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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Oscar Wilde
Oscar Wilde
1854 – 1900
– Autorenporträt –

Oscar Wilde

1854 – 1900 · 46 Jahre

Funkelnder Dandy des viktorianischen London, Meister der Gesellschaftskomödie und Verfasser des „Bildnisses des Dorian Gray“ – 1895 wegen Homosexualität zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und im Pariser Exil verarmt gestorben.

Kurzbiografie↑

Oscar Wilde (1854–1900) war ein irischer Schriftsteller. Als Lyriker, Romanautor, Dramatiker und Kritiker zählte er zu den bekanntesten und zugleich umstrittensten Autoren des viktorianischen Großbritanniens. Berühmt wurde er für seine glänzenden Gesellschaftskomödien, für seinen einzigen Roman Das Bildnis des Dorian Gray und für sein extravagantes Auftreten als Dandy und Ästhet. 1895 wurde er wegen homosexueller „Unzucht“ zu zwei Jahren Zuchthaus mit harter Zwangsarbeit verurteilt. Das ruinierte seine Gesundheit. Nach der Entlassung lebte er verarmt im Pariser Exil. Dort starb er mit 46 Jahren.


Biografie↑

Geboren wurde Oscar Fingal O'Flahertie Wills Wilde am 16. Oktober 1854 in Dublin. Sein Vater William Wilde war Irlands führender Ohren- und Augenarzt und verfasste Bücher über Archäologie, Folklore und den Satiriker Jonathan Swift. Seine Mutter Jane arbeitete als Übersetzerin und engagierte sich im Young Ireland Movement. Unter dem Pseudonym „Speranza“ galt sie als revolutionäre Lyrikerin. Der von ihr unterhaltene Dubliner Salon brachte Oscar früh mit Künstlern und Schriftstellern in Berührung. Von 1864 bis 1871 besuchte er als Internatsschüler die Portora Royal School in Enniskillen.

Von 1871 bis 1874 studierte Wilde mit glänzendem Erfolg klassische Literatur am Trinity College Dublin. Im Sommer bereiste er mit seinem Lehrer für Altphilologie, John Pentland Mahaffy, Norditalien. Ein jährliches Stipendium von 95 Pfund ermöglichte ihm von 1874 bis 1878 das Studium am Magdalen College in Oxford. Dort trat er der Freimaurerloge Apollo University Lodge no. 357 bei und fiel rasch durch seinen Witz auf. Bald war er als Ästhet bekannt. Zwei gegensätzliche Lehrer prägten ihn: Walter Horatio Paters Hinwendung zum L'art pour l'art und John Ruskins moralisch-soziale Kunstauffassung. 1878 wurde sein Gedicht Ravenna mit dem Newdigate-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr schloss er sein Studium mit Auszeichnung als Bachelor of Arts ab.

1879 zog Wilde nach London. Bis 1881 teilte er sich mit dem Pastellmaler Frank Miles eine Wohnung in der Salisbury Street, die er „Thames House“ nannte. Sein erstes Bühnenstück Vera; or the Nihilists (1880) erschien als Privatdruck. Sein erster Gedichtband Poems (1881) erschien bei dem Londoner Verleger David Bogue in drei Auflagen zu je 250 Exemplaren. Ende 1881 brach er zu einer Vortragsreise nach Nordamerika auf. Über das ganze Jahr 1882 sprach er in mehr als hundert Städten der USA und Kanadas über Ästhetizismus und dekorative Künste. In Philadelphia traf er am 18. Januar 1882 mit Walt Whitman zusammen. Die Presse beiderseits des Atlantiks empfing ihn ebenso enthusiastisch wie höhnisch. Thomas Wentworth Higginson griff ihn im „Woman's Journal“ unter dem Titel Unmanly Manhood scharf an.

1883 verbrachte Wilde mehrere Monate in Paris. Dort schrieb er The Duchess of Padua und verkehrte mit Edmond de Goncourt, Victor Hugo, Paul Verlaine, Sarah Bernhardt sowie den Malern Edgar Degas und Camille Pissarro. Eine zweite Amerikareise im Sommer 1883 brachte die Uraufführung von Vera in New York. Nach Verrissen wurde das Stück schon nach acht Tagen abgesetzt. Es folgten zwei Vortragstourneen durch das Vereinigte Königreich. Am 29. Mai 1884 heiratete er die sechsundzwanzigjährige Kinderbuchautorin Constance Lloyd. Aus der Ehe gingen die Söhne Cyril (1885–1915) und Vyvyan (1886–1967) hervor. Das Paar ließ sich in Chelsea nieder.

