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Werkseintrag · Sansibar oder der letzte Grund
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Cover Sansibar oder der letzte Grund
Sansibar oder der letzte Grund
1957
– Werkseintrag –

Sansibar oder der letzte Grund

1957 · Roman

Fünf Menschen nehmen sich 1937 in einer kleinen Ostsee-Hafenstadt gemeinsam einer bedrohten Holzfigur und einer verfolgten jungen Frau an – über allem liegt der Tagtraum eines Jungen von Sansibar, eher das Bild einer besseren Zukunft als ein wirkliches Ziel.

Überblick↑

Der Roman Sansibar oder der letzte Grund von Alfred Andersch erschien im Jahr 1957. Er erzählt von fünf Menschen, die sich im Herbst 1937 in einer kleinen Ostsee-Hafenstadt begegnen und sich gemeinsam einer bedrohten hölzernen Skulptur und einer verfolgten jungen Frau annehmen. Das Buch gilt wegen seiner Einfachheit und seiner versöhnlichen Grundhaltung als besonders geeignete Lektüre für jugendliche Leser. Der Titel, der zum geflügelten Wort wurde, hat maßgeblich zum Erfolg des Werks beigetragen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Herbst 1937 laufen in der kleinen Ostsee-Hafenstadt Rerik mehrere Schicksale zusammen. Gregor, ein junger kommunistischer Funktionär, ist mit einem Auftrag zu illegaler politischer Arbeit unterwegs. Judith, eine junge Jüdin, ist wegen der Nürnberger Rassengesetze auf der Flucht. Ihre Wege kreuzen sich mit denen des Fischers Knudsen und seines Schiffsjungen sowie mit dem des Pfarrers Helander.

Der Geistliche sorgt sich um eine hölzerne Figur, den „Lesenden Klosterschüler“, die von den Machthabern als sogenannte „entartete Kunst“ bedroht ist. Sie soll außer Landes nach Schweden gebracht werden, und Knudsen wäre mit seinem Boot der Einzige, der das leisten könnte. Doch der Fischer zögert, denn er müsste seine kranke Frau Bertha zurücklassen.

Die Bedrohung durch das Regime bleibt im ganzen Buch namenlos und allgegenwärtig. Von Nationalsozialisten ist nie die Rede, immer nur von „den Anderen“. Über allem liegt der Tagtraum des Jungen von Sansibar – weniger ein wirkliches Ziel als das Bild einer besseren, freieren Zukunft.

Die Handlung im Detail↑

Der Roman spielt im Herbst 1937 in der Ostsee-Hafenstadt Rerik, die Züge der Städte Rerik und Wismar trägt. Fünf Menschen und eine Skulptur bilden das Personal. In der Stadt treffen der kommunistische Funktionär Gregor, der einen Auftrag zu illegaler Arbeit hat, und die auf der Flucht befindliche Jüdin Judith Levin aufeinander. Ihre Schicksale verbinden sich mit denen des Fischers Heinrich Knudsen, dessen Schiffsjungen und des Pfarrers Helander.

Helander will die von den Machthabern bedrohte Holzskulptur „Lesender Klosterschüler“ retten, die einem Werk Ernst Barlachs nachgebildet ist. Knudsen soll die Figur mit seinem Boot nach Schweden bringen. Der Fischer hat große Zweifel, vor allem weil er seine geistig behinderte Frau Bertha zurücklassen müsste, die unter den neuen Machthabern in Lebensgefahr schwebt. Gregor gibt seinen eigentlichen Auftrag, in Rerik den Widerstand der Partei neu zu ordnen, zugunsten der selbstgestellten Aufgabe auf, Judith und die Plastik in Sicherheit zu bringen.

