1966
Jenseits von Schuld und Sühne
Überblick↑
Das Werk Jenseits von Schuld und Sühne versammelt autobiographische Essays des österreichischen Schriftstellers Jean Améry, der Auschwitz überlebte. Der vollständige Titel trägt den Zusatz „Bewältigungsversuche eines Überwältigten“. Améry befragt darin sich selbst mit äußerster Schonungslosigkeit und will beschreiben, was es heißt, ein Opfer zu sein. Zugleich hält er der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft ihre Neigung zum Verdrängen und Beschönigen vor. Seine Kernforderung lautet, dem jüdischen Verfolgten müsse ein gleichberechtigter Platz in der öffentlichen Auseinandersetzung über die nationalsozialistische Vergangenheit zustehen. Das Buch zählt zu den wichtigen Texten der deutschsprachigen Holocaustliteratur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Fünf Essays bilden diesen Band, und jeder nähert sich der Erfahrung von Verfolgung und Lager aus einem anderen Blickwinkel. Améry schreibt nicht als Historiker, sondern geht von seinem eigenen Erleben aus.
Im ersten Text fragt er, ob der gebildete, geistige Mensch im Konzentrationslager Auschwitz einen Vorteil hatte – ob ihm sein Denken half oder ihn im Stich ließ. Der zweite Essay handelt von seiner Verhaftung durch die Gestapo und der Folter, die er erlitt, und von der Frage, was Folter mit einem Menschen für immer anrichtet. Ein weiterer Essay stellt die Frage, wie viel Heimat ein Mensch braucht, und beschreibt, was der Verlust der Heimat für die aus dem nationalsozialistischen Deutschland vertriebenen Juden bedeutete.
Der vierte Text widmet sich dem Groll des Opfers gegenüber den Tätern und fragt, ob dieses andauernde Gefühl verwerflich ist oder einen tieferen Sinn trägt. Der letzte Essay kreist um Amérys widersprüchliches Verhältnis zum eigenen Judentum und um die Frage, wie ein entwürdigter Mensch seine Würde zurückgewinnen kann. Wer die Essays liest, folgt einem Denken, das keine bequeme Antwort zulässt.
Die Handlung im Detail↑
Der Essayband entfaltet seine Gedankengänge in fünf Schritten. Im ersten, „An den Grenzen des Geistes“, untersucht Améry, wie der Intellektuelle – ein Mensch, der in einer geistigen, humanistischen Welt lebt – in Auschwitz bestand. Seine Antwort ist bitter: Der Geist half nicht, er ließ den Intellektuellen allein und trieb ihn im äußersten Fall in die Selbstzerstörung. Getrennt von Gleichgesinnten verlor das Denken seine gesellschaftliche Funktion. Améry erinnert sich, wie ihm auf dem Rückweg von der Arbeit eine Strophe Hölderlins in den Sinn kam, die keinerlei Wirkung mehr in ihm auslöste. Der Geist verlor seine Fähigkeit, über die Wirklichkeit hinauszuweisen; ästhetische Vorstellungen ließen den Häftling gleichgültig. Schlimmer noch: Das kritische, analytische Denken führte in die Selbstzerstörung, weil der Intellektuelle die Vernichtungslogik der SS nicht begreifen konnte und schließlich sogar zweifelte, ob seine eigene Ermordung nicht das durchgesetzte Recht des Stärkeren sei. Am Ende fragt Améry, was der geistige Mensch gelernt habe. Weiser oder tiefer sei er nicht geworden, wohl aber skeptisch gegenüber allen metaphysischen Aussagen. Der Zurückgekehrte sei „entblößt, ausgeplündert, entleert, desorientiert“ und müsse die „Alltagssprache der Freiheit“ erst mühsam wieder erlernen.
Der zweite Essay, „Die Tortur“, schildert Amérys Verhaftung durch die Gestapo 1943 und die anschließende Folter im Lager Fort Breendonk. Zwei Thesen ziehen sich durch den Text: Die Folter sei „das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann“, und sie sei nicht bloß ein Merkmal des Dritten Reiches, sondern dessen Wesen. Den ersten Schlag beschreibt Améry als Verletzung des eigenen Ichs. Mit der Gewissheit, dass jede soziale Übereinkunft – etwa die Pflicht zu helfen – hier aufgehoben ist, geht der Verlust des Weltvertrauens einher. Die Schmerzen liegen jenseits dessen, was Sprache mitteilen kann; der Gefolterte erfährt seinen Körper wie nie zuvor, weshalb Améry die Folter eine vollständige „Verfleischlichung“ des Menschen nennt, die unauslöschlich bleibt. Seine Peiniger bezeichnet er als Sadisten, und Sadismus und Folter sieht er als die prägenden Elemente des Nationalsozialismus überhaupt.
Im dritten Text, „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“, sucht Améry eine Antwort auf die Titelfrage. Er hebt das Schicksal der geflohenen jüdischen Exilanten von dem anderer deutscher Emigranten ab: Die Juden verloren nicht nur Besitz, Arbeit und gewohnte Umgebung, sondern auch ihre Mitmenschen und die Sprache ihrer Heimat. Die eigenen Landsleute waren seit dem Anschluss Österreichs zu Feinden geworden, die Muttersprache selbst feindselig. Heimweh wird so zur Selbstentfremdung und, weil sich Heimweh und Heimathass zugleich regen, zu einem „unmöglichen, neurotischen Zustand“. Erst als Verjagter erkannte Améry, was Heimat bedeutet: vor allem Sicherheit. Da die frühesten Sinneseindrücke einen Menschen prägen, geben Muttersprache und heimatliche Umgebung ein Gefühl von Vertrautheit, das der Fremde nicht ersetzen kann. Für den Exilanten kann es deshalb keine neue Heimat geben – ein Problem, das im Alter wächst, weil der alternde Mensch immer stärker von der Erinnerung lebt, während der Vertriebene kein Anrecht mehr auf seine Vergangenheit hat.
Der vierte Essay, „Ressentiments“, nimmt eine radikale Analyse des Grolls vor, den das Opfer gegenüber den deutschen Tätern empfindet. Améry bekennt sich mit einer gewissen Ironie zu diesem Gefühl als einem sozialen Makel. Indem er den Begriff neu bestimmt und ihn sowohl von Nietzsche als auch von der Psychologie abgrenzt, deutet er das Ressentiment als „Emotionsquelle der Moral“. Es sei ein Aufbegehren gegen das bloße Verstreichen der Zeit und das Vergessen. Améry wendet sich gegen Vergeben und Vergessen von Seiten der Opfer und fordert stattdessen, den unausgetragenen Konflikt zwischen Überwältigern und Überwältigten wachzuhalten. Ihm gehe es nicht um Rache, sondern „um die Erlösung aus dem noch immer andauernden Verlassensein von damals“. Er spricht von einer Kollektivschuld der Deutschen, verstanden als Summe des individuellen Schuldverhaltens – schließlich waren unter den Tätern nicht nur SS-Männer, sondern auch „Arbeiter, Kartothekenführer, Techniker, Tippfräuleins“. Die Rehabilitierung des deutschen Volkes sei nur möglich, wenn die zwölf Jahre des Dritten Reiches nicht verdrängt, sondern als „negatives Eigentum“ anerkannt werden. Seinen Appell richtet Améry besonders an die deutsche Jugend, die trotz eigener Unschuld Verantwortung übernehmen solle.
Im letzten Essay, „Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“, denkt Améry über seine widersprüchliche jüdische Identität nach. Er beschreibt sein Verhältnis zu den Juden als ein Nichtverhältnis, da er nicht in jüdischer Umgebung aufwuchs und weder Religion noch Kultur oder Sprache sein Eigen nennen kann. Er sieht sich als Juden ohne positive Bestimmung, der die Katastrophe „ohne Gott, ohne Geschichte, ohne messianisch-nationale Erwartung“ bestehen musste. Seine Identität liege vor allem in seinem Schicksal, ein jüdisches Opfer Nazideutschlands zu sein. Die Nürnberger Gesetze sprachen ihm die Würde ab, und die Weltgemeinschaft griff nicht ein. Die einzige Möglichkeit, die verlorene Würde zurückzugewinnen, besteht für Améry darin, sein Schicksal als Jude anzunehmen und sich zugleich dagegen zu erheben – im ständigen Versuch, die Gesellschaft von der Würde des Opfers zu überzeugen.
Stil↑
Die essayistische Form prägt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite. Améry argumentiert nicht aus der Distanz des Beobachters, sondern geht stets vom eigenen Erleben aus und macht die Selbstbefragung zur Methode. Sein Denken ist scharf analytisch, gewöhnt an Kritik und Zweifel, und richtet diese Werkzeuge unerbittlich auf die eigene Erfahrung.
Immer wieder stößt Améry dabei an die Grenzen der Sprache. Was Folter und Vernichtung bedeuten, liegt nach seinen eigenen Worten jenseits dessen, was Worte mitteilen können, und dennoch ringt er um Genauigkeit. Er scheut die Provokation nicht: Begriffe wie Ressentiment oder Kollektivschuld besetzt er neu und wendet sie gegen die üblichen Deutungen. Die zugespitzte Formulierung und der bekennende, persönliche Ton geben den Texten ihre Wucht.
Rezeption↑
Großen Erfolg hatte das Buch – trotz oder gerade wegen seiner Provokationen, vor allem des Essays „Ressentiments“. Darin lässt sich ein Zeichen für das sich wandelnde erinnerungspolitische Klima sehen: nach dem Frankfurter Auschwitz-Prozess, inmitten der Verjährungsdebatten und im Vorfeld der 1968er-Bewegung. Améry wurde nach den Ausstrahlungen und Veröffentlichungen der Essays rasch zu einem bekannten Autor. Andere Rundfunkanstalten wie der Hessische und der Bayerische Rundfunk, der Sender Freies Berlin und der WDR luden ihn zu Vorträgen und Lesereisen ein. Seine Beiträge waren bei namhaften Zeitungen wie Die Zeit, der Frankfurter Rundschau und der Süddeutschen Zeitung sowie bei Zeitschriften, besonders dem Merkur, gefragt. Spuren einer tieferen Auseinandersetzung mit seinen Essays finden sich bei zeitgenössischen Autoren wie Ingeborg Bachmann, Helmut Heißenbüttel, Primo Levi und Imre Kertész sowie in der Philosophie Theodor W. Adornos.
Ambivalent musste Amérys Verhältnis zu Deutschland als dem Land der Täter dennoch bleiben. Das zeigt die Auseinandersetzung mit dem konservativen Schriftsteller Hans Egon Holthusen, der im Merkur einen autobiographischen Text mit dem Titel Freiwillig zur SS veröffentlichte. Darin bat Holthusen um Verzeihung für die „Fahrlässigkeit“, sich 1933 freiwillig zur SS gemeldet zu haben, und stilisierte sich zugleich als Vertreter der „Inneren Emigration“ und als „Überlebenden“. Améry wies auf den Abgrund zwischen dem jüdischen Überlebenden und dem SS-Mann hin, der schon im Wort Freiwilligkeit sichtbar werde: „Sie gingen zur SS, freiwillig. Ich kam anderswohin, ganz unfreiwillig.“
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