1893
Salome
Überblick↑
Der Einakter Salome von Oscar Wilde wurde ursprünglich auf Französisch verfasst. Er gilt als eines der wichtigsten Dramen der anglo-französischen Décadence. Wilde erklärte 1891 in einem Brief an Edmond de Goncourt, er sei „im Herzen Franzose, der Geburt nach aber Ire und von den Engländern dazu verurteilt, die Sprache Shakespeares zu sprechen“. Das kurze Stück verarbeitet den biblischen Stoff um Johannes den Täufer zu einer sinnlich aufgeladenen Tragödie. In England sorgte sie für einen Skandal. Sie wurde zensiert und teilweise verboten, weil sie einen biblischen Stoff bearbeitete und weil die offene Darstellung weiblicher Begierde als untragbar galt. Heute zählt das Drama zum etablierten Bühnenrepertoire. Wegen seiner Kürze wird es allerdings eher selten gespielt. Bekannter als das Schauspiel ist die darauf beruhende Oper von Richard Strauss. Sie gehört zum Welterbe der Opernhäuser.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine helle, monddurchflutete Nacht auf der Terrasse des Palastes des Tetrarchen Herodes Antipas im römisch besetzten Judäa. Drinnen feiert der Hofstaat. Draußen schwärmt der junge syrische Hauptmann Narraboth für die Stieftochter des Tetrarchen, Prinzessin Salome. Aus einer Zisterne im Hof dringen die Rufe des Propheten Jochanaan – Johannes des Täufers. Herodes hält ihn gefangen, seit er öffentlich die Ehe des Tetrarchen mit Herodias, der Witwe seines Bruders, angeprangert hat.
Salome flieht vor den begehrlichen Blicken ihres Stiefvaters auf die Terrasse. Die Stimme des Propheten zieht sie in den Bann. Sie will den Gefangenen sehen, will mit ihm sprechen, koste es, was es wolle. Die Königstochter kann sich von seinem Anblick nicht mehr lösen. Was zwischen ihr und dem asketischen Prediger geschieht, treibt das Stück mit unaufhaltsamer Wucht auf eine Katastrophe zu. In ihr stoßen Begehren, Macht und ein leichtfertig geleisteter Schwur des Herodes zusammen.
Die Handlung im Detail↑
Auf der mondhellen Terrasse des Palastes schwärmt Narraboth, der junge Syrier und Hauptmann der Wache, für Salome, die noch nicht zu sehen ist. Der Page der Herodias warnt ihn, sie so sehr anzuhimmeln – es könne gefährlich werden. Aus einer Zisterne im Hof ruft der Prophet Jochanaan, Johannes der Täufer, seine Weissagungen aus. Herodes hält ihn gefangen, seit er die Heirat des Tetrarchen mit Herodias, der Witwe seines Bruders, als unrechtmäßig angeprangert hat.
Salome tritt auf, weil sie die „Maulwurfsaugen unter den zuckenden Lidern“ ihres Stiefvaters nicht mehr ertragen kann. Sie wird auf die Stimme des Propheten aufmerksam, ist fasziniert und will ihn sehen. Sie umwirbt Narraboth so lange, bis er den Befehl bricht und Jochanaan aus der Zisterne holen lässt.
Das Gespräch beginnt mit Flüchen des Propheten gegen Herodias. Salome aber ist gebannt: „Ich bin verliebt in deinen Leib, Jochanaan! Dein Leib ist weiß wie die Lilien auf einem Felde, das nie die Sichel berührt hat.“ Jochanaan weist sie schroff zurück: „Zurück, Tochter Babylons! Durch das Weib kam das Übel in die Welt.“ Sie begehrt seinen Mund, will ihn küssen – er verweigert sich. Narraboth, der die Szene nicht erträgt, ersticht sich. Jochanaan sieht sich darin bestätigt, dass er „im Palaste den Flügelschlag des Todesengels gehört habe“, und kehrt in die Zisterne zurück.
Der Hofstaat tritt heraus, Herodes will das Fest auf der Terrasse fortsetzen. Er bemerkt die Leiche Narraboths und lässt sie wegtragen. Herodias macht ihm Vorwürfe; Herodes bietet seiner Stieftochter Speise, Wein und einen Thron an, doch Salome lehnt alles ab. Aus der Zisterne greift Jochanaan abermals Herodias an, woraufhin diese verlangt, ihn zum Schweigen zu bringen. Herodes aber starrt nur auf Salome und bittet sie zu tanzen. Sie ziert sich – bis er ihr schwört, sie könne dafür alles fordern, was sie wolle.
