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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Jean Améry
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Porträt Jean Améry
Jean Améry
1912 – 1978
– Autorenporträt –

Jean Améry

1912 – 1978 · 65 Jahre

Unter dem Namen Jean Améry verarbeitete der aus Wien stammende Hans Mayer seine Erfahrungen mit Folter und dem Konzentrationslager Auschwitz in Essays, die zu den zentralen Texten der deutschsprachigen Holocaustliteratur zählen.

Kurzbiografie↑

Unter dem Namen Jean Améry wurde der 1912 in Wien geborene Hans Mayer zu einer der wichtigen Stimmen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Als Sohn jüdischer Eltern floh er 1938 vor den Nationalsozialisten nach Belgien, schloss sich dem Widerstand an, wurde gefoltert und überlebte das Konzentrationslager Auschwitz. Seine Erfahrungen verarbeitete er in der Essaysammlung Jenseits von Schuld und Sühne, die ihn 1966 bekannt machte und zu den zentralen Texten der deutschsprachigen Holocaustliteratur zählt. Das Pseudonym Jean Améry – Améry als Anagramm von Mayer, Jean als französische Form von Hans – führte er seit 1955; 1966 wurde es notariell beglaubigt. 1978 nahm er sich in Salzburg das Leben.


Biografie↑

Geboren wurde Jean Améry am 31. Oktober 1912 als Ha(n)ns Mayer in Wien, damals Österreich-Ungarn. Seine Eltern waren jüdisch, die Familie stammte aus Hohenems in Vorarlberg. Der Vater Paul Mayer starb 1917 im Ersten Weltkrieg, sodass die Mutter Valerie zur wesentlichen Bezugsperson des Sohnes wurde. Nachdem sie in Bad Ischl ein Gasthaus gepachtet hatte, wuchs Améry im Salzkammergut in katholischem Milieu auf. Im Januar 1925 verließ er als Zwölfjähriger ohne Noten die Schule.

Nach der Rückkehr nach Wien und einer Zwischenstation in Berlin machte er eine Buchhändlerlehre und arbeitete von 1930 bis 1938 als Buchhandlungsgehilfe in der Buchhandlung der Volkshochschule Leopoldstadt. Améry gilt als Autodidakt, der sich als freier Hörer an der Universität Wien durch literarische und philosophische Vorlesungen bildete. Er begegnete Hermann Broch, Robert Musil und Elias Canetti; prägend war für ihn auch der Wiener Kreis um Moritz Schlick, Ludwig Wittgenstein und Rudolf Carnap. In dieser Zeit gab er zusammen mit seinem Jugendfreund Ernst Theodor Mayer die literarische Zeitschrift Die Brücke heraus, deren erste Ausgabe am 12. Februar 1934 erschien.

Sein Verhältnis zum Judentum blieb gespalten. Er trat 1933 aus der jüdischen Gemeinde aus und 1937 wieder ein. Dass ihm das Judesein unausweichlich zugeschrieben wurde, erkannte er spätestens 1935, als er in einer Zeitung die Nürnberger Rassengesetze las. Ende 1937 heiratete er in Wien die aus Graz stammende Regine Berger. Sie begleitete ihn im Jahr des „Anschlusses“ bei seiner Flucht: Am 31. Dezember 1938 verließen sie Wien und gelangten über Köln nach Belgien.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen wurde Améry im Mai 1940 als „feindlicher Ausländer“ festgenommen und im südfranzösischen Lager Gurs interniert. Seine Frau tauchte unter und starb an einem Herzfehler in ihrem Brüsseler Versteck. 1941 gelang Améry die Flucht; zurück in Belgien schloss er sich dem Widerstand an und beteiligte sich an der Österreichischen Freiheitsfront. Am 23. Juli 1943 wurde er beim Verteilen antinazistischer Flugblätter verhaftet und in das Fort Breendonk verbracht, wo ihn SS-Angehörige folterten. Beim sogenannten Pfahlhängen wurden ihm die Schultergelenke ausgerenkt. Im Januar 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert und im Buna-Werk als Schreiber eingesetzt; dort lernte er Primo Levi kennen, von dem ihn später grundlegende Differenzen in der Bewertung des SS-Systems trennten. Bei der Räumung des Lagers wurde er in die Konzentrationslager Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen verschleppt, wo ihn am 15. April 1945 britische Truppen befreiten.

