Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Mori Ōgai
Eingang · Autoren · Mori Ōgai
Porträt Mori Ōgai
Mori Ōgai
1862 – 1922
– Autorenporträt –

Mori Ōgai

1862 – 1922 · 60 Jahre

Mori Ōgai war ein japanischer Militärarzt und Dichter, der Goethes „Faust“ ins Japanische übertrug und mit seinen deutschen Novellen zu den prägenden Gestalten der japanischen Literatur am Beginn der Moderne gehört.

Kurzbiografie↑

Als Militärarzt und Dichter zugleich gehört Mori Ōgai zu den prägenden Gestalten der japanischen Literatur am Beginn der Moderne. Er wurde 1862 in der Burgstadt Tsuwano geboren und starb 1922 in Tokio. Vier Jahre verbrachte er als Regierungsstipendiat in Deutschland, wo er Hygiene und Heeressanitätswesen studierte und sich zugleich der europäischen Literatur, Philosophie und Kunst zuwandte. Aus diesen Jahren erwuchsen seine „drei deutschen Novellen“, darunter die Erzählung „Die Tänzerin“ von 1890. Neben einem umfangreichen eigenen Werk übersetzte er Goethe, Kleist, Ibsen und viele andere ins Japanische.


Biografie↑

Geboren wurde Mori Rintarō am 17. Februar 1862 in Tsuwano, der Hauptstadt des Fürstentums gleichen Namens in der südwestjapanischen Provinz Iwami, dem heutigen Gebiet der Präfektur Shimane. Er war der erste Sohn von Mori Mineko und Mori Shizuo, dem Leibarzt des Fürsten. Den Schriftstellernamen Ōgai, zu Deutsch „Möwenfern“, verwendete er mit Unterbrechungen von 1885 bis 1913.

Seine erste Bildung erhielt er an der fürstlichen Schule Yōrō-kan. Dort standen die konfuzianischen Schriften ebenso auf dem Lehrplan wie Reiten, Bogenschießen, Schwert- und Lanzenkampf. In privatem Unterricht erwarb er daneben Grundkenntnisse der sogenannten Hollandkunde, über die westliches Wissen nach Japan gelangte. Im Sommer 1872 ging der Vater mit ihm nach Tokio, dem vormaligen Edo. Der Junge sollte eine Ausbildung nach den neuen medizinischen Standards erhalten: Die Regierung hatte 1870 per Dekret die deutsche Medizin zum verbindlichen Vorbild erklärt, doch in den Regionen brauchte die Umsetzung noch Zeit. In Tokio wohnte er bei seinem Onkel Nishi Amane, der als Begründer der modernen japanischen Philosophie gilt.

Ab 1874 besuchte er den Vorbereitungskurs der späteren Medizinhochschule in Tokio, aus der die Medizinische Fakultät der heutigen Staatlichen Universität Tokio hervorging. Nebenher las er weiter die klassische Literatur Chinas und Japans, dazu europäische Literatur, die er vor allem über das Deutsche kennenlernte. Zu seinen Lehrern zählten die Chirurgen Leopold Müller und Wilhelm Schultze sowie der Internist Erwin von Baelz. Das 1877 begonnene Medizinstudium schloss er 1881 mit neunzehn Jahren ab und trat anschließend als Militärarzt in den Dienst.

Von 1884 bis 1888 studierte er als Regierungsstipendiat in Deutschland Hygiene und Heeressanitätswesen. Seine Stationen waren Leipzig, Dresden, München und Berlin; zu seinen Lehrern gehörten Robert Koch und Max von Pettenkofer. Daneben beschäftigte er sich eingehend mit europäischer Literatur, Religion, Philosophie, Musik und Kunst. Ein lebendiges Bild dieser Jahre gibt sein Deutschlandtagebuch, das in Übersetzung vorliegt. Am 27. Dezember 1885 besuchte er Auerbachs Keller in Leipzig. Dort empfing er die Anregung, Goethes Faust ins Japanische zu übertragen; in sein Tagebuch schrieb er, er habe zum Spaß eingewilligt. Die Übersetzung erschien 1913 im Druck und gilt bis heute.

In dieser Zeit fiel ihm 1886 ein Artikel des aus Japan zurückgekehrten Geologen Heinrich Edmund Naumann in der Allgemeinen Zeitung auf. Mori schrieb eine mehrseitige Entgegnung, die sofort abgedruckt wurde. Naumann antwortete, und der Streit endete im Februar 1887 mit einer letzten Erwiderung Moris. Manche Missverständnisse konnte er ausräumen. Schwerer tat er sich mit Naumanns Vorwurf, Japan kopiere den Westen ohne tieferes Verständnis und schwäche sich zugleich durch die Geringschätzung der eigenen Geschichte und Kultur. Dieses Thema beschäftigte ihn auch später noch.

