1914 – 1980
Alfred Andersch
Kurzbiografie↑
Als zeitkritischer Erzähler und Wortführer der westdeutschen Nachkriegsliteratur zählte Alfred Andersch zu den einflussreichsten Gestalten des jungen bundesrepublikanischen Literaturbetriebs. Geboren 1914 in München, war er Gründungsmitglied der Gruppe 47, Herausgeber literarischer Zeitschriften und ein prägender Rundfunkredakteur, der als Pionier des Hörspiels galt. Sein Werk kreist immer wieder um die Willensfreiheit des Einzelnen und um die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Bekannt wurde er vor allem mit dem Roman Sansibar oder der letzte Grund und dem autobiografischen Bericht Die Kirschen der Freiheit. 1958 zog er sich in das Tessiner Dorf Berzona zurück, wo er 1980 starb.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Alfred Hellmuth Andersch in bürgerlich-konservativen, bildungsbürgerlichen Verhältnissen in München. Er wurde am 4. Februar 1914 als mittlerer von drei Söhnen geboren. Sein Vater Alfred Andersch (1875–1929) war Tierarzt, später Buchhändler, Immobilienkaufmann und Versicherungsagent; er war 1920 in die NSDAP eingetreten und starb 1929 an den Spätfolgen einer Kriegsverwundung. Die Mutter hieß Hedwig, geborene Watzek (1884–1976). Der jüngere Bruder Martin Andersch (1921–1992) wurde Maler und Grafiker.
Das Wittelsbacher-Gymnasium in München verließ Andersch wegen schlechter Noten ohne Abschluss. Direktor dieser Schule war Joseph Gebhard Himmler gewesen, dessen Erinnerung Andersch später in seiner letzten Erzählung Der Vater eines Mörders verarbeitete. Nach einer Buchhändlerlehre wurde er arbeitslos. 1930 trat er der KPD bei und wurde 1932 Organisationsleiter des Kommunistischen Jugendverbandes in Südbayern. Nach eigenen Angaben wurde er 1933 verhaftet und verbrachte drei Monate im KZ Dachau. In der Forschung ist dieser Aufenthalt umstritten: Recherchen des Hörfunk-Autors Bernhard Setzwein fanden in den Dachauer Archiven keine Anhaltspunkte dafür. Im September 1933 wurde Andersch bei der Aushebung einer kommunistischen Druckerei erneut verhaftet und verhört, entging einer zweiten Internierung aber durch ein Alibi.
Um weiterer Verfolgung zu entgehen, gab er die politische Arbeit auf. Laut der Deutschen Biographie fand er noch 1933 eine Anstellung im NSDAP-nahen J. F. Lehmanns Verlag. 1934 reiste er erstmals nach Italien, im Mai 1935 heiratete er Angelika Albert. 1937 holte ihn sein Schwager als Werbeleiter an die Fotopapierfabrik Leonar in Hamburg. Dort erwarb er umfangreiche fotografische Kenntnisse, aus denen ein eigenständiges Werk hervorging, das erst 2014 einer größeren Öffentlichkeit gezeigt wurde. Im selben Jahr begann er ernsthaft, Erzählungen zu schreiben.
Der Zweite Weltkrieg unterbrach dieses Schreiben. 1940 wurde Andersch zur Wehrmacht eingezogen und am Frankreichfeldzug beteiligt. Im Herbst lernte er die Malerin Gisela Groneuer kennen, seine spätere zweite Frau. 1941 wurde er wegen seiner Ehe mit einer nach den Nürnberger Gesetzen als „Halbjüdin“ geltenden Frau vorläufig entlassen. 1942 trennte er sich von Angelika, die Ehe wurde 1943 geschieden. Die Scheidung war die Voraussetzung für seine Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer. 1943 wurde er erneut zum Kriegsdienst eingezogen. Am 7. Juni 1944 desertierte er in Italien und lief zur US-Armee über. Kurz zuvor hatte er seine erste Erzählung veröffentlicht. Von 1944 bis 1945 war er Kriegsgefangener in den USA und arbeitete an der Lagerzeitung Der Ruf mit; in Schulungslagern wie Fort Kearney und Fort Getty wurde er auf den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands vorbereitet.
1945 kehrte Andersch nach Europa zurück. Von 1946 bis 1947 arbeitete er als Redaktionsassistent Erich Kästners bei der Neuen Zeitung in München. Unzufrieden mit der amerikanischen Besatzungspolitik, gab er zusammen mit Hans Werner Richter die Monatsschrift Der Ruf heraus. Weil beide sich im Kalten Krieg nicht eindeutig pro-amerikanisch positionierten, wurde ihnen die Herausgeberschaft entzogen. 1947 organisierten sie ein Treffen von Schriftstellern und Kritikern, das als erste Zusammenkunft der Gruppe 47 gilt. 1948 machte sich Andersch mit der Programmschrift Deutsche Literatur in der Entscheidung einen Namen.