Améry blieb nach 1945 in Brüssel und lehnte es ab, in Österreich wieder Wohnsitz zu nehmen; er kam nur zu jährlichen Besuchen. Er arbeitete als Kulturjournalist für deutschsprachige Zeitungen der Schweiz und konnte vom Schreiben zunächst nur schlecht leben. Erst die Vermittlung des Radio-Essayisten Helmut Heißenbüttel beim Süddeutschen Rundfunk verhalf ihm zu einem erträglichen Auskommen. 1955 heiratete er Maria Eschenauer-Leitner, die ihm während der Kriegszeit in Antwerpen nahegekommen war und die zur „grauen Eminenz“ seines Werkes wurde.

Am 20. Februar 1974 unternahm Améry in Brüssel einen ersten Suizidversuch, den er überlebte. 1978 nahm er sich im Salzburger Hotel „Österreichischer Hof“ mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Er starb am 17. Oktober 1978 und erhielt ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof.


Literarische Merkmale↑

Sein frühes literarisches Werk blieb weitgehend unveröffentlicht. Das Jugendwerk Die Schiffbrüchigen konnte Améry trotz freundlicher Worte von Thomas Mann und Robert Musil in keinem Verlag unterbringen; nur ein Kapitel wurde 1935 in einem Jahrbuch abgedruckt. Bekannt wurde er erst mit dem Essay, der seine eigentliche Form werden sollte.

In Jenseits von Schuld und Sühne verarbeitete er seine Erfahrungen in den nationalsozialistischen Lagern. Das Buch gehört zu den zentralen Texten der deutschsprachigen Holocaustliteratur. Améry scheute die Auseinandersetzung nicht: 1967 warf er Theodor W. Adorno vor, aus Auschwitz in einer bis zur „Selbstblendung“ entzückten Sprache philosophisch Kapital zu schlagen. 1969 veröffentlichte er in der Zeit den Essay Der ehrbare Antisemitismus, in dem er sich mit dem fortbestehenden Judenhass nach 1945 und mit einem auf Israel projizierten Antisemitismus in linksintellektuellen Kreisen auseinandersetzte. Er benannte damit als einer der Ersten antisemitische Tendenzen in der deutschen Linken, verstand sich zeitlebens aber selbst als Teil dieser Linken und versuchte, sie zu reformieren.

Auch im engeren Sinn literarische Formen erprobte er. Der 1974 erschienene „Roman-Essay“ Lefeu oder der Abbruch entwirft in der Titelfigur eine Ästhetik des Verfalls und des Neinsagens. In seinem letzten zu Lebzeiten erschienenen Buch Charles Bovary, Landarzt. Porträt eines einfachen Mannes nahm er sich Gustave Flaubert vor und klagte an, dieser habe die Figur des Charles Bovary in seinem Roman Madame Bovary vernachlässigt und verzeichnet. In Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod schließlich behandelte er den Suizid nicht als Krankheit, sondern schrieb: „Der Freitod ist ein Privileg des Humanen.“


Rezeption↑

Zu einem breiteren Publikum fand Améry 1966 mit Jenseits von Schuld und Sühne, mit dem er im deutschsprachigen Raum bekannt wurde. Das Werk zählt zu den zentralen Texten der deutschsprachigen Holocaustliteratur und sicherte ihm einen festen Platz in der Auseinandersetzung mit Folter, Verfolgung und dem Weiterleben nach Auschwitz. Nicht alle Zeitgenossen begegneten ihm freundlich: Der Herausgeber Hermann Hakel, der 1935 ein Kapitel seines Jugendwerks gedruckt hatte, erinnerte sich später abschätzig und sprach von einem „Hang zu doktrinären Behauptungen“.

Mit seinen Essays griff Améry immer wieder in öffentliche Debatten ein und stieß dabei auch auf Widerspruch, etwa mit seiner Kritik an Adorno und mit seinem frühen Hinweis auf antisemitische Tendenzen in der deutschen Linken. Sein Nachlass wird unter anderem im Deutschen Literaturarchiv Marbach verwahrt. Begraben ist er in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof.

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