1756 – 1793
Karl Philipp Moritz
Kurzporträt↑
Karl Philipp Moritz (1756–1793) gehört zu den vielseitigsten deutschen Schriftstellern des späten 18. Jahrhunderts. Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen, die von Pietismus und Quietismus geprägt waren. Vom abgebrochenen Hutmacherlehrling arbeitete er sich über das Gymnasium und das Lehramt bis zum Berliner Hofrat und Akademie-Professor empor. Mit dem autobiografisch gefärbten psychologischen Roman Anton Reiser und dem von ihm gegründeten Magazin zur Erfahrungsseelenkunde legte er die Grundlagen einer modernen literarischen Psychologie. Er vermittelte zwischen Spätaufklärung, Sturm und Drang, Weimarer Klassik und Frühromantik. Dabei verband er pädagogisches, philologisches, ästhetisches und mythologisches Schreiben. Seine Schriften gaben sowohl Goethe als auch der jüngeren Generation um Tieck und Wackenroder wichtige Impulse.
Biografie↑
Karl Philipp Moritz wurde am 15. September 1756 in Hameln geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, die zugleich von Quietismus und Pietismus geprägt waren. Sein Vater Johann Gottlieb war hannoverscher Unteroffizier und Militärmusiker. Er war Anhänger des Hayner Schlossherren Johann Friedrich von Fleischbein, der den radikalen Quietisten Marquis de Marsay übersetzt hatte. Laut der Deutschen Biographie litt der Junge unter dem Glaubenszwist zwischen dem separatistischen Vater und der lutherisch-orthodoxen Mutter Dorothee Henriette König. Hinzu kamen Krankheit und seelische Nöte.
Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges zog die Familie 1763 nach Hannover. Dort erhielt Moritz privaten Elementarunterricht. Im Herbst 1768 begann er in Braunschweig eine Hutmacherlehre bei dem quietistischen Glaubensbruder seines Vaters, Johann Simon Lobenstein. Nach körperlichen Entbehrungen und Demütigungen unternahm er im Frühjahr 1770 einen Selbstmordversuch und brach die Lehre ab. Sein Konfirmationspfarrer entdeckte seine Begabung. Mit einem kleinen landesfürstlichen Stipendium und privaten Freitischen konnte er ab Ostern 1771 das Ratsgymnasium in Hannover besuchen. Diese Jahre hat Moritz später im psychologischen Roman Anton Reiser schonungslos verarbeitet.
Die Begeisterung für das Theater weckten die Aufführungen der Ackermann'schen Truppe sowie die Lektüre Goethes und Shakespeares. So wurde die Schauspielerei zum Wunschberuf. Im Juli 1776 verließ Moritz die Schule, um sich in Gotha Conrad Ekhofs Wanderbühne anzuschließen. Als das fehlschlug, begann er in Erfurt ein Theologiestudium. Auch dieses brach er im Februar 1777 ab. Über kurze Aufenthalte bei den Herrnhuter Brüdern in Barby und an der Universität Wittenberg kam er 1778 als Informator an das Potsdamer Militär-Waisenhaus. Im November desselben Jahres wurde er auf Empfehlung Wilhelm Abraham Tellers zweiter Lehrer an die untere Schule des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster.
In Berlin trat eine relative Beruhigung ein. Nach dem Magistergrad in Wittenberg (30. April 1779) wurde Moritz im Oktober 1779 Konrektor und 1784 Gymnasialprofessor. Im November 1779 trat er der freimaurerischen St. Johannis-Loge zur Beständigkeit bei und durchlief dort die Stufen bis zum Ersten Aufseher. Er fand Anschluss an die Berliner Popularphilosophen, besonders an Moses Mendelssohn und Marcus Herz. 1782 unternahm er die Fußreise durch England. Deren empfindsame Schilderung machte ihn zum Erfolgsautor. 1783 gründete er das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, die erste psychologische Zeitschrift Deutschlands. 1784 redigierte er für knapp ein Jahr die Vossische Zeitung.
Im November 1786 lernte Moritz in Rom Goethe kennen, der ihn wie einen jüngeren Bruder ansah. Auf der Rückreise nach Berlin machte er Ende 1788 Station in Weimar und unterrichtete Herzog Carl August im Englischen. Dieser setzte sich dafür ein, dass Moritz 1789 eine Professur für die Theorie der schönen Künste an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin erhielt. Zu seinen Schülern zählten Ludwig Tieck, Wilhelm Heinrich Wackenroder und Alexander von Humboldt. 1791 wurde er in die Preußische Akademie der Wissenschaften aufgenommen und zum preußischen Hofrat ernannt.
Am 5. August 1792 heiratete Moritz nach kurzer Verlobungszeit die damals fünfzehnjährige Christiane Friederike Matzdorff, Tochter eines Lotteriekollekteurs. Im Dezember 1792 wurde die Ehe wegen Untreue der Frau nach einer Entführung durch einen früheren Liebhaber geschieden. Im Mai 1793 heirateten beide erneut. Wenige Wochen später, am 26. Juni 1793, starb Moritz in Berlin an einem Lungenödem als Folge seines chronischen Lungenleidens. Seine Frau, die ihn aufopferungsvoll gepflegt hatte, steckte sich an und starb kurz nach ihm.
Ein kleiner Unterschied in den Quellen: Die Neue Deutsche Biographie und Wikipedia nennen den 15. September 1756 als Geburtsdatum, die ältere Allgemeine Deutsche Biographie gibt 1757 an. Maßgeblich ist die jüngere Angabe von 1756.
Literarische Merkmale↑
Moritz schreibt aus einer doppelten Erfahrung. Er ist Spätaufklärer, der an den Fortschritt durch die Entwicklung der Vernunft glaubt. Und er ist ein feinfühliger Selbstbeobachter, der seine eigenen seelischen Verletzungen genau kennt. Aus dieser Verbindung entsteht sein eigentliches Werkzeug: die psychologische Analyse. Anton Reiser, von ihm selbst als psychologischer Roman bezeichnet, untersucht laut der Neuen Deutschen Biographie die eigene Kindheit und Jugend in ihrer psychischen Kausalität. Das heißt: Er fragt nicht nur, was geschah, sondern warum eine Seele unter bestimmten Bedingungen so und nicht anders reagiert. Die Schonungslosigkeit, mit der Moritz von Demütigungen, Theaterleidenschaft, Einsamkeit und Bücherhunger erzählt, war für ihre Zeit beispiellos.
Daneben steht der Pädagoge und Aufklärer. In den frühen Schriften für Campes Kleine Kinderbibliothek, in den Unterhaltungen mit meinen Schülern und in den Beiträgen zur Philosophie des Lebens versucht er, religiöse, moralische und naturkundliche Einsichten anschaulich zu vermitteln. Auch seine Grammatiken und Sprachlehren – für Deutsch, Englisch, Italienisch – sind aus diesem praktisch-erzieherischen Impuls heraus geschrieben.
Im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde verzichtet Moritz auf das fertige System. Er sammelt empirisches Material, Fallgeschichten und Selbstbeobachtungen. Daran entwickelt er ein strikt individualistisches Konzept von Seelengesundheit und Seelenkrankheit. Diese Haltung – lieber das einzelne Beispiel als die große Theorie – prägt auch seine Reisebeschreibung Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782. Sie erzählt empfindsam und beobachtungsnah aus eigener Erfahrung heraus.
In den ästhetischen Schriften befreit Moritz das Kunstwerk von der herkömmlichen Verpflichtung auf gesellschaftliche Nützlichkeit. Das gilt vor allem für den Versuch einer Vereinigung aller schönen Künste und Wissenschaften unter dem Begriff des in sich selbst Vollendeten und für Über die bildende Nachahmung des Schönen. Das Schöne hat sein Ziel in sich selbst. Diese Wendung bereitet, so die Neue Deutsche Biographie, die Kunstauffassung der Weimarer Klassik vor.
Die Götterlehre schließlich verlässt das übliche mythografische Schema. Moritz katalogisiert nicht Götternamen und Geschichten. Stattdessen deutet er die antiken Figuren – am eindrücklichsten die Göttin der Nacht und ihre Kinder – als Symbole einer sinnlich-ganzheitlichen Weltdeutung. Das ist eine Weltsicht, in der das Sinnliche und das Geistige zusammengehören.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten verschaffte die Reise nach England Moritz den Ruf eines Erfolgsautors. Die zweite Auflage von 1785 erschien mit einem Porträtkupfer von Daniel Chodowiecki, 1795 folgte eine englische Übersetzung. Wirkungsmächtiger noch waren die Kontakte zu führenden Köpfen seiner Zeit. Zu seinen Freunden gehörten Goethe, der ihn in Rom kennenlernte und wie einen jüngeren Bruder behandelte, sowie Moses Mendelssohn und Asmus Jakob Carstens. Zu seinen Schülern an der Berliner Akademie der Künste zählten Ludwig Tieck, Wilhelm Heinrich Wackenroder und Alexander von Humboldt. Damit reicht Moritz' Einfluss von der Berliner Aufklärung über die Weimarer Klassik bis in die Frühromantik hinein.
Nach seinem frühen Tod 1793 geriet das umfangreiche Werk laut der Neuen Deutschen Biographie schnell in Vergessenheit. Im Gebrauch blieben vor allem zwei Titel: die Götterlehre und der Allgemeine deutsche Briefsteller, der bis 1832 in zehnter Auflage erschien. Die Allgemeine Deutsche Biographie würdigte Moritz 1885, die Neue Deutsche Biographie 1997 mit einem ausführlichen Artikel Albert Meiers.
Ein neues Interesse erwachte erst nach 1960. Es verdankt sich, wie die Neue Deutsche Biographie ausdrücklich festhält, zu großen Teilen dem Schriftsteller Arno Schmidt. Es konzentriert sich zunächst auf Anton Reiser, neuerdings auch auf das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Dieses wird heute als frühe psychologische Zeitschrift und als Vorform moderner Seelenkunde gelesen. Die zweibändige Ausgabe Werke und Briefe von Hans-Joachim Hollmer und Albert Meier (1996) bündelt diesen Forschungsstand.
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