Von 1887 bis 1889 arbeitete Wilde für die „Pall Mall Gazette“, danach als Herausgeber der Zeitschrift „Woman's World“. In dieser Zeit erschienen die für seine Söhne geschriebene Märchensammlung Der glückliche Prinz und andere Märchen (1888), die Kriminalerzählung Lord Arthur Saviles Verbrechen (1887) und sein einziger Roman Das Bildnis des Dorian Gray (1890/91). Es folgten die Gesellschaftskomödien Lady Windermere's Fan (1892), A Woman of No Importance (1893), An Ideal Husband (1895) und The Importance of Being Earnest (1895). Sein Stück Salome (1891) wurde vom englischen Zensor verboten. So scheiterte die 1892 geplante Londoner Aufführung mit Sarah Bernhardt. Uraufgeführt wurde es erst 1896 in Paris am Théâtre de l'Œuvre. Richard Strauss vertonte später die deutsche Übersetzung Hedwig Lachmanns zu seiner gleichnamigen Oper, die 1905 in Dresden Premiere hatte.

Laut dem Biographen Richard Ellmann praktizierte Wilde seine Homosexualität erstmals 1886 mit dem damals siebzehnjährigen Oxford-Studenten Robert Ross. Sein langjähriges Verhältnis zu dem sechzehn Jahre jüngeren Lord Alfred Douglas, genannt Bosie, führte 1895 zur Katastrophe. Dessen Vater, der Marquess of Queensberry, hinterließ am 18. Februar 1895 im Albemarle Club eine Visitenkarte, auf der er Wilde als „posierenden Sodomiten“ bezeichnete. Wilde erhob Verleumdungsklage, verlor jedoch. Denn im Prozess kam sein Umgang mit jungen Männern aus der Unterschicht und mit männlichen Prostituierten zur Sprache. Er wurde selbst verhaftet und am 25. Mai 1895 in einem zweiten Verfahren zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer Zwangsarbeit verurteilt.

Wilde verbüßte die Strafe zunächst in Wandsworth, ab 20. November 1895 unter entwürdigenden Bedingungen im Zuchthaus Reading. Dort galten Redeverbot, Einzelhaft und die Tretmühle als Zwangsarbeit. Eine vierzehntägige Dunkelhaft beschrieb er später mit den Worten „Suffering is one very long moment“. Im Gefängnis verfasste er einen 50.000 Wörter umfassenden Brief an Lord Alfred Douglas. Dieser erschien posthum 1905 unter dem Titel De Profundis in gekürzter Form. Eine vollständige Druckfassung nach dem im British Museum verwahrten Originalmanuskript wurde erst 1962 in The Letters of Oscar Wilde veröffentlicht.

Am 19. Mai 1897 wurde Wilde gesundheitlich schwer angeschlagen entlassen und floh noch am selben Abend nach Paris. Britischen Boden betrat er nie wieder. Außer der Ballade vom Zuchthaus zu Reading schrieb er nichts mehr. Er lebte unter dem Namen Sebastian Melmoth in Armut und Isolation auf dem europäischen Festland. Der Name stammt aus dem Roman Melmoth der Wanderer von Charles Robert Maturin, der zur Familie von Wildes Mutter gehörte. Seine Frau Constance starb am 7. April 1898 in Genua. Aus ihrem Nachlass erhielt er eine jährliche Summe von 150 Pfund. Am 30. November 1900 starb Wilde im Pariser „Hôtel d'Alsace“. Durch einen katholischen Priester erhielt er die Nottaufe, die Absolution und die letzte Ölung. Über die Todesursache ist sich die Forschung uneins. Die südafrikanischen Wissenschaftler Ashley Robins und Sean Sellars halten eine Hirnhautentzündung als Folge einer chronischen Mittelohrentzündung für ausschlaggebend. Der Biograph Richard Ellmann stützt sich dagegen auf Aussagen enger Freunde und geht von Syphilis als Todesursache aus. Wilde wurde zunächst auf dem Cimetière parisien de Bagneux bestattet und 1909 auf den Père-Lachaise umgebettet. Dort ziert ein Grabmal von Jacob Epstein die Ruhestätte.


Literarische Merkmale↑

Wilde schrieb in mehreren Gattungen mit eigenem Ton: in der Lyrik, im Drama, im Märchen, in der Erzählung, im einzigen Roman und im essayistischen Brief. Berühmt wurde er vor allem für seine Sprachgewandtheit, seinen pointierten Witz und seine Bonmots. Diese kamen schon in Oxford in Umlauf und machten ihn später zu einem der meistzitierten Autoren seiner Zeit.

Geprägt wurde sein Schreiben von zwei gegensätzlichen Lehrern in Oxford: der auf L'art pour l'art zielenden Ästhetik Walter Horatio Paters und der moralisch-sozial engagierten Kunstauffassung John Ruskins. Beides verband Wilde zum eigenen Programm des Ästhetizismus. Auf seiner Amerika-Tournee propagierte er es unter dem Titel The English Renaissance of Art. In Paris kam dann die französische Décadence hinzu. Charles Baudelaire und Paul Verlaine begeisterten ihn, und Joris-Karl Huysmans' Roman Gegen den Strich (1884) beeindruckte ihn tief. Diese Anregungen flossen unmittelbar in Das Bildnis des Dorian Gray ein, dessen Held Züge von Huysmans' Jean Floressas des Esseintes trägt. Der Roman liest sich zugleich als Proklamation und als Kritik des Ästhetizismus.

In seinen Gesellschaftskomödien verband Wilde funkelnden Dialogwitz mit einer satirischen Darstellung der viktorianischen Oberklasse. Dazu zählen Lady Windermere's Fan, A Woman of No Importance, An Ideal Husband und vor allem The Importance of Being Earnest. Die Märchen aus Der glückliche Prinz gelten als klassische Vertreter der Kunstmärchen-Gattung. In Salome griff er die biblische Legende auf. Aubrey Beardsleys teils sehr freizügige Jugendstil-Illustrationen unterstrichen den dekadenten Charakter des Stücks. Ein anderes Gesicht zeigt seine späte Lyrik. In der Ballade vom Zuchthaus zu Reading verarbeitete er die Erfahrungen der Haft in eindringlichen Bildern – etwa dem „little tent of blue / Which prisoners call the sky“.


Rezeption↑

Schon zu Lebzeiten war Wilde eine Doppelgestalt. Als Schriftsteller wurde er bewundert, im prüden viktorianischen Großbritannien zugleich als Skandalautor und Dandy verschrien. Das Satiremagazin „Punch“ verspottete früh die Ästheten und mit ihnen Wilde. Nach seiner Verurteilung 1895 schlug die öffentliche Stimmung um. Der Skandal traf auch sein Umfeld, etwa das Magazin „The Yellow Book“ und Aubrey Beardsley, obwohl „Yellow Book“ nie etwas von Wilde veröffentlicht hatte. William Butler Yeats würdigte später Wildes Entscheidung, nicht aus England zu fliehen, mit den Worten, er habe „ebendieser Entscheidung die Hälfte seines Ruhms verdankt“.

Im deutschsprachigen Raum wirkte Wilde nachhaltig fort. Richard Strauss vertonte die deutsche Übersetzung Hedwig Lachmanns von Salome zu seiner gleichnamigen Oper. Sie wurde am 9. Dezember 1905 an der Dresdner Hofoper uraufgeführt. Der Kritiker Alfred Kerr äußerte sich in seinem saloppen, gesellschaftskritischen Stil über Wilde. Er nannte ihn einen „Stilkünstler“ und ließ offen, ob er mehr gewesen sei.

Wildes Stücke werden bis heute aufgeführt, und sein Leben dient immer wieder als Stoff für Dramen. Bereits Gilbert und Sullivans Patience oder Bunthornes Braut (1881) spielte – noch ohne Fokus auf die Sexualität – auf ihn an. In Tom Stoppards The Invention of Love (1997) über homosexuelle Liebe in der viktorianischen Zeit kommt er prominent vor. In der Spielzeit 2024/25 wurde am Düsseldorfer Schauspielhaus André Kaczmarczyks Die Märchen des Oscar Wilde erzählt im Zuchthaus zu Reading nach Oscar Wilde mit Musik von Matts Johan Leenders uraufgeführt. Das Stück fokussiert auf die Haftzeit und den letzten Prozess. Auch der Schauplatz seiner Inhaftierung ist Erinnerungsort geblieben. 2016 setzten sich Künstler im ehemaligen Zuchthaus von Reading unter dem Titel Inside: Artists and Writers in Reading Prison in einer von Artangel kuratierten Ausstellung mit Wildes Haft und mit Fragen von Homosexualität, Isolation, Strafe und Gerechtigkeit auseinander. Sein Grab auf dem Père-Lachaise war über Jahrzehnte mit tausenden Lippenstift-Küssen bedeckt. Zum 111. Todestag wurde es renoviert und mit einer Glasplatte geschützt.

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