Zurück in Japan stieg Mori in den folgenden zwei Jahrzehnten bis zum Generaloberarzt des Heeres auf. Zu Beginn des Japanisch-Chinesischen Krieges war er in der Mandschurei eingesetzt, im Jahr darauf in Taiwan. Seit 1899 diente er in Kokura auf Kyūshū, 1902 wurde er nach Tokio versetzt. Im Russisch-Japanischen Krieg kam er erneut in die Mandschurei. Dort zeigte sich die Schattenseite seiner deutschen Schulung: Er weigerte sich, Beriberi als Vitaminmangelkrankheit anzuerkennen, obwohl der oberste Arzt der Marine, Takaki Kanehiro, mit der Umstellung der Bordverpflegung bereits große Erfolge erzielt hatte. Die Folge waren 27.000 Todesfälle durch Beriberi, bei 47.000 Toten durch Kampfhandlungen.

Im April 1916 nahm Mori seinen Abschied vom Militärdienst. Im Dezember 1917 wurde er Generaldirektor der Kaiserlichen Bibliotheken und Museen. Von 1919 bis zu seinem Tod stand er zudem der Japanischen Akademie der Künste vor.

Sein Todesdatum wird unterschiedlich angegeben: Die verifizierten Eckdaten nennen den 8. Juli 1922, andere Angaben den 9. Juli. Er hinterließ vier Kinder. Aus erster Ehe stammte der Sohn Otto (1890–1967), der Arzt wurde. Aus der zweiten Ehe mit Mori Shigeko, geborene Araki, gingen die Töchter Mari (1903–1987) und Anne (1909–1998) sowie der Sohn Louis (1911–1991) hervor; alle drei wurden Schriftsteller. Ein 1907 geborener Sohn, Fritz, starb bereits vier Monate nach der Geburt.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Mori Ōgai ist die Verbindung zweier Bildungswelten. Er hatte die konfuzianischen Schriften ebenso studiert wie die klassische Literatur Chinas und Japans, und er kannte die europäische Literatur, die er sich vor allem über das Deutsche erschloss. Beides floss in sein Schreiben ein.

Sein Einstand im geistigen Leben Japans gelang ihm mit den „drei deutschen Novellen“, in denen er Erlebnisse seines Studienaufenthalts verarbeitete. Bekannt wurde vor allem Die Tänzerin von 1890, die Geschichte einer scheiternden Liebesbeziehung eines Japaners in Berlin. Ebenfalls beliebt ist die Novelle Wellenschaum aus demselben Jahr; noch heute reisen japanische Besucher ihretwegen eigens an den Starnberger See.

Die Spannweite seines Werks ist beträchtlich. Die Gesamtausgabe umfasst achtunddreißig Bände und enthält neben Tagebüchern und Briefen auch medizinische, historische und kulturkritische Arbeiten sowie Lyrik, Dramen und Erzählprosa. Hinzu kommen zahlreiche Übersetzungen: Clausewitz, Goethe, Heine, E. T. A. Hoffmann, Ibsen, Kleist, Knigge, Camille Lemonnier, Lessing, Schiller und Strindberg gehören zu den Autoren, die er ins Japanische übertrug. In seinen späteren Erzählungen wandte er sich auch Stoffen der japanischen Geschichte zu, etwa in Das Geschlecht der Abe und in Sanshōdayū.


Rezeption↑

Weil er japanische und chinesische Bildung mit europäischer verband und dabei als Staatsbeamter wie als Literat wirkte, gilt Mori Ōgai als eine der beispielhaften Gestalten Japans zu Beginn der Moderne. Bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts gehörte eine gewisse Kenntnis seines Werks in Japan zum schulischen Grundwissen. Der japanische Literaturwissenschaftler Kotani Yukio stellt ihn neben Alphonse Daudet. Seine Erzählung Sanshōdayū wurde verfilmt.

Auch in Deutschland wird an ihn erinnert. In Berlin-Mitte besteht seit 1989 die Mori-Ōgai-Gedenkstätte, hervorgegangen aus einem 1984 von der Humboldt-Universität eingerichteten Gedenkzimmer. Betreut wurde sie von 1984 bis 2021 von der Japanologin Beate Wonde, die dafür 2022 vom japanischen Tennō mit dem Orden der Aufgehenden Sonne geehrt wurde. Im Schlossgarten von Schloss Döben wurde 2007 gemeinsam mit dem japanischen Botschafter Toshiyuki Takano eine Büste enthüllt. In Machern östlich von Leipzig ist ihm eine Erinnerungstafel an einem Wasserspiel gewidmet, in Mutzschen eine Gedenktafel. In Leipzig wurde im September 2025 in der Talstraße eine Gedenktafel angebracht, dort stand das Haus, in dem er 1884/85 wohnte. In Auerbachs Keller hängt seit 2009 ein großflächiges Gemälde von Volker Pohlenz, das an seinen Besuch vom 27. Dezember 1885 erinnert.

Seine Werke liegen in zahlreichen deutschen Übersetzungen vor, viele davon in der Kleinen Reihe der Berliner Gedenkstätte. Zum hundertsten Todestag im Jahr 2022 wurde er in Döben mit einem Theaterstück gewürdigt; die Leipziger Volkszeitung nannte ihn dabei den „japanischen Goethe“.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (22 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten