Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Christian Morgenstern
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Porträt Christian Morgenstern
Christian Morgenstern
1871 – 1914
– Autorenporträt –

Christian Morgenstern

1871 – 1914 · 42 Jahre

Deutscher Dichter, mit den Galgenliedern Meister einer humoristisch-ironischen Sprachakrobatik – daneben Naturlyriker, Aphoristiker und kongenialer Übersetzer Henrik Ibsens.

Kurzporträt

Christian Morgenstern wurde am 6. Mai 1871 in München geboren und starb am 31. März 1914 in Untermais bei Meran. Er war ein deutscher Dichter, Schriftsteller und Übersetzer. Berühmt wurde er vor allem durch seine komische Lyrik, insbesondere die Galgenlieder. Sie machen jedoch nur einen Teil seines Werks aus. Daneben schuf er Naturlyrik und Aphorismen. Außerdem übertrug er kongenial aus dem Norwegischen, vor allem die Dramen und Gedichte Henrik Ibsens für den S. Fischer Verlag. Sein kurzes Leben war von einer Lungentuberkulose geprägt. Die Krankheit zwang ihn von Kurort zu Kurort und führte schließlich in Südtirol zu seinem frühen Tod. In seinen letzten Jahren stand er Rudolf Steiner und der Anthroposophischen Gesellschaft nahe.


Biografie

Geboren wurde Morgenstern am 6. Mai 1871 in der Theresienstraße 12 in München, im Stadtteil Maxvorstadt. Sein Vater Carl Ernst Morgenstern war Landschaftsmaler, ebenso der gleichnamige Großvater, von dem das Kind seinen Rufnamen erhielt. Auch der Großvater mütterlicherseits, Josef Schertel, war Landschaftsmaler. Die Familie verbrachte die Wintermonate in München. Im Sommer zog der Vater als Naturmaler aufs Land. Laut der Deutschen Biographie waren es diese ländlichen Aufenthalte, die dem Kind seine ersten elementaren Eindrücke vermittelten.

Am 19. April 1880 starb die Mutter Charlotte, erst dreißigjährig, in Bad Aibling an Tuberkulose. Der neunjährige Christian hatte sich offenbar bei ihr angesteckt. Die Krankheit sollte sein weiteres Leben bestimmen. 1882 wurde er für ein Jahr zu seinem Taufpaten gegeben, dem Hamburger Kunsthändler Arnold Otto Meyer. Danach folgten zwei harte Jahre in einem Internat in Landshut, wo er Körperstrafen und Mobbing erlebte. Ab April 1884 besuchte er das Maria-Magdalenen-Gymnasium in Breslau, nachdem der Vater an die dortige Königliche Kunstschule berufen worden war. Hier verfasste der Sechzehnjährige ein Trauerspiel Alexander von Bulgarien sowie eine Mineraliensammlung. Beide Texte sind nicht erhalten. Zugleich beschäftigte er sich mit Schopenhauer. Auf dem Gymnasium lernte er Friedrich Kayssler und Fritz Beblo kennen, mit denen ihn lebenslange Freundschaften verbanden.

Ein vom Vater gewünschter Besuch der Militär-Vorbildungsschule scheiterte nach einem halben Jahr. Morgenstern wechselte auf das Gymnasium im niederschlesischen Sorau und legte dort Ostern 1892 das Abitur ab. Anschließend studierte er an der Breslauer Universität Nationalökonomie, unter anderem bei Felix Dahn und Werner Sombart. Mit Freunden gab er die kulturkritische Zeitschrift Deutscher Geist heraus. 1893 brach in München erstmals seine Tuberkulose aus und hielt ihn bis April 1894 ans Zimmer gefesselt. In dieser Zeit der Abgeschiedenheit las er Nietzsche, der ihm laut der Deutschen Biographie zur geistigen Selbstbefreiung verhalf. Das Studium musste er abbrechen. Ein Angebot Dahns, ihn bis zum Referendar zu finanzieren, lehnte der Vater ab. Morgenstern entschloss sich, als Schriftsteller zu leben.

