Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Mulk Raj Anand
Eingang · Autoren · Mulk Raj Anand
Porträt Mulk Raj Anand
Mulk Raj Anand
1905 – 2004
– Autorenporträt –

Mulk Raj Anand

1905 – 2004 · 98 Jahre

Indischer Erzähler, der 1935 mit „Untouchable“ einen einzigen Tag im Leben eines Toilettenreinigers schilderte und der englischsprachigen Literatur Indiens damit seine erste große Stimme gab.

Kurzbiografie↑

Mulk Raj Anand gehört zu den Schriftstellern, die dem indischen Roman in englischer Sprache seine erste große Stimme gaben. Er wurde 1905 geboren und starb 2004 in Pune. Sein Roman Untouchable von 1935 erzählt einen einzigen Tag im Leben eines Toilettenreinigers und rückte damit die Lage der sogenannten Unberührbaren ins Licht der Weltöffentlichkeit. Anand schrieb auf Englisch, brachte darin aber den Klang und die Redeweise des Panjabi und des Hindustani zum Vorschein. Zusammen mit Raja Rao und R. K. Narayan wird er mitunter als einer der „Gründungsväter des indischen Romans“ bezeichnet.


Biografie↑

Geboren wurde Anand am 12. Dezember 1905 als Sohn eines Kupferschmieds. Sein Geburtsort liegt im damaligen Britisch-Indien, in der North West Frontier Province, heute gehört er zu Pakistan. Die Schreibweise des Ortsnamens wird unterschiedlich angegeben: Wikidata führt ihn als Peschawar, die Deutsche Nationalbibliothek als Peshawar.

Anand studierte am Khalsa College in Amritsar und schloss 1924 mit Auszeichnung ab. Danach ging er nach England. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zunächst in einem Londoner Restaurant. Er schrieb sich am University College London ein und wechselte später nach Cambridge. Dort wurde er 1929 in Philosophie promoviert; seine Doktorarbeit behandelte Bertrand Russell und den britischen Empirismus. In diesen Jahren freundete er sich mit Mitgliedern der Bloomsbury Group an. Er reiste auch nach Genf, wo er vor dem International Committee on Intellectual Cooperation des Völkerbundes sprach. Zwischen 1932 und 1945 hielt er gelegentlich Vorträge bei der Workers' Educational Association in London.

Seine erste Erzählung ging auf ein Familienereignis zurück. Sie schilderte das Schicksal einer Tante, die sich das Leben nahm, weil ihre Familie sie ausgestoßen hatte. Der Anlass: Sie hatte mit einer muslimischen Frau gegessen.

1935 erschien sein erster Roman, Untouchable. Er erzählt einen Tag im Leben des Toilettenreinigers Bakha. Weil dieser versehentlich ein Mitglied einer höheren Kaste anrempelt, folgt eine Kette von Demütigungen. Bakha sucht nach einem Ausweg aus dem Schicksal, in das er hineingeboren wurde. Er spricht mit einem christlichen Missionar, hört eine Rede Mahatma Gandhis über die Unberührbarkeit und ein anschließendes Gespräch zweier gebildeter Inder mit an. Am Ende deutet Anand an, dass ausgerechnet die Technik die Rettung bringen könnte: Die neu eingeführte Spültoilette macht eine eigene Kaste von Toilettenreinigern überflüssig. Die Einleitung des Buches schrieb sein Freund E. M. Forster, den Anand während seiner Arbeit bei T. S. Eliots Zeitschrift The Criterion kennengelernt hatte.

In den 1930er und 1940er Jahren lebte Anand abwechselnd in London und in Indien. Er beteiligte sich an der indischen Unabhängigkeitsbewegung. In London verfasste er gemeinsam mit V. K. Krishna Menon, dem späteren indischen Verteidigungsminister, Propagandatexte für die indische Sache. Zugleich versuchte er, als Romanautor und Journalist seinen Unterhalt zu verdienen. Er unterstützte linke Anliegen auch außerhalb Indiens und reiste als Journalist nach Spanien, um über den Spanischen Bürgerkrieg zu berichten. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte er als Drehbuchautor der BBC in London, wo er sich mit George Orwell anfreundete. Mit Picasso war er ebenfalls befreundet; in seiner Kunstsammlung besaß er Gemälde des Malers.

1938 heiratete Anand die Schauspielerin und Kommunistin Kathleen van Gelder. Das Paar bekam eine Tochter, Susheilda, und ließ sich 1948 wieder scheiden.

