Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Ein Brief
1902
– Werkseintrag –

Ein Brief

1902 · Essay

Ein junger Dichter im Jahr 1603 gesteht seinem Mentor, dass ihm die Wörter im Munde zerfallen – Hofmannsthals berühmter fiktiver Brief über das Verstummen.

Überblick

Ein kurzer fiktiver Brief, der die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts mitgeprägt hat. Hugo von Hofmannsthal verfasste den Text im Sommer 1902. Er erschien am 18. und 19. Oktober desselben Jahres in zwei Folgen in der Berliner Zeitung Der Tag. Der schmale Prosatext wird oft auch Brief des Lord Chandos an Francis Bacon oder schlicht Chandos-Brief genannt. Er gilt als eines der wichtigsten literarischen Dokumente der Sprach- und Kulturkrise um die Jahrhundertwende. Er ist zum Gegenstand zahlloser Deutungen geworden.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein junger englischer Adliger schreibt aus dem Jahr 1603 einen Brief an seinen älteren Mentor, den Philosophen und Naturforscher Francis Bacon. Philipp Lord Chandos ist sechsundzwanzig Jahre alt und einst als dichterisches Talent gefeiert. Nach „zweijährigem Stillschweigen" gesteht er, dass er sich von seinem eigenen Frühwerk fremd geworden fühle. Er versucht, dem verehrten Lehrer zu erklären, was mit ihm geschehen ist. Einst empfand er die Welt als große Einheit, in der geistige und körperliche Dinge keinen Gegensatz bildeten. Diese Sicherheit hat sich allmählich aufgelöst. Der Brief umkreist die Frage, was einem Dichter bleibt, wenn ihm die vertrauten Wörter zu zerfallen beginnen. Und er fragt, welche Empfindungen an deren Stelle treten.

Die Handlung im Detail

Verfasser des Briefes ist der fiktive Philipp Lord Chandos, ein sechsundzwanzigjähriges Dichtergenie, das im Jahre 1603 an seinen älteren Mentor schreibt, den Philosophen und Naturwissenschaftler Francis Bacon. Chandos kann auf ein hochgelobtes Frühwerk zurückblicken. Nun aber, nach zwei Jahren des Schweigens, bezweifelt er, noch derselbe zu sein wie der Verfasser jener Gedichte. Er spricht von einem „brückenlosen Abgrund", der ihn von seinen eigenen Dichtungen trenne; sie sprächen ihn so fremd an, dass er zögere, sie sein Eigentum zu nennen.

Sein früheres Verständnis von Dichtung beschreibt Chandos zunächst ausführlich. Im Mittelpunkt stand für ihn die Form, die „tiefe, wahre, innere Form", die jenseits aller Kunststücke nur geahnt werden könne und die das Stoffliche nicht ordne, sondern durchdringe und so „Dichtung und Wahrheit zugleich" schaffe. Damals erschien ihm in einer Art andauernder Trunkenheit das ganze Dasein als eine große Einheit. Geistige und körperliche Welt bildeten keinen Gegensatz, ebenso wenig höfisches und tierisches Wesen, Kunst und Unkunst. „Alles wäre Gleichnis und jede Kreatur ein Schlüssel der andern", schien ihm.

Diese Sicherheit ist nun zerbrochen. Die Einheit zwischen Natur und Kunst, Körper und Seele, Sprache und Empfindung ist dauerhaft zerrissen. Chandos formuliert sein Leiden mit großer Genauigkeit: Es sei ihm die Fähigkeit abhandengekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Schon die abstrakten Worte „Geist", „Seele" oder „Körper" auszusprechen, bereite ihm ein unerklärliches Unbehagen; sie zerfielen ihm im Munde „wie modrige Pilze".

Sein Geist zwinge ihn, alle Dinge eines Gesprächs in einer unheimlichen Nähe zu sehen. Der vereinfachende Blick der Gewohnheit gelinge ihm nicht mehr. Alles zerfalle ihm in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts lasse sich mehr mit einem Begriff umspannen. Die Wörter schwämmen um ihn und würden zu „Wirbeln", in die hinabzusehen ihn schwindle und durch die hindurch man „ins Leere" komme. Die Welt lässt sich nicht mehr durch Sprache ordnen.

Zugleich aber wachsen die Empfindungen ins Übermächtige. Kein Wort vermag mehr die „sanft und jäh steigende Flut göttlichen Gefühles" zu fassen. Empfindung und Gegenstand fließen ineinander, ein „Fluidum" hebt auch die Grenzen des Subjekts auf. Wo Subjekt und Sprache einmal eins waren, beginnt nun die Auflösung. Auf die Sprachlosigkeit folgt eine innere Leere, die Chandos „Gleichgültigkeit" nennt.

Doch unter dieser Stummheit regt sich etwas anderes: ein „fieberisches Denken" in einem Material, das unmittelbarer, flüssiger und glühender sei als Worte. Auch dies seien Wirbel, doch nicht solche, die ins Bodenlose führten, sondern Wirbel, die „in mich selber und in den tiefsten Schoß des Friedens" hineinreichten. Chandos zieht daraus die äußerste Konsequenz. Er gibt das Schreiben auf. Nach außen will er ein unauffälliges, sprachloses Leben führen; nach innen hofft er auf eine neue Sprache – die Sprache der Gegenstände selbst, in der einsam, ohne große Werte und ohne pathetische Erhebung, etwas anderes gesagt werden könnte als das, was die Worte der Menschen vermögen.

Stil

Hofmannsthal wählt die Form des fingierten Briefes und versetzt ihn ins Jahr 1603. Diese historische Maskierung gibt dem Text die Stimme eines jungen englischen Adligen, der sich an einen wirklichen Empfänger wendet: Francis Bacon. So erhält die Klage eine zugleich persönliche und distanzierte Färbung. Die Prosa ist hochgradig durchgearbeitet. Lange, fein gegliederte Perioden, eine reiche Bildlichkeit und eine auffällige Neigung zu Vergleichen umkreisen das eigentlich Unsagbare: die Worte, die wie „modrige Pilze" im Mund zerfallen, die Begriffe, die zu „Wirbeln" werden, die Empfindung, die als „Flut" und „Fluidum" hereinbricht. So entsteht das Paradox, das den Reiz des Textes ausmacht. Es ist ein sprachlich hochkultivierter Brief, dessen Inhalt der Verlust der Sprache ist.

Rezeption

Der Chandos-Brief gilt als eines der wichtigsten literarischen Dokumente der kulturellen Krise um die Jahrhundertwende. Er wurde zum Gegenstand zahlloser Interpretationen in der Literaturwissenschaft. Die Klage über die Unzulänglichkeit der Sprache nimmt hier in einer fiktiven Briefform Gestalt an. Sie hat über Hofmannsthal hinaus auf die Moderne gewirkt. Bis in die Gegenwart hat sie das Nachdenken über Sprachskepsis, Wahrnehmung und dichterische Form beeinflusst.

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