ausland gespielt wurde. 1952 wurde La Valse des toréadors ein Welterfolg. Weitere erfolgreiche Stücke waren L’Alouette (1953), das die Geschichte der Jeanne d’Arc ironisch-pessimistisch behandelt, Pauvre Bitos ou Le dîner de têtes (1956), das den Übereifer der Nachkriegsjustiz gegenüber den Kollaborateuren geißelte und als Skandalon wirkte, sowie Becket ou l’Honneur de Dieu (1959), das eine Episode aus dem Leben König Heinrichs II. frei nacherzählt.

1962 versuchte sich Anouilh mit seinen Fables, die sarkastisch die Fabeln von La Fontaine nachahmen, nicht ohne Erfolg in einem ungewohnten Genre. 1980 erhielt er als Auszeichnung für sein gesamtes Schaffen den neuen Grand Prix du Théâtre der Académie française. Mehrfach wurde er auch für den Literaturnobelpreis nominiert. Kurz vor seinem Tod veröffentlichte er unter dem Titel La Vicomtesse d’Éristal n’a pas reçu son balai mécanique seine Erinnerungen aus den Jahren 1928 bis 1945, die auf Deutsch als Das Leben ist unerhört erschienen. Seine letzten Jahre verbrachte er zurückgezogen in Lausanne, wo er am 3. Oktober 1987 starb.


Literarische Merkmale↑

Prägend für Anouilhs Schreiben war seine lebenslange Nähe zur Bühne und zum Theaterhandwerk. Nach eigener Auskunft lernte er in einer Werbeagentur „stilistische Genauigkeit und Geschmeidigkeit“ – Eigenschaften, die sein dramatisches Werk kennzeichnen. Kennzeichnend ist zudem sein Rückgriff auf alte, oft antike oder historische Stoffe, denen er einen neuen Sinn gab: Mit Antigone griff er einen antiken Mythos auf, mit L’Alouette die Geschichte der Jeanne d’Arc, mit Becket ou l’Honneur de Dieu eine Episode aus dem englischen Mittelalter. Dabei arbeitete er häufig pseudo-antikisierend, verlegte also antike Vorlagen in ein gegenwartsnahes Gewand.

Sein Ton reicht von Ironie und Sarkasmus bis zum Pessimismus. In L’Alouette behandelt er den Stoff ironisch-pessimistisch, in den Fables pastichiert er sarkastisch die Vorlagen La Fontaines. Anouilh selbst ordnete seine Stücke thematisch und stimmungsmäßig, indem er den Sammelbänden bewusst eigentümlich klingende Titel gab, etwa Pièces brillantes oder Pièces grinçantes.


Rezeption↑

Erfolg begleitete Anouilh über beinahe vier Jahrzehnte. Seit dem Durchbruch mit Le Voyageur sans bagages 1937 wurden seine Stücke fast Jahr für Jahr sofort in Paris, in der Provinz und im Ausland gespielt. Antigone gehörte zu den meistgespielten Stücken im Paris der letzten Besatzungsmonate und erreichte bis 1947 rund 700 Aufführungen; im Nachkriegsdeutschland zählte es lange zum Repertoire studentischer Theatergruppen. In den 1960er und 1970er Jahren wurden seine Stücke auch in Deutschland häufig aufgeführt. 1952 wurde La Valse des toréadors ein Welterfolg.

Nicht alle Stücke fanden ungeteilte Zustimmung. Pauvre Bitos ou Le dîner de têtes wirkte 1956 als Skandalon, weil es die Nachkriegsjustiz gegenüber den Kollaborateuren angriff, in einer Zeit, als der Mythos einer gemeinsamen Résistance aller Franzosen gepflegt wurde. Anouilhs politische Nähe zum Vichy-Regime brachte ihm nach der Befreiung den Verdacht ein, ein heimlicher Sympathisant der Kollaborateure zu sein.

Sein Werk fand auch im Film Widerhall: Mehrere seiner Stücke wurden verfilmt, unter anderem Becket (1963) und Der Walzer der Toreros (1961). Daneben arbeitete er selbst an Drehbüchern mit, etwa zu Verfilmungen von Romanen Leo Tolstois und einem Bühnenstück Arthur Schnitzlers. 1980 ehrte ihn die Académie française mit dem Grand Prix du Théâtre für sein Gesamtwerk, und mehrfach wurde er für den Literaturnobelpreis nominiert. Eine siebenbändige deutsche Ausgabe erschien 1960 bei Langen-Müller in München und Wien.

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