1874 – 1929
Hugo von Hofmannsthal
Kurzbiografie↑
Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) gilt als einer der wichtigsten Repräsentanten des deutschsprachigen Fin de Siècle und der Wiener Moderne. Schon als Gymnasiast erregte er mit Gedichten und kurzen Versdramen Aufsehen. Rasch wurde er zum bewunderten Wortführer des literarischen Jung-Wien. Später schrieb er die Libretti zu den großen Opern von Richard Strauss, darunter den Rosenkavalier. Gemeinsam mit Max Reinhardt gründete er die Salzburger Festspiele. Sein Werk umspannt Lyrik, lyrische Dramen, Erzählungen, Essays und Opernlibretti. Überschattet wurde es von einer tiefen Sprachkrise, die er im berühmten Brief des Lord Chandos festhielt.
Biografie↑
Hugo Laurenz August Hofmann, Edler von Hofmannsthal, kam am 1. Februar 1874 in Wien zur Welt. Er war ein Einzelkind und stammte aus einer Familie mit böhmischen, jüdischen und lombardischen Wurzeln. Sein jüdisch-orthodoxer Urgroßvater Isaak Löw Hofmann hatte die Seidenindustrie in Österreich eingeführt und war 1835 geadelt worden. Der Großvater konvertierte zum Katholizismus und heiratete eine bürgerliche Italienerin. Der Vater war Direktor der Österreichischen Central-Boden-Credit-Bank. Beim Gründerkrach von 1873 verlor er das Familienvermögen, ausgerechnet während der Flitterwochen. Hofmannsthal musste daher zeitlebens selbst für seinen Unterhalt sorgen. Er lebte mit einer ständigen Furcht vor Verarmung, obwohl die Öffentlichkeit ihn für einen wohlhabenden Erben hielt. Er verstand sich selbst als katholischen Aristokraten, wurde von der Umwelt aber häufig als „jüdischer“ Intellektueller wahrgenommen.
Ab 1884 besuchte er das Akademische Gymnasium, eine Eliteschule der Donaumonarchie. Er lernte Italienisch, Französisch, Englisch, Latein und Griechisch und war ein außergewöhnlich frühreifer Schüler. Als Gymnasiast durfte er nicht unter eigenem Namen veröffentlichen. Seine ersten, von Nietzsche beeinflussten Gedichte erschienen deshalb unter den Pseudonymen Loris, Loris Melikow und Theophil Morren. 1891 erregte er mit dem Dramolett Gestern erstmals allgemeine Bewunderung. Rasch zählte man ihn zum Kreis Jung-Wien um Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hofmann, Felix Salten und Leopold Andrian. In die Jahreswende 1891/92 fiel die folgenreiche erste Begegnung mit Stefan George.
1892 machte er die Matura mit Auszeichnung und begann auf Druck des Vaters ein Jurastudium. Nach der ersten Staatsprüfung leistete er 1894/95 sein Freiwilligenjahr beim Sechsten Dragoner-Regiment in Göding (Mähren). Spätere Waffenübungen führten ihn 1896 und 1898 ins ostgalizische Tlumacz und Czortkow. Anschließend wechselte er zur romanischen Philologie. 1898 wurde er mit einer Arbeit über den Sprachgebrauch der Dichter der Pléjade zum Doktor promoviert; die NDB datiert die Promotion auf 1899. Reisen führten ihn nach Venedig und 1899 nach Paris, wo er Maurice Maeterlinck und Auguste Rodin kennenlernte. Im selben Jahr begannen die Freundschaften mit Rainer Maria Rilke und Rudolf Kassner, 1900 die mit Richard Strauss, damals Kapellmeister an der Berliner Hofoper.
Ende 1901 reichte er eine Habilitationsschrift über Victor Hugo ein. Den Plan einer Universitätslaufbahn gab er aber wieder auf und entschied sich endgültig für den Dichterberuf. Am 8. Juni 1901 heiratete er die einundzwanzigjährige Gertrud („Gerty“) Schlesinger, Tochter eines Wiener Bankiers. Sie konvertierte vor der Hochzeit zum Christentum. Das Paar zog nach Rodaun bei Wien in eine Barockvilla aus der Zeit Maria Theresias, das heutige „Hofmannsthal-Schlössl“. Drei Kinder kamen zur Welt: Christiane (1902), Franz (1903) und Raimund (1906). Hofmannsthals Ehevorstellungen waren ausgesprochen konservativ. Daneben pflegte er innige Brieffreundschaften mit Frauen wie Helene von Nostitz, der Tänzerin Grete Wiesenthal und der jungen Witwe Ottonie von Degenfeld-Schonburg.
