1905
Galgenlieder
Überblick↑
Mit den Galgenliedern legte Christian Morgenstern 1905 im Berliner Verlag Bruno Cassirer einen Gedichtband vor. Er hatte seit 1895 daran gearbeitet. Die Erstausgabe enthielt zweiundvierzig Gedichte. Was zunächst wie eine Sammlung verspielter Scherzverse wirkt, gehört heute zu den bekanntesten und meistzitierten Werken der deutschen Lyrik um 1900. Texte wie Das große Lalulā, Fisches Nachtgesang oder Der Lattenzaun sind über Generationen hinweg ins kulturelle Gedächtnis übergegangen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Über das Buch hat Morgenstern ein Nietzsche-Wort gesetzt: "Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen." Diesem Motto folgen die Gedichte. Anfangs kreisen sie um die titelgebenden Galgen und ihre Bewohner. Doch bald löst sich Morgenstern von diesem Rahmen und öffnet die Sammlung für eine Welt eigener Art. Dinge werden lebendig, Wörter werden zu Wesen, alltägliche Begriffe geraten ins Rutschen.
Da gibt es ein Tier namens Nasobēm, das auf seinen Nasen geht. Da ist ein Lattenzaun, an dem mehr interessiert als das Holz. Und da ist ein Fisch, der nachts singt. Manche Gedichte sind kurze Erzählungen in Versen, andere reine Sprachspiele, wieder andere lautmalerische Gebilde. Was zunächst kindlich oder komisch wirkt, hat fast immer einen doppelten Boden. Die Texte laden zum Schmunzeln ein. Zugleich halten sie die Sprache selbst zum Nachdenken hin.
Die Handlung im Detail↑
Die Galgenlieder folgen keiner durchgehenden Geschichte, sondern reihen Einzelgedichte aneinander. Am Anfang stehen die Verse rund um den Galgen und seine Gesellschaft, das ursprüngliche Thema des Bandes. Schon bald aber verlässt Morgenstern dieses enge Motiv und nimmt weitere Gedichte hinzu: sprachspielerische, oft grotesk wirkende Texte, in denen unbelebte Dinge zum Leben erwachen.
In Das große Lalulā reiht der Dichter Silben aneinander, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben. Bei genauerem Hinsehen sind sie aber streng nach lyrischen Regeln geordnet: Rhythmus, Reim und Strophenbau bleiben intakt, nur die Bedeutung der Wörter fehlt. Die Sprache selbst wird hier zum Gegenstand der Dichtung, lange bevor die literarische Avantgarde Ähnliches versuchte.
Noch radikaler ist Fisches Nachtgesang. Das Gedicht besteht ausschließlich aus Längen- und Kürzezeichen, wie man sie aus der Verslehre kennt. Worte gibt es nicht mehr. Der Text wird so zu einem stummen Protest gegen sprachliche Konvention und gegen geistige Unbeweglichkeit.
Der Lattenzaun treibt das Spiel mit der Vorstellungskraft auf die Spitze: Aus den Zwischenräumen zwischen den Latten baut sich jemand ein ganzes Haus. Was beim Zaun fehlt, wird zum Material für ein Bauwerk. Und in Das Nasobēm erfindet Morgenstern ein Tier, das auf seinen Nasen geht statt auf Beinen. Dieses Sprachgeschöpf hat es später bis in wissenschaftliche Scherze gebracht.
Hinter der kindlichen Oberfläche steckt also durchgehend ein doppelter Sinn. Morgenstern selbst hat seine Gedichte einmal "Spiel- und Ernstzeug" genannt. Wer nur die komische Seite sieht, übersieht die ernste; wer nur die ernste sucht, verpasst den Witz.
Stil↑
Der Ton der Galgenlieder ist betont leicht, kindlich, oft lautmalerisch. Morgenstern nutzt Reim, festen Versbau und Strophenformen, die aus dem Volkslied vertraut sind. In diesen klassischen Gefäßen serviert er aber höchst ungewöhnlichen Inhalt: erfundene Wörter, sprachliche Verdrehungen, ins Bild gesetzte Begriffe. Die Spannung zwischen biederer Form und absurdem Gehalt macht einen großen Teil des Reizes aus.
Charakteristisch ist die Verlebendigung von Dingen und Begriffen. Ein Zaun, ein Fisch, ein Knie, ein bloßer Wortteil – alles kann bei Morgenstern handelnde Figur werden. Daneben steht das reine Sprachspiel: Silbenketten ohne Wortsinn, Gedichte aus metrischen Zeichen, Texte, die mit der Schrift selbst arbeiten. Damit gehört Morgenstern zu den Frühen, die nicht nur in der Sprache, sondern über die Sprache schreiben.
Rezeption↑
Beim Publikum waren die Galgenlieder von Beginn an ein Erfolg. Hörer und Leser reagierten mit großer Begeisterung. Die Literaturkritik tat sich dagegen lange schwer. Wegen des kindlichen Gestus wurden die Gedichte häufig übergangen oder als bloßer Nonsens unterschätzt. Erst die spätere Forschung erkannte, dass die Texte einen doppelten Boden haben und eines zweiten und dritten Blicks bedürfen.
Heute gelten die Galgenlieder als ein Schlüsselwerk der deutschsprachigen Lyrik um 1900. Einzelne Gedichte wie Das große Lalulā, Fisches Nachtgesang, Der Lattenzaun und Das Nasobēm sind weit über die Literatur hinaus bekannt geworden. Das Nasobēm hat sogar als wissenschaftlicher Scherz Karriere gemacht. Mit ihrem Spiel an der Grenze des Sagbaren nehmen die Galgenlieder vieles vorweg, was die Avantgarde des 20. Jahrhunderts an der Sprache erproben sollte.
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