1946
Antigone
Überblick↑
Bei Antigone handelt es sich um ein Bühnenstück von Jean Anouilh, das den antiken Stoff des Sophokles neu erzählt. Es wurde am 6. Februar 1944 im Théâtre de l'Atelier in Paris uraufgeführt, mitten in der deutschen Besatzungszeit, in einer Inszenierung mit Bühnenbild und Kostümen von André Barsacq. Der gedruckte Text erschien 1946. Das Werk gehört zu Anouilhs Reihe der „Nouvelles Pièces noires“, der düsteren Stücke, zu denen auch Jézabel, Roméo et Jeannette und Médée zählen.
Anouilh griff den alten Mythos von Antigone, der Tochter des Ödipus, auf, brach dabei aber bewusst mit den Regeln der griechischen Tragödie. Er selbst berichtete, dass die alte Vorlage ihn während des Krieges plötzlich mit voller Wucht getroffen habe und dass er sie auf seine Weise neu geschrieben habe – im Widerhall jener Zeit, die man damals durchlebte. So wurde der antike Konflikt zum Spiegel der eigenen Gegenwart.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Schauplatz ist Theben, wo einst Ödipus und Iokaste herrschten. Nach dem Selbstmord der Mutter und der Verbannung des Vaters haben sich die beiden Brüder Antigones, Eteokles und Polyneikes, im Kampf um den Thron gegenseitig getötet. Nun ist Kreon, der Bruder Iokastes, der neue König. Er bestimmt, dass allein Eteokles ein Grab erhalten soll. Polyneikes dagegen, den er als Verräter brandmarkt, bleibt unbestattet der Sonne und den Vögeln überlassen. Ein Erlass droht jedem den Tod an, der es wagt, den Leichnam zu bedecken.
Aus Furcht vor dem König beugt sich die ganze Stadt. Nur Antigone nicht. Sie will das Verbot ihres Onkels nicht hinnehmen und ist entschlossen, ihren toten Bruder mit Erde zu bedecken. Ihre Schwester Ismene weigert sich, sie zu begleiten, weil sie Kreon und den Tod fürchtet. So stellt sich das junge Mädchen allein gegen die Macht des Herrschers. Aus diesem Widerstand entwickelt sich ein langes Ringen zwischen der Nichte und ihrem Onkel, in dem es um weit mehr geht als um ein einzelnes Grab.
Die Handlung im Detail↑
Antigone ist die Tochter des Ödipus und der Iokaste, die einst über Theben herrschten. Nach dem Selbstmord der Mutter und der Verbannung des Vaters haben ihre Brüder Eteokles und Polyneikes einander im Streit um die Krone getötet. Als Bruder Iokastes wird Kreon der neue König. Er verfügt, dass nur Eteokles bestattet wird, während Polyneikes, den er als Halunken und Verräter bezeichnet, ohne Grab bleiben soll. Ein Erlass kündigt jedem den Tod an, der den Leichnam des Geächteten beerdigt. Niemand wagt es, das Verbot zu brechen, und der Körper wird der Sonne und den Aasfressern überlassen.
Allein Antigone lehnt sich dagegen auf. Trotz des Verbots ihres Onkels sucht sie mehrmals den Leichnam ihres Bruders auf und versucht, ihn mit Erde zu bedecken. Ihre Schwester Ismene will sie nicht begleiten, weil sie sich vor Kreon und vor dem Tod fürchtet. Schließlich wird Antigone von den Wächtern des Königs auf frischer Tat ertappt.
Kreon sieht sich gezwungen, das Todesurteil an ihr zu vollstrecken. Zuvor kommt es zu einem langen Wortgefecht zwischen den beiden über den Sinn des Daseins. Am Ende wird Antigone dazu verurteilt, lebendig eingemauert zu werden. Doch gerade als das Grab verschlossen werden soll, erfährt Kreon, dass sein Sohn Hämon, der Verlobte Antigones, sich zu der Frau, die er liebt, hat einschließen lassen. Als man die Grabkammer wieder öffnet, hat Antigone sich mit ihrem Gürtel erhängt. Hämon speit seinem Vater ins Gesicht und stößt sich das Schwert in den Leib. Von der Verzweiflung über den Verlust des geliebten Sohnes überwältigt, schneidet sich Eurydike, die Frau Kreons, die Kehle durch.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als ein einziger, ununterbrochener Akt, der ohne Pause auf sein Ende zusteuert. Anouilh folgt dem antiken Vorbild des Sophokles zwar in den großen Zügen der Fabel, formt es aber vollständig um und flößt ihm einen anderen Geist ein. Er bricht mit den Regeln der griechischen Tragödie und rückt den Stoff nah an die eigene Gegenwart heran.