1945 kehrte Anand nach Bombay, dem heutigen Mumbai, zurück und engagierte sich dort für nationale Reformen. 1946 gründete er die vierteljährlich erscheinende Kunstzeitschrift Marg. 1947 ging er endgültig nach Indien zurück und setzte sein umfangreiches Werk fort. Es umfasst Romane und Kurzgeschichten, dazu Gedichte, Essays über sehr verschiedene Themen und autobiografische Bücher. Zu seinen bekannteren Romanen zählen The Village und Across the Black Waters, beide 1939, sowie The Sword and the Sickle von 1942 – diese drei entstanden in England. Coolie von 1936 und The Private Life of an Indian Prince von 1953 zählen zu den wichtigsten seiner in Indien geschriebenen Bücher.

1950 nahm er ein groß angelegtes Vorhaben in Angriff: eine siebenteilige Autobiografie unter dem Titel Seven Ages of Man. Vier Teile wurden fertig. Den Anfang machte 1951 Seven Summers, es folgten Morning Face, Confession of a Lover und The Bubble.

In den 1970er Jahren arbeitete Anand mit der International Progress Organization zusammen. Es ging um das kulturelle Selbstbewusstsein der Nationen. Sein Beitrag zur Konferenz der Organisation 1974 in Innsbruck wirkte besonders stark auf jene Debatten ein, die später unter dem Namen „Dialog zwischen den Zivilisationen“ bekannt wurden. Er hielt außerdem eine Reihe von Vorträgen über bedeutende Inder, darunter Mahatma Gandhi, Jawaharlal Nehru und Rabindranath Tagore. Dabei würdigte er ihre Leistungen und achtete besonders auf die unterschiedlichen Formen ihres Humanismus.

Politisch blieb Anand sein Leben lang Sozialist. Er war Gründungsmitglied der Progressive Writers' Association und half mit, deren Manifest zu verfassen. Am 28. September 2004 starb er in Pune.


Literarische Merkmale↑

Englisch war Anands Schreibsprache, doch er ließ darin das Indische hörbar werden. Er zählt zu den ersten Autoren, die die Sprechweise des Panjabi und des Hindustani ins Englische übertrugen. In Untouchable fing er den volkstümlichen Erfindungsreichtum dieser Sprachen ein, und gerade dafür wurde das Buch gelobt.

Sein Blick auf die Armen Indiens war realistisch und zugleich von Anteilnahme getragen. Er zeigte Menschen am untersten Rand der Gesellschaft, ohne sie zu beschönigen und ohne sie kalt zu betrachten. Seine Romane greifen verschiedene Seiten der indischen Sozialordnung an und ebenso das Erbe der britischen Herrschaft. Sie gelten deshalb gleichzeitig als literarische Werke und als bedeutende gesellschaftliche Stellungnahmen. Anand selbst war überzeugt, dass Politik und Literatur nicht voneinander zu trennen sind.

Sein späteres Werk wandte sich stärker der eigenen Person zu. The Private Life of an Indian Prince von 1953 trägt autobiografische Züge, und das gilt auch für vieles, was danach entstand. In diesen Büchern findet sich zudem der Widerhall einer geistigen Suche: Anand rang darin um ein tieferes Verständnis seiner selbst.


Rezeption↑

Viel Lob erhielt Anand schon für seinen ersten Roman Untouchable. Das Buch brachte ihm den Ruf ein, Indiens Charles Dickens zu sein. E. M. Forster steuerte die Einleitung bei.

George Orwell besprach 1942 den Roman The Sword and the Sickle und wies auf dessen weiterreichende Bedeutung hin. Er schrieb: „Obwohl Mr. Anands Roman auch dann interessant wäre, wenn er von einem Engländer geschrieben worden wäre, ist es unmöglich, ihn zu lesen, ohne sich alle paar Seiten daran zu erinnern, dass er auch eine kulturelle Kuriosität ist. Das Aufkommen einer englischsprachigen indischen Literatur ist ein seltsames Phänomen, das sich auf die Nachkriegswelt auswirken wird."

Gemeinsam mit Raja Rao und R. K. Narayan wird Anand mitunter zu den „Gründungsvätern des indischen Romans“ gezählt. Über die Literatur hinaus gründete er die Kunstzeitschrift Marg und wirkte als Kunstkritiker. Sein Auftritt bei der Innsbrucker Konferenz von 1974 beeinflusste die spätere Diskussion über den „Dialog zwischen den Zivilisationen“.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (20 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten