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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Ein Held unserer Zeit
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Cover Ein Held unserer Zeit
Ein Held unserer Zeit
1840
– Werkseintrag –

Ein Held unserer Zeit

1840 · Roman

Der erste psychologische Roman der russischen Literatur – und das Porträt eines jungen Offiziers, der überall, wo er auftaucht, etwas in Bewegung setzt und sich selbst dabei am wenigsten versteht.

Überblick

Mit diesem 1840 erschienenen Roman schuf Michail Lermontow den ersten psychologischen Roman der russischen Literatur. Es war zugleich sein einziges zu Lebzeiten vollendetes Prosawerk. Im Mittelpunkt steht der junge Offizier Petschorin, ein gelangweilter, zynischer Aristokrat. Er benutzt die Menschen um sich herum aus Neugier oder Übermut und bleibt dabei selbst leer. Gemeinsam mit Puschkins Eugen Onegin wurde Petschorin für Generationen russischer Schriftsteller zum Urbild des „überflüssigen Menschen". Lermontow erzählt seine Geschichte nicht geradlinig. Er ordnet sie in fünf eigenständigen Erzählungen an, die ihren Helden Schritt für Schritt aus immer größerer Nähe zeigen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein junger Reiseschriftsteller ist im Kaukasus unterwegs. Er freundet sich mit dem älteren Stabshauptmann Maxim Maximowitsch an, einem gutmütigen russischen Offizier, der seit Jahren in den Bergen Dienst tut. Unterwegs erzählt Maxim ihm von einem ehemaligen Kameraden, dem Offizier Grigorij Alexandrowitsch Petschorin. Es geht um eine ungewöhnliche Geschichte, die sich Jahre zuvor in einer abgelegenen Festung ereignet hat: Petschorin verliebte sich dort in die junge Tscherkessin Bela, Tochter eines kaukasischen Fürsten, und ließ sie kurzerhand entführen.

Wenig später kreuzen sich die Wege noch einmal, und der Erzähler bekommt Petschorin selbst zu Gesicht. Was er sieht, weckt seine Neugier. So kommt er später in den Besitz von Petschorins persönlichen Aufzeichnungen. Aus ihnen erfährt der Leser, was der Offizier auf seinen Stationen erlebte: ein heikles Abenteuer in der Hafenstadt Taman, wo er in undurchsichtige Verhältnisse gerät; einen Aufenthalt im mondänen Kurort Pjatigorsk, wo er sich in Spiele um Liebe, Eitelkeit und Ehre verstrickt; und schließlich eine Wette unter Offizieren über Schicksal und Vorsehung, die sich auf unheimliche Weise zuspitzt.

So setzt sich das Bild eines jungen Mannes zusammen. Er gerät überall hin und setzt überall etwas in Bewegung. Und sich selbst versteht er dabei am wenigsten.

Die Handlung im Detail

Auf dem Weg vom georgischen Tiflis ins russische Wladikawkas schließt der namenlose Ich-Erzähler, ein junger Reiseschriftsteller, Bekanntschaft mit dem wesentlich älteren Stabshauptmann Maxim Maximowitsch, der für die russische Besatzungsmacht im Kaukasus Dienst tut. In einer Zwangspause entlockt er Maxim eine Geschichte, die fünf Jahre zurückliegt. Schauplatz war eine muslimische Hochzeit im Haus eines kaukasischen Fürsten; Maxim und sein damaliger Untergebener, der etwa fünfundzwanzigjährige Offizier Grigorij Alexandrowitsch Petschorin, waren geladen. Bei einem Solotanz machte die sechzehnjährige jüngste Tochter Bela Petschorin schöne Augen; er stiftete daraufhin ihren Bruder an, sie in Abwesenheit des Vaters zu rauben. Als Lohn versprach er ihm das weit und breit begehrteste Pferd, das seinem heißblütigen Besitzer Kasbitsch zu entwenden als undurchführbar galt. Der doppelte Raub gelingt. Petschorin schafft es nach einiger Zeit, das Mädchen für sich zu gewinnen – und verliert dann das Interesse an ihr. Kasbitsch rächt sich, indem er Bela seinerseits raubt und ihr, als seine Ergreifung bevorsteht, eine tödliche Verletzung zufügt; nach zweitägiger Agonie stirbt sie.

In Wladikawkas treffen sich Maxim und der Reisende, schon voneinander verabschiedet, durch Zufall wieder. Maxim gerät aus dem Häuschen, als er hört, dass auch Petschorin gerade vor Ort ist. Er erwartet ein herzliches Wiedersehen mit einem Freund. Doch Petschorin lässt ihn warten und fertigt ihn dann freundlich-unverbindlich ab, bevor er nach Persien weiterreist. Seine „Papiere", die Maxim verwahrt hat, überlässt er ihm zur freien Verfügung. Der Ich-Erzähler nimmt sie an sich. Als ihn später die Nachricht erreicht, dass Petschorin auf dem Rückweg von Persien gestorben ist – woran, bleibt offen –, entschließt er sich, drei der Erzählungen herauszugeben. Sie bilden den zweiten Teil des Romans.

In der ersten Aufzeichnung strandet Petschorin als „reisender Offizier" in der Hafenstadt Taman, für ihn die „ekelhafteste aller russischen Seestädte". Das einzige Quartier, das er findet, ist verrufen und wird von einem sonderbaren Trio bewohnt: einer angeblich tauben Alten, einem angeblich blinden Waisenjungen und einem rassigen Mädchen, das er insgeheim „Undine" nennt. Aus Neugier stellt er den dreien heimlich nach und droht mit einer Anzeige. „Undine" lockt ihn nachts in ein Boot auf See und versucht, ihn zu töten; nur mit Mühe entkommt er. Das Trio – in Wirklichkeit Schmuggler – verlässt fluchtartig den Ort. Schuldbewusst notiert Petschorin im Tagebuch, er habe die „friedliche Gemeinschaft" von „ehrlichen Schmugglern" zerstört.

Die zweite und längste Erzählung spielt im Kurort Pjatigorsk und im benachbarten Kislowodsk. Hier fühlt Petschorin sich auf Anhieb wohl, die Landschaft bringt ihn zum Schwärmen. Auch trifft er auf seinesgleichen: wohlhabende Russen, die zur Kur angereist sind und ihre Zeit mit Klatsch und gegenseitiger Beobachtung verbringen. Petschorin hält sich abseits – mit der Absicht, bei Gelegenheit umso schärfer zuzuschlagen. Hauptziel wird sein Regimentskamerad Gruschnizkij, dessen affektiertes Werben um die junge Moskauerin Prinzessin Mary ihn abstößt. Spielerisch spannt er ihm Mary aus, ohne selbst zu wissen, ob er sich in sie verliebt hat oder ob er sie nur als Tarnung braucht, um seine frühere Geliebte Vera wiederzusehen, die in Begleitung ihres Gatten ebenfalls angereist ist. Während Petschorin Mary umgarnt, schmiedet Gruschnizkij mit Komplizen einen Plan, ihm einen „Denkzettel" zu verpassen: Ein Schein-Duell soll ihn blamieren. Petschorin belauscht das Komplott zufällig – und macht aus dem inszenierten Duell tödlichen Ernst. Er erschießt Gruschnizkij. Veras Ehe zerbricht, Marys Herz auch. Petschorin wird wegen des Duells in eine entlegene Festung im Kaukasus strafversetzt – eben dorthin, wo später die Geschichte um Bela ihren Lauf nimmt.

Die letzte Erzählung, Der Fatalist, spielt während eines zweiwöchigen Urlaubs aus jener Festung. Offiziere diskutieren, ob es eine Vorherbestimmung des menschlichen Schicksals gibt. Wulitsch, einer der angesehensten unter ihnen, beendet den Streit mit dem Angebot, die Frage durch ein Spiel auf Leben und Tod zu klären. Petschorin geht mit ihm eine Wette ein: Er setzt darauf, dass es keine Vorsehung gibt. Wulitsch will den Beweis durch eine Art russisches Roulette führen. Während Wulitsch sich vorbereitet, glaubt Petschorin in seinem Gesicht Anzeichen seines bevorstehenden Todes zu erkennen. Wulitsch drückt ab – die Pistole versagt. Er hat die Wette gewonnen, Petschorin gibt seine Niederlage zu, irritiert über die eigene Wahrnehmung. Noch vor Tagesanbruch jedoch erreicht ihn die Nachricht: Wulitsch ist auf dem Heimweg einem betrunkenen Kosaken in die Arme gelaufen, der Amok lief, und wurde von ihm erschlagen. „Es wird ihm wohl so bestimmt gewesen sein", schließt Maxim trocken, als Petschorin ihm später davon berichtet.

