1872
Ein Goldmensch
Überblick↑
Der Roman Ein Goldmensch (ungarischer Originaltitel Az arany ember) stammt von dem ungarischen Schriftsteller Mór Jókai, im deutschen Sprachraum auch Maurus Jókai genannt. Es handelt sich um einen Gesellschaftsroman, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. Die erste ungarische Ausgabe erschien 1872, die erste deutsche Übersetzung in Buchform ein Jahr später, 1873. Erzählt wird der Aufstieg eines mittellosen Mannes zum reichen Geschäftsmann – und die Frage, ob Reichtum ein Leben wirklich glücklich machen kann.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf der Donau ist ein Frachtschiff namens „Heilige Barbara" unterwegs, das der Schiffsführer Michael Timár im Auftrag eines reichen Kaufmanns leitet. An Bord nimmt er einen Flüchtling und dessen junge Tochter Timea auf: Der Mann gibt sich als griechischer Kaufmann aus, ist in Wahrheit aber ein Würdenträger, der aus dem Osmanischen Reich flieht, um sein Kind vor dem Harem des Sultans zu retten. Die gefährliche Flussfahrt endet mit dem Tod des Vaters, und das Mädchen bleibt allein und mittellos zurück.
Timár bringt die verwaiste Timea in einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie unter, wo sie schlecht behandelt und wie eine Dienstbotin gehalten wird. Besonders die Haustochter Athalia lässt sie ihre Verachtung spüren. Timár selbst gelangt durch einen glücklichen, aber heiklen Umstand zu großem Vermögen und steigt zum angesehenen Finanzmann auf. Aus Dankbarkeit und Zuneigung bindet sich sein Schicksal immer enger an das der stillen, edelmütigen Timea.
Doch der Reichtum bringt Timár nicht die Erfüllung, die er sich erhofft. Auf einer einsamen Donauinsel begegnet er einer Frau, die ihn nicht wegen seines Geldes und seines Standes liebt. Zwischen bürgerlichem Ansehen und heimlichem Glück gerät der „Goldmensch" in einen Zwiespalt, der immer schwerer auf ihm lastet.
Die Handlung im Detail↑
Der reiche Ali Tschorbadschi, ein Gefolgsmann des türkischen Sultans, flieht aus dem Osmanischen Reich in das Königreich Ungarn, weil der Sultan seine Tochter Timea in den Harem aufnehmen will. Unter dem falschen Namen eines griechischen Kaufmanns – Euthym Trikaliß – mietet er in Galatz das Schiff „Santa Barbara", belädt es mit Weizen und will mit seiner Tochter donauaufwärts fliehen. Michael Timár, der als Schiffskommissär im Auftrag des reichen Geschäftsmanns Athanás Brazovics arbeitet, nimmt beide an Bord und verhilft ihnen zur Flucht. Weil Ali Tschorbadschi von dem Spion Todor Krisztyán entdeckt wurde und Verrat fürchtet, nimmt er sich auf dem Schiff das Leben. Seinem Wunsch gemäß wird seine Leiche in der Donau versenkt. Unweit von Komorn läuft das Schiff auf eine Sandbank und sinkt. Aus dem Wrack hebt Timár heimlich einen Schatz, der in einem mit einem „Roten Halbmond" gekennzeichneten Weizensack verborgen war. Dieser Schatz macht Timár in kurzer Zeit zu einem erfolgreichen Geschäftsmann und verhilft ihm zu unermesslichem Reichtum.
Die verwaiste Timea bringt Timár nach dem Willen ihres Vaters bei dessen Freund Athanás Brazovics unter. Das unerfahrene und naive Mädchen, das kein Ungarisch spricht und die europäische Lebensweise nicht kennt, wird von der Familie schlecht behandelt und beinahe wie ein Dienstmädchen gehalten. Besonders Athalia, die Haustochter, findet Gefallen daran, Timea zu verhöhnen und zu quälen. Athalias Verlobter, der gut aussehende Offizier Emmerich Kacsuka, beginnt Timea den Hof zu machen. Man redet dem verwirrten, in Kacsuka verliebten Mädchen ein, es werde geheiratet, und tagelang stickt Timea an „ihrem" Brautkleid. Erst am Tag der vermeintlichen Hochzeit erfährt sie, dass nicht sie, sondern Athalia den Offizier heiraten wird – und Athalia trägt bereits Timeas Brautkleid. Timea soll ihr den Schleier befestigen; als ihr dabei ein Missgeschick unterläuft, schlägt Athalia sie. Mit diesem Schlag wendet sich das Schicksal: Athanás stirbt noch am selben Tag an einem Herzinfarkt, die Trauung platzt, weil dem Bräutigam die versprochene Kaution nicht gezahlt wird. Kacsuka löst die Verlobung mit Athalia und zieht sich zurück.
