1890
Gedichte
Überblick↑
Emily Dickinson hinterließ rund 1775 Gedichte. Zu ihren Lebzeiten erschienen davon nur sieben. Ein Buch hat sie nie veröffentlicht. Ihr Werk ist deshalb kein Band, den sie selbst zusammengestellt hätte, sondern die Gesamtheit ihrer Verse – und die kam erst nach ihrem Tod ans Licht.
Ab etwa 1858 ordnete Dickinson ihre Gedichte in selbst gefertigte Hefte. Nach ihrem Tod 1886 fand ihre Schwester Lavinia diese Schriftstücke. Sie begann, den Nachlass zu verbrennen, hielt jedoch inne, als ihr das Ausmaß des Werks bewusst wurde. 1890 erschien die erste Auswahl unter dem Titel Poems by Emily Dickinson, herausgegeben von Thomas Wentworth Higginson und Mabel Loomis Todd.
Diese ersten Herausgeber griffen tief in die Texte ein: Sie glätteten Stil, Zeichensetzung und Grammatik – und gaben den Gedichten Titel, die Dickinson selbst nie vergeben hatte. Erst 1955 legte Thomas H. Johnson in Cambridge (Massachusetts) eine dreibändige Ausgabe vor, die den Handschriften unverändert folgte. Sie gilt seither als die maßgebliche Ausgabe.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Dickinsons Gedichte erzählen keine Geschichte. Sie umkreisen wenige große Fragen, immer wieder und aus stets neuem Blickwinkel: den Tod, die Natur, die Liebe, die Unsterblichkeit, das, was über die sichtbare Welt hinausweist.
Die Gedichte sind kurz. Sie tragen keine Titel, sondern werden nach ihrer ersten Zeile oder nach der Nummer in Johnsons Ausgabe zitiert. Wer sie liest, findet keine Fortsetzung, sondern eine Folge von Anläufen – als würde dieselbe Frage von immer anderen Seiten belauert.
Die Handlung im Detail↑
Weil ein Handlungsfaden fehlt, gliedert sich das Werk nicht nach Kapiteln, sondern nach seinen Gegenständen.
Am dichtesten sind die Gedichte über den Tod. Dickinson stellt ihn nicht als Schrecken dar, sondern nüchtern, oft geradezu höflich – als Besucher, als Kutscher, als Gegenüber, mit dem sich reden lässt. Der Übergang vom Leben zum Danach wird als Vorgang beobachtet, nicht beklagt.
Die Natur erscheint bei ihr genau beobachtet und zugleich rätselhaft: ein Vogel, ein Lichteinfall, ein Sturm werden bis ins Kleinste geschildert und öffnen doch unversehens einen Abgrund. Die Liebe bleibt meist unerfüllt, angedeutet, verschlüsselt. Und immer wieder fragt sie nach dem, was hinter den Dingen liegt – nach Unsterblichkeit und Transzendenz –, ohne je eine fertige Antwort anzubieten.
Dass diese Themen sich durchdringen, gehört zum Kern ihres Werks: Ein Gedicht über eine Fliege im Zimmer kann in Wahrheit eines über das Sterben sein.
Stil↑
Dickinsons Handschrift ist unverwechselbar. Auffälligstes Merkmal sind die zahlreichen Gedankenstriche, während andere Satzzeichen weitgehend fehlen. Sie zerteilen die Verse, halten sie an, lassen sie offen. Dazu kommt eine ungewöhnliche Großschreibung einzelner Wörter, die Begriffe eigens hervorhebt.
Ihre Sprache ist von einer äußersten Knappheit. Verben fehlen mitunter ganz, abstrakte Begriffe stehen unvermittelt nebeneinander. Das macht viele Gedichte auf den ersten Blick spröde und auf den zweiten vieldeutig.
Formal greift sie überwiegend auf das schlichte Versmaß des Kirchenlieds zurück – ein Maß, das jeder Leser ihrer Zeit im Ohr hatte. Gerade darum fallen die Abweichungen auf: Metrische Bruchstellen und unreine Reime signalisieren bei ihr oft einen thematischen Bruch. Die vertraute Form wird angeschlagen und dann bewusst verletzt.
Rezeption↑
Die frühen Ausgaben ab 1890 fanden Leser, zeigten aber nicht Dickinsons eigene Handschrift, sondern eine geglättete Fassung. Erst mit Johnsons textkritischer Ausgabe von 1955 wurde sichtbar, wie eigenwillig ihre Verse tatsächlich sind. Sie zählt heute neben Walt Whitman zu den wichtigsten Stimmen der amerikanischen Lyrik des 19. Jahrhunderts.
Im deutschen Sprachraum liegt ihr Werk in mehreren Übertragungen vor – unter anderem bei Diogenes (1997), Dieterich (2005), Fischer (2006) sowie bei Hanser (2006 und 2015), übersetzt von Werner von Koppenfels und Gunhild Kübler. Dass ihre Gedichte weder Titel noch feste Zeichensetzung haben, macht jede Übersetzung zu einer Auslegung: Schon wo ein Gedankenstrich stehen bleibt oder verschwindet, entscheidet sich der Sinn.
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