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Gedichte in Prosa
– Werkseintrag –

Gedichte in Prosa

· Lyrik

Sechs kurze Prosagedichte, in denen Oscar Wilde biblische Szenen und antike Mythen aufruft und am Ende sanft auf den Kopf stellt.

Überblick

Die Sammlung Gedichte in Prosa umfasst sechs kurze Prosastücke. Oscar Wilde veröffentlichte sie im Juli 1894 in der Londoner Zeitschrift The Fortnightly Review. Sie gehen auf mündlich erzählte Geschichten zurück, mit denen Wilde im Freundeskreis Eindruck machte. Sie bilden die einzigen Prosagedichte, die er zu Lebzeiten in Druck gab. Die Reihe besteht aus Der Künstler, Der Wohltäter, Der Jünger, Der Meister, Das Haus des Gerichts und Der Lehrer der Weisheit. Zwei davon, Das Haus des Gerichts und Der Jünger, waren bereits 1893 in der Oxforder Studentenzeitschrift The Spirit Lamp erschienen. Wildes Freund und häufiger Illustrator Charles Ricketts fertigte dazu Federzeichnungen an, ließ sie aber zu Lebzeiten ungedruckt. Erst 1905, fünf Jahre nach Wildes Tod, erschien die Reihe als privat gedrucktes Heft.

Inhalt (ohne Spoiler)

Die sechs kurzen Stücke sind Gleichnisse und Parabeln. Darin verdichtet Wilde biblische Szenen, antike Mythen und eigene Erfindungen zu kleinen Bildern. Ein Bildhauer sucht das richtige Material für ein Werk über die flüchtige Freude. Christus begegnet vier Menschen, denen er einst geholfen hat, und stellt fest, wie sie nun leben. Am Teich, in den einst Narziss schaute, trauern die Bergnymphen um den Toten und sprechen mit dem Wasser. Joseph von Arimathäa trifft auf einen weinenden Mann und deutet dessen Schmerz falsch. Ein Sünder steht vor Gott im Haus des Gerichts und antwortet auf jedes Urteil mit einer überraschenden Erwiderung. Ein Prediger sammelt Wissen über Gott und wird in seiner Höhle eines Tages von einem Räuber überrascht. Jedes Stück nimmt eine vertraute Erwartung – fromm, mythisch, moralisch – und kippt sie behutsam in eine andere Richtung.

Die Handlung im Detail

In Der Künstler will ein Bildner ein Bild der Freude formen, die nur einen Augenblick währt. Er kann nur in Bronze arbeiten, findet aber nirgends auf der Welt das nötige Metall – außer in einer eigenen früheren Plastik, die er einst dem ewig dauernden Leid gewidmet hat. Er schmilzt das alte Werk ein und gießt daraus das neue Bild der flüchtigen Freude.

Der Wohltäter erzählt, was aus vier Menschen geworden ist, denen Christus geholfen hat. Christus sieht einen, der im Überfluss schwelgt, und fragt nach dem Grund; der Mann antwortet, er sei einst aussätzig gewesen und geheilt worden – wie sonst sollte er leben? Ein anderer begehrt mit den Augen eine Dirne; auf die Frage Christi sagt er, er sei blind gewesen und sehe nun – worauf sonst sollte er blicken? Die Frau selbst, nach ihrem sündigen Leben befragt, erinnert daran, dass ihr die Sünden vergeben seien. Am Ende trifft Christus einen am Wegrand, der weint; er sagt, er sei von den Toten auferweckt worden – was bleibe ihm anderes übrig, als zu weinen?

Der Jünger wird aus der Sicht jenes Teiches erzählt, in den Narziss einst hineinblickte. Nach dem Tod des Jünglings trauern die Bergnymphen mit dem Wasser, das sich in eine Schale aus salzigen Tränen verwandelt hat. Sie trösten den Teich: Es sei schwer, einen so Schönen nicht zu beweinen. Der Teich aber gesteht, er habe gar nicht gewusst, dass Narziss schön war. Er trauere, weil er in dessen Augen die eigene Schönheit gespiegelt sah.

In Der Meister trifft Joseph von Arimathäa auf einen weinenden Mann und hält ihn für einen, der um den gekreuzigten Christus trauert. Der Mann jedoch klagt, er habe dieselben Wunder vollbracht wie Christus – und doch habe niemand ihn ans Kreuz geschlagen.

