1671
Samson Agonistes
Überblick↑
Das Versdrama Samson Agonistes von John Milton erschien 1671, gedruckt zusammen mit Miltons Das wiedergewonnene Paradies. Es behandelt die biblische Geschichte Simsons aus dem Alten Testament. Milton nannte sein Werk auf dem Titelblatt ausdrücklich ein "dramatisches Gedicht" und nicht ein Theaterstück: Es war zum Lesen bestimmt, nicht für die Bühne. Der griechische Beiname Agonistes bedeutet "Kämpfer" oder "Wettstreiter" und rückt Simson als Krieger und Streiter Gottes in den Mittelpunkt. Wann genau Milton das Werk schrieb, ist nicht sicher; vermutlich entstand es in zeitlicher Nähe zum Das wiedergewonnene Paradies und wurde kurz vor dem Druck vollendet.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum steht Simson, der starke Held des Volkes Israel, am tiefsten Punkt seines Lebens. Die Handlung setzt mitten im Geschehen ein, als bereits alles verloren scheint. Die Philister haben Simson gefangen genommen. Sie haben ihm das Haar geschoren, in dem seine Kraft wohnte, und ihm die Augen ausgestochen. Blind, gefesselt und zur Zwangsarbeit verurteilt, sitzt er in Gefangenschaft und ringt mit seiner Verzweiflung.
Simson erkennt, dass er seine Kraft nicht sich selbst verdankte, sondern Gott, und dass er sie durch sein Begehren nach Dalila verriet. In seiner Not erhält er Besuch. Sein Vater Manoa kommt zu ihm, dann seine Frau Dalila, die ihn einst verraten hat, und schließlich der philistäische Riese Harapha aus Gat, der ihn verspottet. Jede dieser Begegnungen zwingt Simson, sich mit seiner Schuld, seinem Stolz und seinem Verhältnis zu Gott auseinanderzusetzen. Ein Chor von Männern aus seinem Stamm, den Danitern, begleitet sein Ringen mit Klagen und Betrachtungen.
Die Handlung im Detail↑
Das Werk folgt der Simson-Geschichte aus dem Buch der Richter, Kapitel 13 bis 16, und setzt die Handlung bei Richter 16,23 ein. Simson ist von den Philistern gefangen, geblendet und seiner Kraft beraubt. Schon zu Beginn beugt er sich vor Gott und gesteht, dass seine Stärke nie ihm gehörte, sondern ein Geschenk war, das Gott bewusst an etwas so Geringes wie sein Haar geknüpft hatte, um zu zeigen, wie wenig dem Menschen zusteht.
Der Chor der Daniter erinnert an Simsons Herkunft und seine früheren Kriegstaten: Wie er gegen ganze in Eisen gerüstete Heere anrannte und ihre Waffen lächerlich machte, und wie er mit dem Kinnbacken eines toten Esels als Waffe Tausende Feinde erschlug. Doch nun, so der Chor, sei der Held durch seine Blindheit selbst zum Gefangenen geworden – eingekerkert im Dunkel seines eigenen Körpers, abgeschnitten vom äußeren Licht.
Simson schildert, wie er durch sein Begehren nach Dalila seine Kraft verlor und damit Gott verriet. Er habe nachgegeben und ihr sein ganzes Herz geöffnet; die Schwäche habe ihn zu ihrem Sklaven gemacht – eine Schande für Ehre und Glauben. Sein Leiden steht dabei für mehr als sein eigenes Schicksal: Es wird zum Bild für das Leiden des erwählten Volkes Gottes, das ungerechten Gerichten und dem Undank der Menge ausgeliefert ist.
Dann erscheint sein Vater Manoa, der über das Unglück seines Sohnes klagt und sucht, ihn freizukaufen. Es folgt Dalila, Simsons Frau, die ihn verraten hat. Sie sucht nun seine Nähe und bittet ihn schließlich: "Lass mich wenigstens näher treten und deine Hand berühren." Simson weist sie scharf zurück und warnt, der aufflammende Zorn könnte ihn überwältigen; sie solle aus der Ferne gehen, dann verzeihe er ihr. Kaum ist sie fort, klagt der Chor über die Natur der Frauen und ihre Falschheit, die selbst kluge und weise Männer betöre und ins Verderben ziehe.
Danach tritt der Riese Harapha von Gat auf. Er verhöhnt Simson: Dieser sei kein würdiger Gegner mehr, den man mit dem Schwert eines edlen Kriegers bekämpfe, sondern einer, den schon das Schermesser eines Barbiers besiegt habe. Zugleich gibt Harapha zu, dass Simson einst berühmt war für seine Wundertaten mit dem Eselskinnbacken. Der Chor betrachtet daraufhin, wie Gott einzelnen Menschen die Macht verleiht, sein Volk aus den Fesseln zu befreien – oft durch gewaltsame Mittel, mit himmlischer Kraft gewappnet und so schnell wie ein Blitz.
