1534
Gargantua und Pantagruel
Überblick↑
Der Romanzyklus Gargantua und Pantagruel von François Rabelais entstand im 16. Jahrhundert und umfasst fünf Bände, die zwischen 1532 und 1564 erschienen. Im Mittelpunkt stehen zwei gutmütige Riesen: der junge Pantagruel und sein Vater Gargantua. Den Anfang machte der Band Pantagruel – eine spöttische Parodie auf die damals beliebten Ritterromane. Rabelais veröffentlichte ihn unter dem Pseudonym Alcofrybas Nasier, einem Anagramm seines Namens. Nach dem Erfolg schob er den ebenso derb-komischen Gargantua nach. Vor allem diese ersten beiden Bände fanden großen Anklang. Bis heute leben die beiden Riesen in den französischen Wörtern gargantuesque (für ein üppiges Gelage) und pantagruélique (für gewaltigen Appetit) fort. Die späteren drei Bände erschienen unter Rabelais' richtigem Namen und lösten sich von der Ritterroman-Parodie.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum stehen zwei Riesen, Vater und Sohn, deren Größe nirgends festgelegt ist. Sie wechseln von Kapitel zu Kapitel, so dass die Erzählung streckenweise wie eine übermütige Lügengeschichte wirkt. Einmal passt Pantagruel bequem in einen Gerichtssaal, ein andermal wohnt der Erzähler sechs Monate lang in Pantagruels Mund und entdeckt dort ein ganzes Volk, das auf dessen Zähnen lebt.
Der zuerst erschienene Band erzählt von den Abenteuern und Heldentaten des Riesen Pantagruel. Ein weiterer widmet sich dem Leben seines Vaters Gargantua. In den folgenden Büchern rückt Pantagruels Freund Panurge in den Vordergrund, der sich unentwegt den Kopf darüber zerbricht, ob er heiraten soll oder nicht, ohne je zu einem Entschluss zu kommen. Um die Frage zu klären, brechen die Freunde zu einer langen Schiffsreise auf. Ihr Ziel ist ein geheimnisvolles Orakel, das eine endgültige Antwort geben soll. Auf dem Weg dorthin begegnen sie zahllosen sonderbaren Menschen und wunderlichen Ländern.
Die Handlung im Detail↑
Den Auftakt bildet der Band über Pantagruel, König der Dipsoden und Sohn des großen Riesen Gargantua. Er knüpft an eine bereits kursierende, anonym verfasste Riesengeschichte an und schildert in lose gereihten Episoden die Geburt, die Erziehung und die grotesken Taten des jungen Riesen. Rabelais lässt seine Figuren dabei ständig die Größe wechseln: Mal bewegt sich Pantagruel unter Menschen, mal ist er so gewaltig, dass in seinem Mund ein eigenes Volk siedelt.
Nach dem Erfolg dieses Buches verfeinerte Rabelais sein Material und erzählte im Band Gargantua vom Leben und den Taten des Vaters. Dieser Band schließt mit den berühmt gewordenen Kapiteln über die Abtei Thélème. Rabelais entwirft dort ein Kloster als verkehrte Welt: Junge Männer und Frauen leben gemeinsam, tragen kostbare Kleider, vergnügen sich mit Spielen und Festen, dürfen heiraten und die Abtei jederzeit verlassen. Sie leben in völliger Freiheit, denn ihre ganze Ordensregel besteht aus einem einzigen Satz: „Tu, was du willst" („Fay ce que vouldras"). Diese Utopie gründet auf dem Gedanken, dass freie, edel geborene und gut gebildete Menschen von selbst das Laster meiden. Die überaus ausführlichen Schilderungen von Bau und Kleidung lassen sich zugleich als Spott auf die utopische Literatur lesen – Thomas Morus hatte 1516 sein Utopia veröffentlicht.
Mit dem dritten Buch kehrt Rabelais zur Geschichte Pantagruels zurück. Nun steht dessen Freund Panurge im Vordergrund, der endlos über das Für und Wider einer Heirat grübelt, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Am Ende dieses Buches beginnt eine Schiffsreise, die das Orakel der göttlichen Flasche finden soll, um die Heiratsfrage endgültig zu klären. Im vierten Buch dauert diese Seereise an. Pantagruel und seine Gefährten treffen dabei auf viele sonderbare Personen und Gemeinwesen, die für Verirrungen und Auswüchse des Christentums stehen.
Das fünfte Buch erschien posthum um 1564; seine Urheberschaft ist umstritten. In ihm wird die göttliche Flasche schließlich gefunden. Ihre Antwort auf all die Fragen der langen Reise fällt knapp und deutlich aus: „Trinch!" – Trink!
Stil↑
Der Reiz von Rabelais' Prosa liegt in einer kühnen Mischung, die kaum ein anderer so beherrschte. Spielerische Ironie und beißender Sarkasmus, derber Witz und pedantische Gelehrsamkeit, Wortspiele und komisch verdrehte Zitate – echte wie erfundene – treffen dicht an dicht aufeinander und werden gegeneinander ausgespielt. Trotz seiner vielen volkstümlichen Wendungen und burlesken Einfälle wendet sich das Werk an gebildete Leser.
Die französische Schriftsprache war zu Rabelais' Zeit noch wenig ausgebildet. Er brachte zahlreiche mundartliche Begriffe erstmals zu Papier und bereicherte damit vor allem den Wortschatz für die handfeste, körperliche und dingliche Welt. Auf der Ebene des Aufbaus wechseln knappe Handlungsstücke, die immer wieder ins Phantastische und Groteske umschlagen, mit langen Reden des Erzählers und der Figuren. Die satirische Absicht ist stets spürbar, auch wenn sie sich gern hinter gespielter Naivität versteckt.
Rezeption↑
Aufgenommen wurde vor allem der Anfang des Zyklus mit großer Begeisterung: Die beiden ersten Bände waren ausgesprochen erfolgreich. Zugleich zog Rabelais den Zorn der konservativen Theologen der Sorbonne auf sich, die ihn nach jedem neuen Band angriffen und in ihm den Anhänger eines unorthodoxen, über die Konfessionen hinausweisenden Denkens erkannten.
Für die spätere Literaturwissenschaft wurde das Werk grundlegend. Der Denker Michail Bachtin entwickelte in den 1930er-Jahren an ihm seine Theorie des Karnevals.
Bis in die Gegenwart wirken die beiden Riesen nach. Die Sängerin France Gall besang sie 1968 im Lied Gare à toi… Gargantua. Die britische Band Gentle Giant eröffnete gleich zwei ihrer Alben mit Stücken, die auf Rabelais anspielen. Bei Paris bestand von 1987 bis 1991 der Vergnügungspark Mirapolis mit einer 35 Meter hohen, begehbaren Gargantua-Figur. Im Kinofilm Interstellar von 2014 trägt ein Schwarzes Loch den Namen Gargantua, und auch in neueren Computerspielen tauchen die Namen der Riesen immer wieder auf.
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