In den Jahren um die Jahrhundertwende durchlief er eine tiefe innere Krise. Sie nährte sich aus seinem Zweifel am Ausdrucksvermögen der Sprache. Neue Freundschaften gaben ihm Selbstvertrauen zurück: mit dem Theatermacher Max Reinhardt, mit Rudolf Borchardt und Rudolf Alexander Schröder. Mit Reinhardt und Strauss brachte er in den folgenden Jahren seine großen dramatischen Werke auf die Bühne. 1907 übernahm er die Redaktion des Lyrik-Teils der Wochenzeitschrift „Morgen“. Im selben Jahr archivierte die Österreichische Akademie der Wissenschaften seine Stimme bei der Rezitation des Gedichtes Manche freilich. 1908 reiste er mit Harry Graf Kessler und Aristide Maillol nach Griechenland.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 war Hofmannsthal vierzig Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen. Nach kurzem Einsatz als Landsturmoffizier in Istrien wurde er ins Kriegsfürsorgeamt des Innenministeriums versetzt. Er schrieb patriotische Aufsätze und kriegspropagandistische Texte, vor allem in der Neuen Freien Presse, und reiste zu Vorträgen nach Krakau, Brüssel und Berlin. 1915 gab er als Auftakt zur „Österreichischen Bibliothek“ Grillparzers „politisches Testament“ heraus. Die zusammen mit dem Verleger Kippenberg konzipierte Reihe blieb erfolglos und wurde 1917 eingestellt. Der Zusammenbruch der Donaumonarchie 1918 traf den konservativen Patrioten als persönlicher Schlag, von dem er sich nie ganz erholte.
1919 wurde Hofmannsthal erstmals für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen. Drei weitere Nominierungen folgten, doch der Preis wurde ihm nie zuerkannt. Vor allem das Votum des schwedischen Schriftstellers Per Hallström verhinderte die Auszeichnung: Er qualifizierte den Rosenkavalier als lüstern ab und argumentierte auch antisemitisch. In den zwanziger Jahren reiste er viel: nach Berlin, Warschau, Skandinavien, Italien, in die Schweiz, 1925 nach Paris, Marokko, London und Oxford. Mit Italien sympathisierte er auch politisch und stand dem Mussolini-Faschismus offen gegenüber. 1925 verfasste er gemeinsam mit Louis Nerz und Robert Wiene das Drehbuch zur ersten Verfilmung des Rosenkavaliers.
Am 13. Juli 1929 erschoss sich sein Sohn Franz im Alter von 26 Jahren. Zwei Tage später, am 15. Juli 1929, brach Hugo von Hofmannsthal selbst zur Beerdigung seines Sohnes auf. Dabei starb er an einem Schlaganfall, fünfundfünfzigjährig. Beigesetzt wurde er auf dem Kalksburger Friedhof, dem eigenen Wunsch entsprechend im Habit eines Franziskaners. Reden am Grab hatte er sich letztwillig verbeten. Auf dem Grabdenkmal stehen die Schlusszeilen seines Gedichtes Manche freilich: „Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens schlanke Flamme oder schmale Leier.“ Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 musste die Familie emigrieren. Das Vermögen wurde von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Gerty lebte ab 1939 in Oxford und wurde 1947 britische Staatsbürgerin.
Literarische Merkmale↑
Hofmannsthals frühe Jahre zwischen 1890 und 1900 lassen sich als sein lyrisches Jahrzehnt beschreiben. Schon der siebzehnjährige Gymnasiast verfügte über eine erstaunliche, von den Zeitgenossen bestaunte Herrschaft über die Sprache. Stefan Zweig nannte die Erscheinung des jungen Hofmannsthal in Die Welt von Gestern „eines der großen Wunder früher Vollendung“. Gedichte wie Vorfrühling, die Ballade des äußeren Lebens, Weltgeheimnis oder Manche freilich stehen im Umkreis von Symbolismus, Jugendstil und Wiener Moderne. Dasselbe gilt für Versdramen wie Der Tod des Tizian, Der Tor und der Tod, Das kleine Welttheater, Die Frau im Fenster oder Die Hochzeit der Sobeide. Es ist eine überwiegend ästhetische und impressionistische Schreibweise, wie er sie etwa bei den englischen Präraffaeliten kennengelernt hatte.