Der inzwischen sehr reich gewordene Timár erwirbt nach dem Bankrott von Brazovics dessen gesamtes Vermögen und ersteigert auch dessen Haus in Komorn, das er Timea schenkt. Die gutherzige Timea besteht darauf, dass ihre Ziehmutter Sophie und ihre Ziehschwester Athalia weiterhin in dem nun ihr gehörenden Haus wohnen dürfen. Timár macht Timea einen Heiratsantrag und heiratet sie in der reformierten Kirche von Komorn.
Timea jedoch heiratet ihn allein aus Dankbarkeit, um ihm seine Wohltaten zu vergelten. Nach außen ist sie eine vorbildliche, fürsorgliche Ehefrau, um die sie ihre Umgebung beneidet, und sie bleibt ihm treu. Doch sie liebt ihn nicht und kann ihn als Frau nicht glücklich machen. Allmählich erkennt auch Timár, dass eine Ehe ohne Liebe für ihn keine Erfüllung ist. Deshalb ist er häufig auf Reisen und meidet sein Heim. Auf einem Jagdausflug gelangt er auf die „Herrenlose Insel" in der Donau, wo einst Schiffsproviant eingekauft wurde. Dort lebt Therese, die von Brazovics um ihr ganzes Hab und Gut gebracht wurde, mit ihrer Tochter Noëmi. Timár und Noëmi verlieben sich, und er spürt endlich, dass er selbstlos und ohne Rücksicht auf Rang und Vermögen geliebt wird. Von da an führt er ein Doppelleben: Das Sommerhalbjahr verbringt er bei Noëmi auf der Insel, das Winterhalbjahr bei Timea in Komorn.
Mit der Zeit zermürbt dieses Doppelleben Timár seelisch. Auf der einen Seite steht Timea, die ihm treu ergeben ist, ihn aber nicht liebt; auf der anderen Noëmi, mit der er inzwischen ein Kind hat. Er findet keinen Ausweg und beschließt in seiner Villa bei Balatonfüred am Plattensee, seinem Leben ein Ende zu setzen. Da taucht sein alter Widersacher Todor Krisztyán auf und versucht, ihn zu erpressen: Er droht, das Doppelleben aufzudecken, und verlangt schließlich sogar die Insel samt Noëmi. Wutentbrannt wirft Timár ihn hinaus. Krisztyán, der sich zuvor durch Erpressung Timárs Kleider angeeignet hat, gerät auf dem zugefrorenen Plattensee in einen Schneesturm, bricht in eine Eisspalte und ertrinkt. Timár flüchtet zu Noëmi auf die Insel, um nie mehr zurückzukehren.
Nach Monaten, zu Frühlingsbeginn, wird die skelettierte Leiche geborgen. Wegen der Kleider hält man sie für die sterblichen Überreste Michael Timárs, und in Komorn wird dem vermeintlich Verstorbenen ein prunkvolles Begräbnis ausgerichtet. Timea trauert aufrichtig, kleidet sich in Schwarz und besucht täglich das Grab, das sie für das ihres Mannes hält. Nach Ablauf des Trauerjahres gibt sie schließlich dem Werben Emmerich Kacsukas nach und will ihn heiraten. In der Nacht vor der Hochzeit versucht die von Hass und Eifersucht erfüllte Athalia, Timea zu ermorden. Der Anschlag wird aufgedeckt, Athalia vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt; der König wandelt die Strafe in lebenslange Haft um. Am Ende des Prozesses schwört Athalia, Michael Timár lebe noch und der Begrabene sei ein Dieb gewesen, der Timárs Kleider gestohlen habe. Nach diesem Fluch stirbt Timea früh und wird in Levetincz bestattet. Michael Timár Edler von Levetinczy aber bleibt verschwunden.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als Gesellschaftsroman, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts spielt und in fünf „Bücher" gegliedert ist, die jeweils in kleinere Kapitel zerfallen. Jedes dieser fünf Bücher trägt den Namen einer zentralen Gestalt oder eines Schauplatzes – „Die heilige Barbara", „Timea", „Die herrenlose Insel", „Noëmi" und „Athalie" – und rückt damit nacheinander die Figuren und Orte in den Mittelpunkt, um die die Handlung kreist. Schauplatz ist der Raum an der Donau, von der Schifffahrt flussaufwärts bis zur einsamen Insel und zum Plattensee.
Jókai verbindet dabei die farbige Abenteuer- und Reiseerzählung mit einer breit ausgemalten Liebes- und Schicksalsgeschichte. Zufälle, geheime Schätze, verstellte Namen und dramatische Wendungen treiben die Handlung voran, während zugleich ein gesellschaftliches Bild der Zeit entsteht.
Rezeption↑
Bezeugt ist die anhaltende Wirkung des Romans vor allem durch seine mehrfache Verfilmung. Bereits 1919 entstand unter der Regie von Alexander Korda der Film Der rote Halbmond. Béla Gaál brachte den Stoff ebenfalls auf die Leinwand. 1962 folgte die Verfilmung Der Goldmensch unter der Regie von Viktor Gertler. Dass der Stoff über Jahrzehnte hinweg immer wieder für das Kino aufgegriffen wurde, zeigt, wie lebendig die Geschichte des „Goldmenschen" im Bewusstsein blieb.
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