Im April 1894 zog er nach Berlin. Dort fand er mit Hilfe des Vaters eine Stellung an der Nationalgalerie und bekam Anschluss an den Friedrichshagener Kreis um die Brüder Heinrich und Julius Hart. Er schrieb für die Tägliche Rundschau, die Freie Bühne, den Kunstwart und Der Zuschauer. 1895 erschien sein erstes Buch, der Gedichtzyklus In Phanta's Schloß. Im selben Jahr wurde beim Werderaner Baumblütenfest auf dem Galgenberg jener Bund der Galgenbrüder gegründet. Aus dessen heiter-gruseligem Ritual sollte später die berühmte Sammlung hervorgehen. 1897 übersetzte er Strindbergs Inferno aus dem Französischen. Im Oktober desselben Jahres unterzeichnete er einen Vertrag mit dem S. Fischer Verlag über die Übertragung Henrik Ibsens, obwohl er des Norwegischen noch nicht mächtig war. Von Mai 1898 bis Herbst 1899 lebte er in Norwegen, hauptsächlich um die Sprache zu lernen, und traf dort mehrfach mit Ibsen zusammen. Es folgten Übertragungen von Knut Hamsun und Bjørnstjerne Bjørnson.

Eine Verschlimmerung der Krankheit führte ihn 1900 zur Kur nach Davos und in der Folge an viele Orte der Schweiz und Italiens. Für die Berliner Kabaretts Überbrettl Ernst von Wolzogens und Schall und Rauch Max Reinhardts schrieb er satirische Szenen und Parodien. Ab Oktober 1903 leitete er für rund eineinhalb Jahre die Zeitschrift Das Theater im Verlag Bruno Cassirers. Diesem blieb er auch als beratender Lektor verbunden und förderte dort unter anderem Robert Walser. 1905 erschienen die Galgenlieder, 1906 der Band Melancholie. Es folgten Jahre des Reisens zwischen Kurorten in Bayern, Tirol und der Schweiz. Dabei las er Jakob Böhme, Fichte, Hegel, Meister Eckhart und Tolstoi.

Im Juli 1908 lernte er in Bad Dreikirchen Margareta Gosebruch von Liechtenstern (1879–1968) kennen. Im Januar 1909 hörte er in Berlin erstmals einen Vortrag Rudolf Steiners und schloss mit ihm eine enge, dauerhafte Freundschaft. Wenig später trat er, einen Monat nach Margareta, der von Steiner geführten Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft bei. Bei der Spaltung 1912/1913 ging er mit Steiner zur Anthroposophischen Gesellschaft. Am 7. März 1910 heirateten Christian und Margareta in Meran. 1910 erschien der Gedichtband Palmström. Zugleich begann die Zusammenarbeit mit dem Verleger Reinhard Piper, die bis zum Lebensende anhielt. 1912 erhielt Morgenstern eine Spende der Deutschen Schillerstiftung über tausend Mark. Im Frühjahr 1913 hielt er sich in Portorose auf, übersetzte Gedichte Friedrichs des Großen aus dem Französischen und gewann den ebenfalls lungenkranken Michael Bauer zum Freund. Im Dezember 1913 empfand er einen Vortrag Steiners in Leipzig, bei dem Marie von Sivers Werke von ihm rezitierte, als den höchsten Ehrentag seines Lebens.

In den letzten Wochen zog er, von Sanatorien in Arco und bei Bozen weitergereicht, in die Villa Helioburg in Untermais (seit 1924 nach Meran eingemeindet). Dort arbeitete er noch am Druckbogen seiner Sammlung Wir fanden einen Pfad. Am 31. März 1914 starb er gegen fünf Uhr morgens, betreut von seinem Arzt Christoph Hartung von Hartungen. Am 4. April wurde er in Basel eingeäschert. Rudolf Steiner bewahrte die Urne auf. Seit 1992 ist sie auf dem Goetheanum-Gelände beigesetzt. Die Ehe blieb kinderlos.


