1980
Garten der Menschheit
Überblick↑
Der Roman Garten der Menschheit von Pramoedya Ananta Toer erschien 1980 im Verlag Hasta Mitra. Er bildet den Auftakt der Buru-Tetralogie. Der indonesische Originaltitel lautet Bumi Manusia; er setzt sich aus den Sanskrit-Wörtern für „Erde“ und „Mensch“ zusammen. Entstanden ist das Buch unter außergewöhnlichen Umständen: Toer war während der indonesischen Militärdiktatur als politischer Gefangener auf der Insel Buru interniert. Weil er dort zunächst kein Schreibzeug besaß, erzählte er die Geschichte seinen Mitgefangenen mündlich weiter. Ab 1976 durfte er sie niederschreiben, auch weil international Druck ausgeübt wurde. Kurz nach dem Erscheinen verbot Präsident Suharto das Buch in Indonesien. Die Folgebände tragen die Titel Kind aller Völker, Spur der Schritte und Haus aus Glas.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Minke, ein junger Javaner aus adeligem Haus. Sein Vater ist Bupati einer Regentschaft auf Java, und deshalb darf Minke die Hogere Burgerschool in Surabaya besuchen. Diese Schule steht sonst nur Niederländern und deren Nachkommen offen. Ein Klassenkamerad führt ihn eines Tages auf ein Landgut in Wonokromo am Stadtrand von Surabaya.
Dort lebt Nyai Ontosoroh, eine Javanerin, die als Konkubine des Niederländers Herman Mellema gilt. Weil Mellema geistig nicht mehr gesund und ständig abwesend ist, führt sie die Ländereien in Wirklichkeit allein. Bei ihr wohnen ihre beiden Kinder Robert und Annelies Mellema. Der Madurese Darsam bewacht das Anwesen. Minke wird immer wieder eingeladen, und zwischen ihm und Annelies entsteht eine Liebe.
Neben der Schule schreibt Minke für holländische Zeitungen, allerdings unter dem Namen Max Tollenaar, weil Texte eines Einheimischen keinen Erfolg hätten. Dann verschwindet Robert Mellema, ein rätselhafter dicker Mann taucht auf, und das angenehme Leben auf dem Gut gerät ins Wanken. Der Roman führt vor, wie wenig das Recht der Kolonialherren den Einheimischen zugesteht.
Die Handlung im Detail↑
Minke stammt aus einer javanischen Adelsfamilie. Da sein Vater Bupati einer Regentschaft auf Java ist, kann er die Hogere Burgerschool in Surabaya besuchen, die sonst den niederländischen Kolonialisten und ihren Nachfahren vorbehalten bleibt. Sein Klassenkamerad Robert Suurhof macht ihn eines Tages mit der Javanerin Nyai Ontosoroh bekannt. Sie ist offiziell die Konkubine des Niederländers Herman Mellema. Weil dieser geistig instabil ist und sich ständig auf seinen Besitztümern aufhält, verwaltet in Wahrheit sie die Ländereien in Wonokromo am Stadtrand von Surabaya. Zusammen mit ihren beiden Kindern Robert und Annelies Mellema bewirtschaftet sie das Landgut; der fleißige Madurese Darsam bewacht es.
Schon beim ersten Besuch versteht sich Minke bestens mit der Familie und wird bald wieder eingeladen. Aus den regelmäßigen Treffen wird Liebe: Annelies und Minke kommen zusammen. Nebenher schreibt Minke für holländische Zeitungen, doch er benutzt das Pseudonym Max Tollenaar, weil Texte eines Einheimischen keinen Erfolg hätten. Aus Eifersucht verrät Robert Suurhof ihn und streut zudem bösartige Geschichten über ihn in Surabaya. Minkes Erfolg als Schreiber leidet darunter kaum.
Dann verschwindet Robert Mellema, und ein mysteriöser dicker Mann taucht auf. Beides hängt mit dem plötzlichen Tod Herman Mellemas zusammen, der in einem chinesischen Bordell vergiftet wird. Vor Gericht wird das Verhältnis zwischen Minke und Annelies breit ausgewalzt, obwohl der chinesische Bordellbesitzer die Schuld auf sich nimmt und beide entlastet. Minke wird trotzdem für kurze Zeit von der Schule verwiesen.
Auf Druck von außen darf er bald zurückkehren. Er schließt die Schule erfolgreich ab, sogar als bester Schüler Surabayas. Kurz danach heiraten er und Annelies nach islamischem Ritus, und die beiden leben glücklich mit Nyai Ontosoroh auf dem Anwesen.
Das Glück währt nur kurz. Maurits Mellema, ein Sohn Herman Mellemas aus dessen erster und einziger Ehe, erhebt Anspruch auf das Anwesen in Wonokromo. Ein Gericht in Amsterdam spricht es ihm zu. Nyai Ontosoroh hat als Konkubine und Einheimische weder Anrecht noch Entscheidungsgewalt über ihr Land und ihre Kinder. Maurits Mellema erhält außerdem das Sorgerecht für Annelies bis zu deren Volljährigkeit und beordert sie zu sich nach Amsterdam. Die Ehe ist nach islamischer Tradition gültig, nach niederländischem Recht jedoch illegal und vor Gericht damit ohne Bedeutung. Auch erfolgreiche Juristen können die Ausreise nicht verhindern. Ihre letzten gemeinsamen Tage verbringen Minke, Annelies und Nyai Ontosoroh unter Hausarrest auf dem ehemals eigenen Anwesen, das die niederländische Marechaussee bewacht. Schließlich wird Annelies abgeholt und segelt nach Europa. Minke und Nyai Ontosoroh bleiben zurück.
Stil↑
Der Roman ist als Ich-Erzählung angelegt: Minke berichtet selbst von seiner Schulzeit, seiner Liebe und den Gerichtsverfahren. Die Handlung spielt im kolonialen Niederländisch-Indien, und das Buch zählt zur historischen Fiktion. Auffällig ist, wie stark Sprache und Namen selbst zum Thema werden. Minke schreibt seine Zeitungsartikel unter einem holländisch klingenden Pseudonym, weil ein einheimischer Name den Texten schaden würde. Ebenso genau verfolgt der Roman, was Rechtsformeln und Gerichtsurteile im Alltag anrichten.
Rezeption↑
Kurz nach dem Erscheinen 1980 verbot Präsident Suharto das Buch in Indonesien, und das Verbot galt bis zum Ende seiner Regierungszeit. Der Roman fand dennoch seinen Weg zu den Lesern und wurde zum Auftakt einer vierbändigen Reihe, der Buru-Tetralogie. Im Jahr 2019 verfilmte Hanung Bramantyo den Stoff unter dem Originaltitel Bumi Manusia.
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