Stil

Der Roman ist nicht in Kapitel gegliedert, sondern in fünf weitgehend eigenständige Erzählungen mit drei verschiedenen Erzählern. Erzähler ist zunächst der namenlose Ich-Erzähler, ein junger Reiseschriftsteller. Er gibt das Wort an Stabshauptmann Maxim weiter, der die erste Geschichte erzählt. Beide treffen kurz auf Petschorin selbst. Dieser kommt schließlich als dritter Erzähler in seinen eigenen Tagebuch-Aufzeichnungen zu Wort. Der Ich-Erzähler wählt aus diesen Papieren drei Texte aus und gibt sie nach Petschorins Tod heraus, ergänzt durch eine Vorbemerkung. Zur Zweitausgabe von 1841 fügte Lermontow noch ein eigenes Vorwort hinzu, in dem er auf Reaktionen der Erstausgabe antwortet.

Das markanteste Merkmal ist die ungewöhnliche Anordnung der Erzählungen. Sie folgt nicht der Chronologie, sondern einem künstlerischen Plan. Der Roman gilt als Musterbeispiel einer „Sujetkomposition". Lermontow lässt den Leser in drei Schritten an die Psyche seines Helden heran: erst durch eine Geschichte, die ein Dritter erzählt und das Interesse weckt; dann durch die kurze Möglichkeit, Petschorins Äußeres unbeobachtet zu betrachten; und schließlich, indem man durch das Tagebuch seine Innenperspektive einnimmt. Der Leser muss dabei selbst urteilen. So mag er Belas Entführung anders bewerten, wenn er die spätere Pjatigorsker Geschichte schon kennt.

Die fünf Erzählungen unterscheiden sich stark in Länge, Gattung und Ton. Auf das kurze, schauerromantische Stück Taman folgt mit Prinzeß Mary eine fast sechsmal so lange Erzählung, fast ein „Roman im Roman". Sie zeichnet trotz Tagebuchform ein realistisches Bild der russischen Gesellschaft. Schon der Zeitgenosse Wissarion Belinski bemerkte einen Unterschied zu Puschkin: Bei Lermontow könne man einzelne Teile sogar austauschen, ohne dass die „Einheitlichkeit des dichterischen Empfindens" leide. Der Übersetzer Peter Urban hält fest, dass man Puschkins „spielerische Leichtigkeit" und „lächelnde Ironie" bei Lermontow vergebens suche. Dessen „Muse" sei die „des Freiheitsdursts, der hoffnungslosen Einsamkeit, der bitteren Enttäuschung und der Rache".

Rezeption

Der Roman Ein Held unserer Zeit gilt als der erste psychologische Roman der russischen Literatur. Sein Protagonist Petschorin trägt deutliche Züge der Helden Lord Byrons. Gemeinsam mit Puschkins Eugen Onegin wurde er für Generationen russischer Schriftsteller zum Urbild des „überflüssigen Menschen": jenes klugen, gebildeten, aber gleichgültigen jungen Aristokraten, der mit seinen Fähigkeiten nichts anzufangen weiß und an seiner Umwelt scheitert oder sie zerstört. Peter Urban sieht in Lermontows Roman von 1840 das „abrupte Ende der russischen Romantik". Bis heute wird der Roman als ungewöhnlich modern empfunden. Das liegt an seiner Erzählform, die dem Leser viel zumutet, und an einem Helden, der sich keinem einfachen Urteil fügt. Auch im 21. Jahrhundert wird der Stoff weiter aufgegriffen, unter anderem in einer russischen Fernsehserie von Alexander Konstantinowitsch Kott.

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