1905
De Profundis
Überblick↑
Den langen Brief De Profundis schrieb Oscar Wilde Anfang 1897 im Zuchthaus von Reading, in den letzten Monaten seiner Haft. Adressat ist sein früherer Freund und Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas. Der Titel stammt aus Psalm 130: „De profundis clamavi ad te Domine.“ – „Aus der Tiefe rief ich, Herr, zu Dir“. Der Text umfasst etwa 50.000 Wörter. Er gehört zu den bekanntesten Gefängnisschriften der europäischen Literatur und zeigt einen Autor, der auf dem Tiefpunkt seines Lebens Rechenschaft über sich selbst ablegt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Aus der Zelle heraus wendet sich Wilde an den Mann, den er für seinen Absturz mitverantwortlich macht. Er blickt kritisch auf sein bisheriges Leben zurück und nennt es oberflächlich und hedonistisch. Er schildert die Bedingungen seiner Haft und den Zustand, in den ihn das Leiden gebracht hat. Dem Adressaten Alfred Douglas macht er bittere Vorwürfe. Zugleich ist der Brief eine Verteidigungsschrift für das eigene Leben: Wilde versucht zu begründen, welche Rolle er in der Kunst und Kultur seiner Zeit gespielt hat.
Die Handlung im Detail↑
Die Entstehung des Textes fällt in den Tiefpunkt von Wildes Leben. Am 25. Mai 1895 war er wegen Unzucht zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer körperlicher Zwangsarbeit verurteilt worden. Darunter verstand man damals homosexuelle Praktiken, die unter Strafe standen. Wegen des Skandals um seine Kontakte zu männlichen Prostituierten hatte seine Frau mit den gemeinsamen Kindern das Land verlassen. 1896 starb seine Mutter Jane Francesca Elgee. Wilde wurde zudem für bankrott erklärt, und die harten Haftbedingungen schädigten seine Gesundheit so schwer, dass er sich nie mehr vollständig erholte. Er saß nacheinander in Pentonville, Wandsworth und Reading ein.
Im Brief selbst betrachtet Wilde sein früheres Leben kritisch und beschreibt es als oberflächlich und hedonistisch. Er schildert die Haftbedingungen. Dazu gehört der Tag, an dem er in Handschellen am Bahnhof Clapham Junction stehen musste, während eine Menschenmenge ihn verspottete. Er beschreibt seinen emotionalen Zustand, den er nach vielen Leiden demütig nennt. Dann zieht er eine finanzielle Bestandsaufnahme: „I am completely penniless, and absolutely homeless.“ („Ich bin völlig mittellos und absolut obdachlos.“) Er stellt fest, dass ihm in der kommenden schweren Zeit weder Moral noch Religion oder Vernunft helfen werden. Dem Adressaten macht er bittere Vorwürfe. Gleichzeitig verteidigt er sein Leben. Mit seinem Aufstieg und Fall, so führt er an, sei er ein Mann, der in symbolischer Beziehung zu der Kunst und Kultur seines Zeitalters stand.
Absenden durfte Wilde den Brief aus dem Zuchthaus nicht. Nach dem Ende seiner Strafe konnte er ihn mitnehmen. Er überließ das Werk seinem Freund und Lektor Robert Baldwin Ross mit der Bitte, Alfred Douglas eine Kopie zukommen zu lassen. Ob Ross das tat, ließ sich nie klären. Douglas bestritt, den Brief je erhalten zu haben.
Stil↑
Die Form des Werkes ist die eines langen Briefes, der zugleich Anklage, Lebensbeichte und Verteidigungsschrift ist. Wilde wechselt zwischen sehr konkreten Schilderungen des Gefängnisalltags und grundsätzlichen Betrachtungen über sein eigenes Leben. Der Titel setzt den Text von der ersten Zeile an in einen religiösen Zusammenhang, denn er zitiert den Anfang von Psalm 130. Eine Sprache voller Vorwürfe steht neben Sätzen von knapper Nüchternheit, etwa der Feststellung, er sei völlig mittellos und obdachlos. Die lateinische Bezeichnung De Profundis; Epistola: In Carcere et Vinculis, unter der der Text später vollständig erschien, bedeutet „Aus der Tiefe; Epistel: In Gefangenschaft und Fesseln“.
Rezeption↑
Erst nach Wildes Tod wurde der Brief öffentlich, und das in Deutschland zuerst. 1905 erschien bei S. Fischer in Berlin eine von Max Meyerfeld herausgegebene und eingeleitete Buchausgabe. Ihr ging eine Veröffentlichung in der Neuen Rundschau voraus, die ebenfalls bei Fischer verlegt wurde. Das Buch kam am 11. Februar 1905 oder wenige Tage zuvor heraus. Es war damit etwa zwei Wochen vor der englischen Ausgabe da. Diese wurde am 23. Februar 1905 ausgeliefert und war weitaus kürzer. Zu ihr hatte sich Ross doch noch entschlossen.
Der Weg zum vollständigen Text dauerte Jahrzehnte. Die Ausgabe von Wildes gesammelten Werken aus dem Jahr 1908 enthält eine etwas längere Version. Ross übergab das Original schließlich dem British Museum, verbunden mit der Bedingung, dass es nicht vor 1960 veröffentlicht werden dürfe. 1949 gab Wildes Sohn Vyvyan Holland eine weitere Fassung heraus, die zuvor unveröffentlichte Teile enthielt. Sie beruhte allerdings auf einer teils fehlerhaften Schreibmaschinenkopie, die Ross ihm hinterlassen hatte. Vollständig und korrekt erschien das Manuskript 1962 in dem Band The Letters of Oscar Wilde. In die erweiterte Ausgabe The Complete Letters of Oscar Wilde wurde der Text unter dem Titel De Profundis; Epistola: In Carcere et Vinculis aufgenommen.
Neue deutsche Übersetzungen hielten das Werk lebendig. 1966 erschien eine Fassung von Hedda Soellner unter dem Titel De Profundis. 2023 legte der Hanser Verlag eine Neuübersetzung von Mirko Bonné unter dem Titel Aus der Tiefe vor.
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