Von 1948 bis 1958 wirkte Andersch als Rundfunkredakteur, zunächst beim Abendstudio des Hessischen Rundfunks, dann beim Süddeutschen Rundfunk. Als Herausgeber der Buchreihe studio frankfurt und der Zeitschrift Texte und Zeichen sowie als Gründer der Redaktion Radio-Essay förderte er neue Literatur, etwa die von Ingeborg Bachmann und Arno Schmidt. 1950 heiratete er Gisela Groneuer, die vier Kinder mit in die Ehe brachte; 1950 kam die gemeinsame Tochter Annette zur Welt. Das Paar lebte auf der Burg Kerpen in der Eifel, ab 1952 in Hamburg.
Ab 1958 wohnte Andersch in Berzona im Tessin, wo Max Frisch und Golo Mann zu seinen Nachbarn zählten. Der Umzug war auch ein Protest gegen die Entwicklung der Bundesrepublik. 1972 erhielt er das Schweizer Bürgerrecht. Er lebte als erfolgreicher freier Schriftsteller und unternahm ausgedehnte Reisen. 1976 veröffentlichte er das Gedicht Artikel 3 (3), in dem er den Radikalenerlass kritisierte; die Formulierung „das neue kz ist schon errichtet“ löste eine heftige Kontroverse aus. Ab 1970 war er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. In seinen letzten drei Lebensjahren war Andersch auf Dialyse angewiesen. Er starb am 21. Februar 1980 in Berzona an Nierenversagen und wurde dort auf dem Friedhof begraben.
Literarische Merkmale↑
Zu den zeitkritischen Autoren der Nachkriegsliteratur gehört Andersch mit einem Werk, das Romane, Erzählungen, Hörspiele und wenige Gedichte umfasst. Sein zentrales Thema ist die Willensfreiheit des Einzelnen. 1952 legte er dazu den autobiografischen Bericht Die Kirschen der Freiheit vor, in dem er die eigene Fahnenflucht als Entscheidung zur Freiheit im Sinne des Existentialismus deutete. Der Roman Sansibar oder der letzte Grund nimmt dieses Thema wieder auf, ebenso die Folgewerke Die Rote und Efraim, die es unter den Bedingungen der zeitgenössischen Gesellschaft durchspielen. In Efraim ist der Protagonist ein emigrierter jüdischer Journalist, der vergeblich versucht, aus seiner Realität auszubrechen, indem er sich selbst als literarische Kunstfigur einführt.
Andersch verließ oft die Pfade einer traditionellen Erzählweise und arbeitete mit der Montage von dokumentarischem Material, Zitaten und erzählerischen Versatzstücken. Ein Beispiel ist der Roman Winterspelt, in dem er mit einer an James Joyce erinnernden Montagetechnik aus Kommentaren, inneren Monologen und chronistischen Einlassungen eine Kriegssituation konstruiert. Sein Hörspiel Der Tod des James Dean, in dem er Texte von John Dos Passos verwendete, nannte er selbst eine Funkmontage.
Neben der Prosa war das Radio ein eigenes Feld seiner künstlerischen Arbeit. Andersch beschäftigte sich intensiv mit dem Feature, das er als aufklärerisch ausgerichtete, genuin radiophone Kunstform verstand. Mit künstlerisch wie politisch ambitionierten Features und Hörspielen zählt er zu den Pionieren dieser Formate. Formal ist sein Werk von vielen intermedialen Bezügen geprägt, thematisch von der anhaltenden Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Nachkriegsgesellschaft.
Rezeption↑
Zu den einflussreichsten Persönlichkeiten im Literaturbetrieb der frühen Bundesrepublik gehörte Alfred Andersch, wie die Deutsche Biographie festhält. Spätestens mit dem existentialistisch grundierten Text Die Kirschen der Freiheit von 1952 zählte er zu den bekanntesten kritischen Intellektuellen seiner Generation. Nach dem internationalen Erfolg des Romans Sansibar oder der letzte Grund zog er sich als freier Schriftsteller nach Berzona zurück.
Seine folgenden Romane blieben seinem Lebensthema, der Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich, verbunden. Der international erfolgreiche Venedig-Roman Die Rote befasst sich neben der Emanzipationsgeschichte seiner Protagonistin mit den weltweiten Netzwerken untergetauchter NS-Täter. Der stark metapoetisch angelegte Roman Efraim ist eine vielschichtige Reflexion über den Holocaust vor dem Hintergrund der Auschwitz-Prozesse. Das für Anderschs Werk typische selbstreferentielle Schreiben kennzeichnet auch seine Texte der 1970er Jahre, etwa die Erzählungen aus Mein Verschwinden in Providence und den Roman Winterspelt.
Anderschs forminnovative Werke erwiesen sich laut der Deutschen Biographie als enorm inspirierend für die nachfolgenden Schriftstellergenerationen. Zugleich hebt ihn die Literaturgeschichtsschreibung, wie die meisten Autoren der Gruppe 47, als Vertreter einer realistischen, engagierten Literatur hervor. Vor diesem Hintergrund veröffentlichte W. G. Sebald 1999 eine scharfe Polemik gegen Andersch, die ihm stellvertretend für seine Generation wegen der ambivalenten Biografie aus der NS-Zeit eine moralische Legitimation seiner Werke absprach. Ungeachtet dieser Kritik gehören Sansibar oder der letzte Grund und Der Vater eines Mörders bis in die Gegenwart zum schulischen Kernkanon.
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