Gemeinsam gelingt Gregor, Knudsen und dem Jungen die Rettung: Judith und die Holzskulptur werden nach Schweden gebracht. Die drei Männer nutzen die sich bietende Gelegenheit zur eigenen Flucht jedoch nicht. Sie kehren nach Deutschland zurück, einem ungewissen Schicksal entgegen. Auch der Junge lässt die Möglichkeit vorübergehen, mit nach Schweden zu fahren – ein Zeichen für den Reifungsprozess, den er im Lauf der Handlung durchläuft, vom verträumten Jugendlichen zum jungen Erwachsenen, der Verantwortung übernimmt.

Der todkranke Pfarrer Helander widersetzt sich der Verhaftung durch die Gestapo und führt so seine eigene Erschießung willentlich herbei. Die erzählte Zeit des ganzen Geschehens umfasst 27 Stunden.

Stil↑

Aufgebaut ist der Roman aus 37 Kapiteln. Über jedem Kapitel steht als Überschrift der Name einer oder mehrerer der fünf menschlichen Hauptfiguren, womit die wechselnde Perspektive angekündigt wird. Die Abfolge folgt durchgängig dem Schema: der Junge, dann eine andere Person, wieder der Junge, wieder eine andere Person. Dieser Aufbau ähnelt der Folge von Auftritten in einem Theaterstück.

Andersch schildert die Ereignisse jeweils aus der Sicht der Beteiligten und in deren charakteristischer Sprache, nicht in der Ich-Form, sondern in der personalen Erzählweise. Die Sprache ist den Figuren angepasst: Judith spricht ein gehobenes Deutsch, Knudsen eher Umgangssprache. Beim Jungen fällt auf, dass seine Gedanken als Bewusstseinsstrom erzählt werden, in dem sich ein Gedanke durch Assoziationen an den nächsten reiht.

Der Terror wird nur andeutungsweise fassbar, in Spitzeln und Beamten. Er bleibt allgegenwärtig und namenlos, weshalb nie von Nationalsozialisten die Rede ist, sondern stets nur von „den Anderen“. Aus der Sicht der Figuren gewinnt Andersch eine einfache, eindrucksvolle Symbolik: das Tagtraum-Sansibar des Jungen, die „Schrift an der Wand“ des Pastors Helander, Gregors „goldenen Schild von Tarasovka“, die „bedrohlichen Türme“, die die Flüchtlinge zu beobachten scheinen, und die „offene See“, die für alle die Freiheit bedeuten kann.

Rezeption↑

Anders als Anderschs erstes, sehr umstrittenes Buch Die Kirschen der Freiheit wurde Sansibar oder der letzte Grund weitgehend positiv aufgenommen. Eine gründliche Beschreibung und Analyse des Nationalsozialismus strebte das Buch bewusst nicht an. Wegen seiner versöhnlichen Tendenz, seiner Einfachheit und der Identifikationsfigur des Jungen galt und gilt es als besonders geeignete Lektüre für jugendliche Leser.

Hendrik Werner nannte den Roman in der Berliner Morgenpost Anderschs „wohl radikalste belletristische Stellungnahme“. Der mit viel Emphase und Empathie geschriebene Text komme trotz seines Lehrstück-Charakters längst nicht so schablonenhaft daher wie politische Parabeln von Bertolt Brecht, Max Frisch und Peter Weiss. Der poetisch formulierte Ausweg, eine Bündelung aller demokratischen und kunstsinnigen Kräfte, sei von Teilen der Kritik als holzschnittartig und verkürzt getadelt worden. Ebenso lasse sich die Erzählung aber als Vorschein einer Gesellschaft lesen, „die sich nicht mehr vorm braunen Mann fürchten muss“.

Der Stoff fand mehrfach Bearbeitungen. 1958 entstand das Hörspiel Aktion ohne Fahnen nach einem Drehbuch von Andersch. Es folgten Verfilmungen in den Jahren 1961 und 1987, die letztere unter der Regie von Bernhard Wicki. 1994 wurde bei den Schwetzinger Festspielen die Oper Sansibar mit der Musik von Eckehard Mayer uraufgeführt.

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