Schon früh richtete sich seine Tendenz aufs Theater. 1898 wurde mit Die Frau im Fenster in Berlin erstmals ein Stück von ihm aufgeführt. Die erste Buchausgabe trug bezeichnenderweise den Titel Theater in Versen (1899). Mit der Alkestis versuchte er schon 1893, antik-mythischen Stoff neu zu fassen. Diese Linie führte er später in der freien Bearbeitung der sophokleischen Elektra (1904) und im Geretteten Venedig (1903) weiter.
Um die Jahrhundertwende vollzog sich in seinem dichterischen Selbstverständnis ein Wandel. Dessen sichtbarstes Zeugnis ist der berühmte Brief des Lord Chandos. Die Deutsche Biographie warnt davor, diesen Brief als existenziellen Zweifel an der dichterischen Berufung oder als Zeichen nachlassender Kraft misszuverstehen. Vielmehr handelt es sich um den bewussten Übergang in eine neue Phase. Ausgelöst wurde diese Wendung auch durch die Lebenserfahrungen während der Militärdienste in Mähren und Ostgalizien, die seinen „Begriff vom Leben entscheidend korrigierten“. Das Drama Das Bergwerk zu Falun wurde 1899 ausgearbeitet und zu Lebzeiten nie vollständig veröffentlicht. Es bildet den Abschluss dieses Frühwerks.
Die zweite Werkhälfte ist geprägt von der Zusammenarbeit mit zwei Männern: mit Max Reinhardt, dem Leiter des „Deutschen Theaters“ in Berlin, und mit dem Komponisten Richard Strauss. Aus dieser Konstellation gingen Hofmannsthals große dramatische Arbeiten und seine Opernlibretti hervor. Seine Texte erschienen zunächst in Stefan Georges Blättern für die Kunst und in den Jugendstil-Zeitschriften Pan und Modernen Musen-Almanach. Ab 1900 verlagerte sich die Verlagsarbeit zum Insel-Verlag und zum S. Fischer Verlag, die sein Werk fortan gemeinsam betreuten.
Rezeption↑
Schon der 1891 mit dem Dramolett Gestern debütierende Gymnasiast erregte allgemeine Aufmerksamkeit und Bewunderung. Innerhalb des Kreises der jungösterreichischen Dichter galt er sehr rasch als „Vollendeter“. Stefan Zweig hat in seinen Memoiren Die Welt von Gestern (1942) ausführlich beschrieben, welchen einmaligen Eindruck Hofmannsthal auf ihn und seine Generation machte. Sein früher Ruhm als Lyriker und Dramatiker reichte bald über Wien hinaus. In Stefan Georges Blättern für die Kunst und in den führenden Jugendstil-Zeitschriften Pan und Otto Julius Bierbaums Modernen Musen-Almanach wurde er als bedeutender Lyriker der jungen Generation geführt.
Die Beziehung zu George war von Anfang an spannungsreich. Sie hat Hofmannsthals Werk stark beeinflusst, und die Erscheinung Georges blieb ihm bis ans Lebensende denkwürdig. Doch die wachsende Entfremdung führte 1906 zum Bruch. An ihre Stelle traten die fruchtbaren Arbeitsbündnisse mit Max Reinhardt und Richard Strauss, die Hofmannsthal die Erfüllung zahlreicher Pläne brachten. Zugleich verbanden ihn lebenslange Brief- und Werkfreundschaften mit Schnitzler, Beer-Hofmann, Rilke, Kassner, Borchardt, Schröder, Thomas Mann, Carl Jacob Burckhardt und Harry Graf Kessler.
International wurde Hofmannsthal viermal, beginnend 1919, für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen. Dass er ihn nie erhielt, ging maßgeblich auf den schwedischen Schriftsteller Per Hallström zurück. Dieser warf dem Rosenkavalier „Lüsternheit“ vor und argumentierte auch antisemitisch gegen den Österreicher. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde sein Werk in Deutschland und Österreich verfemt und seine Familie enteignet. Hofmannsthal selbst war zu diesem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren tot.
In den Nachschlagewerken der Nachkriegszeit ist er fest verankert. Die Neue Deutsche Biographie widmete ihm 1972 einen Hauptartikel von Werner Volke. Er ist mehrfach in der Genealogie der NDB und in zahlreichen Querverweisen anderer Bände greifbar. Hofmannsthals Bedeutung für das Wiener Kulturleben zeigt sich auch institutionell. Als Mitbegründer der Salzburger Festspiele wirkt er bis in die Gegenwart fort.
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