Das Haus des Gerichts zeigt einen Sünder vor Gott. Gott liest ihm die Liste seiner Sünden vor, und nach jedem Vorwurf bestätigt der Mann, er habe das getan. Gott will ihn zur Hölle verurteilen, doch der Mann antwortet, in der Hölle habe er immer schon gelebt. Daraufhin will Gott ihn in den Himmel schicken; aber der Mann erwidert, den Himmel könne er sich auf keine Weise vorstellen. Gott bleibt schließlich stumm.

Der Lehrer der Weisheit handelt von einem Mann, der den Menschen das Evangelium verkündet und doch unglücklich bleibt. Seine Seele warnt ihn, er verschleudere seinen Schatz, wenn er sein Wissen über Gott weitergebe. Da hütet er den Rest seines Wissens, zieht sich in eine Höhle zurück, in der zuvor ein Kentaur gehaust hatte, und lebt dort lange als Einsiedler. Eines Tages zieht ein Räuber vorbei, den der Blick des Eremiten festhält – ein Blick des Mitleids, denn der Einsiedler besitzt, wie er sagt, einen Schatz, der mehr wert ist als alles, was der Räuber je gestohlen hat. Der Räuber droht ihm, doch der Eremit gibt nichts preis, bis der Räuber erklärt, er werde seine Beute verkaufen, um sich in der Stadt zu vergnügen. Da gibt der Einsiedler sein letztes Wissen über Gott hin und stirbt. Gott aber empfängt ihn und kündigt ihm an, dass er nun die vollkommene Liebe Gottes kennen werde.

Stil

Die sechs Stücke gehören zur Gattung des Prosagedichts. Diese Gattung entstand im 19. Jahrhundert und wurde vor allem von Charles Baudelaires Petits poèmes en prose geprägt. In dessen Nachfolge griffen in Frankreich Stéphane Mallarmé und Arthur Rimbaud die Form auf. In England gingen Edgar Allan Poe und Charles Kingsley voran. Das Prosagedicht verzichtet auf Verszeilen, behält aber dichterische Verdichtung: starke Bildlichkeit, rhythmische und figürliche Wiederholung, eine durchgehende Spannung und große Knappheit.

Wilde nutzt dieses Gefäß für Gleichnisse im biblischen Ton. Die Stücke beginnen meist mit einer scheinbar frommen oder mythischen Situation. Über knappe Frage-und-Antwort-Folgen führen sie zu einer Pointe, die das erwartete moralische Urteil umdreht. Die Sprache ist feierlich, fast liturgisch, mit deutlichen Anklängen an die Evangelienprosa. Sie arbeitet stark mit Parallelismen: gleich gebaute Sätze, wiederkehrende Wendungen, eine viermal hintereinander gestellte Frage in Der Wohltäter, die immer dieselbe Form trägt und doch jedes Mal anders endet. Figuren und Schauplätze – Christus, Joseph von Arimathäa, Narziss, Gott im Gericht, der Eremit in der Höhle – sind aus Bibel und Mythos vertraut. Ihr Gewicht trägt jeweils ein einziges, oft paradoxes Bild.

Rezeption

Die sechs Prosagedichte gingen aus Wildes mündlich vorgetragenen Erzählungen hervor. Sie blieben die einzigen Stücke dieser Form, die er selbst zu Lebzeiten drucken ließ. Zwei von ihnen, Das Haus des Gerichts und Der Jünger, hatten 1893 zunächst in der Oxforder Studentenzeitschrift The Spirit Lamp gestanden. 1894 erschienen dann alle sechs gemeinsam in The Fortnightly Review. Charles Ricketts, Wildes Freund und langjähriger Illustrator, schuf eine Reihe von Federzeichnungen dazu, brachte sie aber selbst nie heraus. Erst 1905 wurden die Prosagedichte als privat gedrucktes Heft veröffentlicht.

In der Folge fanden die kleinen Texte ein eigenes Nachleben. Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho legte Der Jünger als Prolog seinem Roman Der Alchimist voran. Damit holte er das Stück einer Weltleserschaft vor Augen. In der Forschung erscheinen die Prosagedichte im Rahmen der Oxforder Gesamtausgabe von Wildes Werk. Jüngere Studien widmen sich Rickettsʼ Illustrationen und lesen die Stücke als frühe Beispiele eines spielerischen Umgangs mit überlieferten Mythen und biblischen Mustern.

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