Salome tanzt den Tanz der sieben Schleier, der die Gesellschaft entzückt. Dann fordert sie ihren Lohn: auf einer Silberschüssel den Kopf des Jochanaan. Anders als im biblischen Bericht handelt sie ausdrücklich nicht im Auftrag der Mutter: „Nein, ich höre nicht auf die Stimme meiner Mutter, zu meiner eigenen Lust will ich den Kopf des Jochanaan haben!“ Herodes versucht verzweifelt, sie umzustimmen, doch er hat geschworen. Er gibt den Befehl.
Salome lauscht an der Zisterne, bis die Silberschüssel mit dem Kopf des Propheten heraufgereicht wird, und küsst dessen Mund. Die Gesellschaft wendet sich ab, die Juden beginnen zu beten, Herodias fächelt sich Luft zu, Herodes kehrt sich ab. Bühne und Mond verdunkeln sich, bis nur noch ein Strahl auf Salome fällt. Herodes schreit: „Man töte dieses Weib!“ – und die Soldaten zermalmen die Prinzessin von Judäa unter ihren Schilden.
Stil↑
Salome ist ein klassischer Einakter ohne Szenenwechsel. Er wahrt die aristotelische Einheit von Zeit, Ort und Handlung streng. Die Handlung strebt geradlinig auf die Katastrophe zu. Nach dem klassischen Aufbau lassen sich folgende Teile unterscheiden: die Exposition (das Gespräch zwischen dem jungen Syrier und dem Pagen), das erregende Moment (Salomes Auftritt), Höhepunkt und Peripetie (die Begegnung mit Jochanaan), das retardierende Moment (Hofstaat und Schleiertanz) und schließlich die Katastrophe (Enthauptung und Tod Salomes).
Auffällig ist die musikalisch-beschwörende Sprache mit ihren kunstvollen Bildern, Wiederholungen und Litaneien. Wilde schrieb das Stück bewusst auf Französisch – nicht in seiner Arbeitssprache Englisch. Das prägt die ornamentale, halb biblische, halb symbolistische Tonlage. Vergleiche aus Naturwelt und Mineralreich, der allgegenwärtige Mond, das Spiel mit Farben (Weiß, Rot, Schwarz) und die eindringlich kreisenden Anreden machen den kurzen Text zu einem dichten lyrischen Gebilde. Dieses verleiht dem Drama seinen Rang innerhalb der Décadence.
Rezeption↑
Die Geschichte geht auf die biblischen Berichte bei Matthäus (14, 3–12) und ausführlicher bei Markus (6, 17–29) zurück. Dort bleibt die Tochter der Herodias namenlos und fordert auf Wunsch der Mutter den Kopf des Täufers. Wilde verschiebt diesen Antrieb entscheidend: Bei ihm verlangt Salome die Enthauptung aus eigener Begierde.
Das Stück sorgte besonders in England für einen Skandal. Es wurde zensiert und teils als Bearbeitung eines biblischen Stoffs verboten. Auch die Darstellung weiblicher sexueller Begierde galt als untragbar. Hedwig Lachmann übertrug den Text 1900 ins Deutsche. Auf der Grundlage ihrer Fassung schuf Richard Strauss 1905 seine berühmte Oper Salome. Fast gleichzeitig komponierte Antoine Mariotte eine eigene Oper auf eine gekürzte Fassung des französischen Originals. 1908 folgte eine Schauspielmusik von Alexander Konstantinowitsch Glasunow.
Auch die bildende Kunst hat sich des Stoffs angenommen. Die bekanntesten Illustrationen schuf Aubrey Beardsley 1893. Weitere stammen von Marcus Behmer (1903) und Manuel Orazi (Pariser Ausgabe der Société des amis du livre moderne, 1930). Verfilmt wurde der Stoff unter anderem als Stummfilm A Modern Salome (1920, Léonce Perret) und als Spielfilm Salome (1953, William Dieterle). Heute gehört das Drama zum etablierten Repertoire vor allem britischer Bühnen. Wegen seiner Kürze wird es allerdings selten gespielt. Die Oper von Strauss wirkt weltweit fort.
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