Ein öffentlicher Beamter fordert Simson auf, bei einem Fest zu Ehren des philistäischen Gottes Dagon vor der versammelten Menge aufzutreten. Simson willigt schließlich ein und wird zum Tempel geführt. Was dort geschieht, wird nicht auf der Bühne gezeigt, sondern von anderen berichtet. Manoa und der Chor hören einen furchtbaren Lärm. Sie deuten ihn als allgemeines Sterben, als wäre die ganze Volksmenge umgekommen: Blut, Tod und Untergang liegen in diesem Geräusch. Manoa fürchtet zunächst, sein Sohn sei getötet worden, doch der Chor erkennt: Simson selbst hat getötet, denn ein solcher Schrei könne nicht vom Tod eines einzigen Feindes herrühren.
Ein Bote berichtet die ganze Wahrheit: Simson erhielt noch einmal die Kraft, die tragenden Säulen des Tempels einzureißen. Er begrub das Bauwerk und alle versammelten Philister unter sich – und kam dabei selbst ums Leben. Manoa nennt das Geschehen traurig, doch nicht das Traurigste für die Israeliten, sondern die Verwüstung einer feindlichen Stadt. Die Schlussverse beschreiben eine eintretende Beruhigung: Gott habe seine Diener mit wahrer Erfahrung dieses großen Ereignisses entlassen, mit ruhigem Gemüt und gestillter Leidenschaft.
Stil↑
Bemerkenswert ist die Verbindung zweier Traditionen: Das Werk verschmilzt die antike griechische Tragödie mit den heiligen Schriften der Hebräer und verändert dabei beide Formen. Milton war überzeugt, dass die Bibel in ihren Grundformen den Dichtungen der Griechen und Römer überlegen sei. In einer Vorrede setzt er sich mit der Tragödien-Lehre des Aristoteles auseinander. Er beschreibt die Tragödie als die ernsteste und sittlich nützlichste aller Dichtungen, weil sie – wie Aristoteles sagte – Mitleid und Furcht erwecke, um das Gemüt von diesen und ähnlichen Leidenschaften zu reinigen. Diesen Vorgang vergleicht Milton mit der Heilkunst, in der man Gleiches mit Gleichem behandelt. Als Vorbilder nennt er die drei griechischen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides.
Die Form des Lesedramas erlaubte es Milton, schwierige theologische Fragen durch Chor und Boten zu behandeln, statt sie unmittelbar auf der Bühne darzustellen. Die entscheidende Gewalttat – die Zerstörung des Tempels – geschieht deshalb nicht vor den Augen des Lesers, sondern wird nur erzählt. Auffällig ist, dass Milton den Reaktionen des Chors am Schluss fast doppelt so viele Verse widmet wie der eigentlichen Schilderung der Katastrophe durch den Boten. So tritt das äußere Schauspiel zurück, und das innere Drama sowie die eigene Deutung des Lesers rücken in den Vordergrund.
Ein Teil der Chorpartien ist gereimt, was an eine "Reimkette" denken lässt und damit Simsons Gefangenschaft widerspiegelt. Das Thema der Blindheit durchzieht das ganze Werk; es verweist auch auf Miltons eigene Erblindung am Ende seines Lebens. Die Formel "blind in Gaza" gehört zu den meistzitierten Wendungen des Werks – der Schriftsteller Aldous Huxley wählte sie 1936 als Titel seines Romans Geblendet in Gaza.
Rezeption↑
Über die Deutung des Werks wird bis heute gestritten, vor allem über die Gewalt in seinem Kern. Mehrere Forscher haben betont, wie zentral die Themen Rache und Vernichtung der Feinde Gottes sind. Michael Lieb nannte das Werk eine Dichtung der Gewalt, die die Gewalt geradezu verherrliche. John Coffey beschrieb die Handlung schlichter als einen Akt heiliger Gewalt und Rache, David Löwenstein sprach von einem überwältigenden religiösen Schrecken. Vor dem Hintergrund des modernen Selbstmordattentats hat Arata Takeda auf die ethischen Fragen hingewiesen, die das Massaker an einer feiernden Menschenmenge und seine dichterische Verklärung aufwerfen.
Diskutiert wird auch das Frauenbild des Werks. Die Gestalt der Dalila zeichnet ein negatives Bild der Liebe; das männliche Begehren nach der Frau wird mit der Abkehr von Gott verbunden. Wie John Guillory anmerkt, setzt das Werk die Unterordnung der Frau voraus, der Milton ausdrücklich zustimmt. Solche Haltungen finden sich auch in Miltons Schriften über die Ehescheidung. Das Thema der Blindheit verbindet das Werk eng mit Miltons übrigem Schaffen, etwa mit Das verlorene Paradies, und gab Aldous Huxley den Titel für seinen Roman Geblendet in Gaza.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →