1911
Jedermann
Überblick↑
Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes, so der Untertitel, gehört zu den bekanntesten Bühnenwerken Hugo von Hofmannsthals. Uraufgeführt wurde es am 1. Dezember 1911 im Berliner Zirkus Schumann unter der Regie von Max Reinhardt. Die Titelrolle spielte Alexander Moissi, das Bühnenbild stammte von Ernst Stern. Seit 1920 wird der Jedermann Jahr für Jahr bei den Salzburger Festspielen gegeben. Diese haben Reinhardt und Hofmannsthal gemeinsam begründet. Damit ist das Stück eines der erfolgreichsten Theaterstücke des deutschsprachigen 20. Jahrhunderts. Zugleich ist es das Wahrzeichen eines ganzen Festivals.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein reicher Mann namens Jedermann lebt sorglos in Wohlstand. Er hat Geld, eine Geliebte, Freunde und Verwandte. Um die Armen kümmert er sich kaum, an Gott denkt er selten. Mitten in dieses Leben bricht eine Begegnung, mit der er nicht gerechnet hat: Der Tod tritt zu ihm und fordert ihn auf, sich für die letzte Reise bereitzumachen. Jedermann erbittet eine kurze Frist. Er will jemanden finden, der ihn auf diesem Weg begleitet. Er fragt die Menschen, denen er sich nahe glaubte, und auch das Geld, dem er sein Leben gewidmet hat. Hofmannsthal zeigt in einer Reihe von kurzen, dichten Auftritten, wie sich für seinen Helden alles verändert, sobald die Frage nach dem letzten Sinn gestellt ist.
Die Handlung im Detail↑
Gott sieht von oben, dass die Menschen ihn nicht mehr achten, und beschließt, sie durch den Tod an seine Macht zu erinnern. Er schickt den Tod zu Jedermann, einem reichen Mann, der ihn vor das göttliche Gericht rufen soll.
Jedermann selbst lässt sich an diesem Tag von seinem Hausvogt einen Geldsack bringen. Er möchte ein Grundstück kaufen und dort einen Lustgarten für seine Geliebte, die Buhlschaft, anlegen. Auf dem Weg trifft er einen armen Nachbarn, der ihn um Hilfe bittet. Jedermann gibt ihm nur einen Schilling. Als der Nachbar an den christlichen Glauben erinnert und mehr Geld erbittet, schickt Jedermann ihn fort. Wenig später begegnet er einem Schuldner, der ihn anfleht, den Schuldbrief zu zerreißen. Jedermann lehnt ab und lässt ihn einsperren. Erst weil die Frau des Schuldners bitterlich weint, sagt er zu, ihr und den Kindern Unterhalt und Verpflegung zu zahlen. Die Lust auf den Lustgarten ist ihm vergangen, und er beschließt, zur Buhlschaft zu gehen. Vor dem Haus stellt ihn jedoch seine Mutter und hält ihm wie schon oft sein gottloses Leben vor.
Kaum ist die Mutter gegangen, kommt die Buhlschaft, um ihn zu einem Festmahl zu holen. Mitten im Fest fühlt Jedermann sich schwach. Er hört Glockenläuten, das sonst niemand wahrnimmt, und er hört, wie jemand seinen Namen ruft. Die Tafelnden meinen, er habe Fieber. Doch hinter ihm steht ein fremder Mann, der sich als der Tod zu erkennen gibt und ihn auffordert, sich bereitzumachen. Jedermann erschrickt zutiefst, erkennt seinen schlechten Charakter und fleht um Aufschub, um wenigstens einen Begleiter für den Weg vor Gottes Gericht zu finden. Nach langem Bitten gewährt ihm der Tod eine Stunde.
Jedermann wendet sich zuerst an seinen Gesellen, einen guten Freund. Der ist zu jedem Gefallen bereit, aber als er hört, wohin die Reise gehen soll, weigert er sich. Auch die Vettern und ihre Knechte machen sich davon. So möchte Jedermann wenigstens sein Geld mitnehmen. Doch aus der Truhe steigt der Mammon und erklärt ihm spöttisch, dass er nicht mit ihm gehen werde.
Verzweifelt und allein hört Jedermann eine leise Stimme. Es ist eine gebrechliche Frau, die sich als seine guten Werke zu erkennen gibt. Sie würde ihn gern begleiten, ist aber zu schwach, weil er sie zeitlebens vernachlässigt hat. Sie verspricht jedoch, ihre Schwester, den Glauben, um Hilfe zu bitten. Der Glaube weist Jedermann auf die unendliche Liebe Gottes hin und rät ihm, um Gnade zu bitten. Ein Mönch hilft ihm, nach Jahren der Ungläubigkeit wieder zu Gott zu finden.
Inzwischen erscheint der Teufel, der sich der schuldbeladenen Seele bereits sicher ist und sie in die Hölle holen will. Zu seinem Verdruss muss er feststellen, dass ihm die Seele durch Gottes Gnade entrissen wurde. Er zieht spöttisch von dannen mit den Worten, die Welt sei dumm, gemein und schlecht und gebe der Gewalt allzeit den Vorrang vor dem Recht. Jedermann aber kehrt geläutert zurück und tritt mit ruhigem Gewissen, begleitet vom Glauben und den guten Werken, vor den Richterstuhl Gottes.
Stil↑
Hofmannsthal greift bewusst auf eine alte Form zurück: das spätmittelalterliche Mysterienspiel. Vorbilder sind unter anderem das niederländische Elckerlijc und das englische Everyman. Dazu kommen Hans Sachs' Spiel Von dem sterbenden reichen Menschen, Hekastus genannt von 1549 und das Schulddrama Hecastus von Georgius Macropedius aus dem Jahr 1539. Wie in diesen Stücken treten neben Gott und Teufel auch der Tod, der Mammon, der Glaube und die guten Werke als handelnde Figuren auf. Aus Begriffen werden Personen. Sie rufen Jedermann beim Namen, sprechen mit ihm, verlassen ihn oder stehen ihm bei.
Sprachlich arbeitet Hofmannsthal mit gereimten Versen. Ihr Ton ist schlicht und an die Sprache der alten Spiele angelehnt. Die Szenen sind kurz, der Bau ist klar und überschaubar. Auftritt folgt auf Auftritt, jede Begegnung stellt eine Probe dar. Die Handlung lässt sich auf einen einzigen Tag zusammenziehen, vom sorglosen Reichen zum Sterbenden vor Gottes Gericht. Dadurch wirkt das Stück nicht wie ein historisches Schaustück, sondern wie ein eindringliches Gleichnis. Es bleibt auch im Freien, auf einem öffentlichen Platz, unmittelbar verständlich.
Rezeption↑
Die Uraufführung 1911 in Berlin unter Max Reinhardt machte den Jedermann sofort bekannt. Den eigentlichen Siegeszug aber trat das Stück 1920 an, als es zum ersten Mal auf dem Salzburger Domplatz aufgeführt wurde. Seither gehört der Jedermann fest zu den Salzburger Festspielen und wird Jahr für Jahr gespielt. Generationen großer Schauspieler haben die Titelrolle übernommen. Der Ruf "Jedermann!" über den Domplatz ist zu einem geflügelten Wort geworden. Damit zählt das Werk zu den meistgespielten Stücken des deutschsprachigen Theaters. Es hat das Bild Salzburgs als Festspielstadt mitgeprägt.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →