1785
Anton Reiser
Überblick↑
Der Bildungsroman Anton Reiser von Karl Philipp Moritz gilt als einer der ersten psychologischen Romane der deutschen Literatur. Die ersten drei Teile erschienen 1785 und 1786 in Berlin. Der vierte und letzte Teil folgte 1790. Das Werk schildert die seelische Entwicklung eines begabten Jungen aus ärmlichen Verhältnissen. Es trägt deutlich autobiografische Züge des Autors. Mit seiner genauen Beobachtung innerer Vorgänge nimmt der Roman die moderne psychologische Erzählkunst vorweg.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird die Lebensgeschichte des Jungen Anton Reiser. Er wächst in einer armen Familie auf, die von strengem religiösem Sektierertum geprägt ist. Die Eltern folgen der Lehre der französischen Mystikerin Madame Guyon. Die intellektuelle Begabung und die künstlerischen Neigungen ihres Sohnes können sie nicht erkennen. Sie versuchen, sein Leben durch enge Vorschriften zu lenken und ihm die geliebten Bücher zu verbieten.
Aus Geldnot geben sie Anton in eine Hutmacherlehre. Deren harte Bedingungen überfordern den kränklichen Jungen. Später erhält er die Möglichkeit, eine Freischule und schließlich als Stipendiat ein Gymnasium zu besuchen. Doch sein Weg verläuft nicht geradlinig. Phasen des Aufstiegs wechseln mit bitteren Erfahrungen der Demütigung. Als Stipendiat fühlt er sich von den wohlhabenden Mitschülern ausgeschlossen. Zugleich treibt ihn ein starker Wunsch nach Anerkennung. Er begeistert sich für Gedichte, das Theaterspiel und den öffentlichen Vortrag.
Die Handlung spielt überwiegend in Pyrmont, Braunschweig, Hannover und Erfurt. Sie folgt den unruhigen Ausbildungsjahren eines jungen Menschen, der zwischen Phantasiewelt und Wirklichkeit hin- und hergerissen ist.
Die Handlung im Detail↑
Anton Reiser wächst als Kind streitbarer Eltern auf, deren Welt von der Lehre der französischen Mystikerin Madame Guyon bestimmt ist. Die Enge des religiösen Sektierertums lässt keinen Raum für seine Begabung. Die Eltern verbieten ihm die Lektüre griechischer Sagen und Robinsonaden, die ihn fesseln, und regeln sein Leben durch einengende Vorschriften.
Nach kurzem Besuch der Lateinschule muss Anton aus finanziellen Gründen bei einem Hutmacher in die Lehre gehen. Die harte körperliche Arbeit überfordert den kränklichen Jungen. In seinem übersteigerten Selbstwertgefühl empfindet er die Tätigkeit zusätzlich als Demütigung. Nach einem Selbstmordversuch schickt der Meister ihn zu den Eltern zurück. Prägend für die folgenden Jahre werden die Predigten eines Pastors, die ihn in eine Phantasiewelt entführen. Mit seiner ungewöhnlichen Merkfähigkeit fertigt er Nachschriften an und trägt sie seinen Brüdern vor.
Nach dem Abbruch der Lehre kommt Anton in eine Freischule, die einem Lehrerausbildungsinstitut angeschlossen ist. Dort fällt seine Begabung auf, Mitschriften anzufertigen und vorzutragen. Einem Lehrer gesteht er seinen Wunsch zu studieren, und dieser erreicht, dass Anton als Stipendiat das Gymnasium besuchen darf.
Der Hauptteil des Romans schildert die Leidensgeschichte dieser Schuljahre, die sich in wiederkehrenden Aufstiegs- und Abstiegskurven entfaltet. Anton vergleicht sich ständig mit den Söhnen wohlhabender Häuser, denen er an Begabung überlegen ist, die ihn aber nicht als gesellschaftlich gleichwertig anerkennen und von ihren Veranstaltungen ausschließen. Er fühlt sich von den Vermietern seiner Schlafstelle nur geduldet, und die Möglichkeit, jeden Tag bei einer anderen Familie einen Freitisch zu bekommen, empfindet er als erniedrigend.
Zugleich treibt ihn ein selbstgefälliger Wunsch nach erfolgreicher Präsentation vor einem Publikum. Er versucht, ihn mit eigenen Gedichten und im Theaterspiel zu erfüllen. Den Höhepunkt seines Lebensgefühls erlebt er, als er ein Geburtstagsgedicht für die Königin von England vor deren Bruder, dem Prinzen, und den Honoratioren der Stadt vortragen darf. Sein Ansehen wächst durch solche Auftritte, doch er verliert immer mehr den Realitätssinn, vernachlässigt seine Ausbildung und die Privatstunden, mit denen er seine Bücherkäufe finanziert, und macht Schulden.
Von seinem Mitschüler Iffland bestärkt, verlässt Anton schließlich die Schule und sucht um ein Engagement in der Theatertruppe Eckhofs in Gotha nach. Diese Pläne scheitern. Es eröffnet sich ihm die Möglichkeit eines Studiums in Erfurt, doch auch diese Chance nutzt er nicht, sondern schließt sich einer Gruppe von Schauspielern in Leipzig an. Auch dieser Versuch bleibt erfolglos: Die Truppe löst sich auf, nachdem der Direktor die Theaterkostüme gestohlen hat.
Stil↑
Moritz schreibt einen psychologischen Roman. Er zeichnet die inneren Vorgänge seines Helden mit ungewöhnlicher Genauigkeit nach. Die Erzählhaltung verbindet nüchterne Beobachtung mit feinem Einfühlen in die wechselnden seelischen Zustände Antons. Die autobiografischen Züge sind leicht zu erkennen. Die Handlung folgt dem Zeitrahmen der unruhigen Ausbildungs- und Orientierungsjahre des Autors. Danach fand dieser eine feste Anstellung als Lehrer und begann seine spätere Professorenlaufbahn.
Charakteristisch ist die Struktur in wiederkehrenden Aufstiegs- und Abstiegskurven. Antons Hoffnungen und Demütigungen wechseln einander in immer neuen Anläufen ab. Diese Form spiegelt die innere Unruhe der Hauptfigur und gibt dem Roman seinen besonderen Rhythmus.
Rezeption↑
Der Roman Anton Reiser zählt zu den frühesten und bedeutendsten psychologischen Romanen der deutschen Literatur. Als Bildungsroman wird er zu den Vorläufern der modernen seelenkundigen Erzählkunst gerechnet. Die genaue Schilderung innerer Vorgänge, die enge Verschränkung von Lebensgeschichte und Selbstbeobachtung sowie die ungeschönte Darstellung sozialer Demütigung haben dem Werk einen festen Platz in der Literaturgeschichte gesichert.
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