Sichtbar wird das bereits in der Ausstattung der Pariser Erstaufführung: Bühnenbild und Kostüme waren modern gehalten und lösten die Handlung aus dem Kolorit der Antike. So spielt das alte Schicksal in einer Form, die die Zuschauer als zeitlos und zugleich als gegenwärtig empfinden konnten. Der Kern des Stücks liegt weniger in der äußeren Handlung als in der Auseinandersetzung der Figuren: im langen, zugespitzten Wortwechsel zwischen Antigone und Kreon, in dem zwei Haltungen zum Leben aufeinanderprallen.
Rezeption↑
Beim Publikum fand das Stück großen Anklang, obwohl die Bedingungen schwierig waren: Das Theater war nicht geheizt, und der Strom fiel immer wieder aus. Dennoch war der Saal jeden Abend voll, unter den Zuschauern viele deutsche Offiziere und Soldaten. Der deutsche Schriftsteller Friedrich Sieburg, so berichtete Anouilh später, habe in Berlin gewarnt, in Paris werde ein Stück gespielt, das die Militärs demoralisieren könne. Der Regisseur Barsacq wurde daraufhin scharf zur Rede gestellt, konnte aber ein abgestempeltes Manuskript vorweisen, das die Aufführung bereits 1941 genehmigte. Die deutschen Behörden legten ihm nahe, das Stück abzusetzen.
Die allgemeine Presse zeigte sich begeistert von der Neubearbeitung eines Klassikers. In L'Illustration urteilte Olivier Queant, seit Racine sei nichts so Schönes, Großes und zutiefst Menschliches mehr geschrieben worden. Der Kritiker Jean Sauvenay fand, Anouilh sei dem antiken Theater sehr genau gefolgt und habe es doch völlig verwandelt. Fast allein stand Roland Purnal in Comœdia mit seinem Verdikt, er habe nie einer so quälenden und sinnentleerten Vorstellung beigewohnt. Bühnenbild, Kostüme und die Leistungen der Darsteller wurden weithin gelobt.
Über die Aussage des Werks aber gingen die Meinungen weit auseinander, und jeder schien etwas anderes darin zu sehen. Der Résistance galt Antigone als Sinnbild des notwendigen Aufbegehrens gegen eine ungerechte Ordnung; Simone Fraisse hielt fest, der Geist des Widerstands habe sich in ihr wiedererkannt. Andere lasen im Tod Antigones die Weigerung, sich mit dem Feind zu arrangieren. Wieder andere warfen dem Stück vor, es rede durch die menschliche Zeichnung Kreons der Zusammenarbeit mit dem Besatzer das Wort. Rechtsextreme Blätter wie Je suis partout begrüßten gerade das Ende, in dem die Auflehnung niedergeschlagen und die Ordnung wiederhergestellt wird. Die Widerstandszeitung Les Lettres françaises dagegen sah in dem durchdringenden Pessimismus des Stücks eine Gefahr; Claude Roy warnte, wer sich derart in Verzweiflung und im Gefühl der Sinnlosigkeit gefalle, ende dabei, die erste beste starke Hand zu bejubeln.
Nach der Befreiung von Paris verschärften sich diese Vorwürfe. Manche erkannten in Kreon, der bei Anouilh kein Tyrann mehr ist, sondern ein nüchterner, von seiner Pflicht erdrückter Herrscher, Züge des Marschalls Pétain. André Breton nannte das Werk abscheulich. Doch mehrere Persönlichkeiten sprangen dem Autor bei: General Koenig zeigte sich nach einer Vorstellung hingerissen, und der Journalist Pierre Bénard erklärte, er habe in Antigone einen antifaschistischen Ton gehört und könne darin kein Werk zugunsten der Diktatur sehen. Bis in die jüngere Zeit hat das Stück nachgewirkt: Im Roman Le Quatrième Mur von Sorj Chalandon dreht sich die Handlung um den Versuch, Anouilhs Antigone in den 1980er Jahren im kriegszerrissenen Beirut auf die Bühne zu bringen.
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