Literarische Merkmale

Sein „Malererbe", wie er es in einem Gedichttitel selbst nannte, war Morgenstern zeitlebens bewusst. Vater und beide Großväter waren Landschaftsmaler. Der Dichter hielt fest: „Ich bin ein Maler bis in den letzten Blutstropfen hinein. – Und das will nun heraus ins Reich des Wortes, des Klanges; eine seltsame Metamorphose." Laut der Deutschen Biographie zeigt sich dieses Erbe in seiner Naturlyrik ebenso wie in seinen aphoristischen Beobachtungen. Den entscheidenden Anstoß für seinen eigenen Ton erhielt er, wieder laut der NDB, in der erzwungenen Abgeschiedenheit seiner ersten schweren Krankheit durch die Lektüre Nietzsches. Aus dessen dithyrambischer Sprache fand Morgenstern den neuen Klang seiner eigenen Lyrik und Prosa.

Charakteristisch ist eine Doppelveranlagung zu ernster und humoristischer Poesie. Auf der einen Seite stehen Bände wie Auf vielen Wegen (1897), Ich und die Welt (1898), Ein Sommer (1900), Und aber ründet sich ein Kranz (1902) und die Melancholie (1906). Auf der anderen Seite stehen die berühmten Galgenlieder (1905). Sie führen nach dem Urteil der Deutschen Biographie „ein völlig neuartiges humoristisch-ironisches Spiel mit Klang, Bedeutung, Grammatik und Rhythmus der Sprache" vor. Ihre Wurzel war ein Geselligkeitsritual. Im April 1895 hatte sich auf dem Galgenberg bei Werder ein Bund der Galgenbrüder gebildet, der in regelmäßigen Sitzungen ein komisch-gruseliges Reglement zelebrierte. Morgenstern trug die gesungenen Verse bei. Sie vermehrten sich bis 1896 von sechs auf fünfzehn und wuchsen in den folgenden zehn Jahren zu einer ungleich größeren sprachlichen Vielfalt an. Sein eigenes Wort dazu: „Ein Galgenbruder ist die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum. Nichts weiter. Man sieht vom Galgen die Welt anders an und man sieht andre Dinge als Andre."

Diese humorig verspielte Poetisierung der Welt setzte Morgenstern bis in sein letztes Lebensjahr fort. 1910 folgte Palmström. Postum erschienen Palma Kunkel (1916), Der Gingganz (1919) und der satirische Eigenkommentar Über die Galgenlieder (1921). Neben der eigenen Lyrik tritt das umfangreiche Übersetzungswerk. Dazu gehören vor allem die Übertragung Ibsens, die der norwegische Dichter selbst besonders schätzte, sowie Übersetzungen von Hamsun, Bjørnson und Strindberg.


Rezeption

Die Galgenlieder wurden, so die Deutsche Biographie, bald nach ihrem Erscheinen 1905 berühmt und blieben Morgensterns wirkungsmächtigstes Werk. Ibsen schätzte seine deutschen Nachdichtungen besonders und unterstützte ihn bei den Herausgebern der zehnbändigen Gesamtausgabe (1898–1904). Aus den Kreisen um Rudolf Steiner kam frühe öffentliche Anerkennung. Marie von Sivers, die spätere Frau Steiners, rezitierte 1913 in Stuttgart und Leipzig Werke des Dichters. 1912 erhielt Morgenstern eine Spende der Deutschen Schillerstiftung in Höhe von tausend Mark.

Die Witwe Margareta gab nach seinem Tod aus dem reichen Nachlass weitere Sammlungen heraus, da der Verleger Cassirer zunächst zögerlich war. So erschienen erst postum Palma Kunkel (1916), Der Gingganz (1919) und Über die Galgenlieder (1921). Den maßgeblichen Artikel der Neuen Deutschen Biographie verfasste 1997 Reinhardt Habel. Ein Teil des Nachlasses liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Dort sind die Originale der Galgenlieder in der Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne zu sehen. In Werder an der Havel, dem Ort der Gründung des Bundes der Galgenbrüder, erinnert ein eigenes Morgenstern-Literatur-Museum an den Dichter. Dort werden auch die beiden goldenen Eheringe verwahrt. Seine Urne ist seit 1992 auf dem Gelände des Goetheanum in Dornach beigesetzt.

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