Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Heinrich Hoffmann
Eingang · Autoren · Heinrich Hoffmann
Porträt Heinrich Hoffmann
Heinrich Hoffmann
1809 – 1894
– Autorenporträt –

Heinrich Hoffmann

1809 – 1894 · 85 Jahre

Der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann leitete jahrzehntelang eine Anstalt für Geisteskranke – bekannt wurde er aber durch den „Struwwelpeter“, ein Kinderbuch, das er 1844 für seinen Sohn selbst reimte und zeichnete.

Kurzbiografie↑

Heinrich Hoffmann wurde 1809 in Frankfurt am Main geboren und starb 1894 in derselben Stadt. Sein Leben lang übte er einen ärztlichen Beruf aus: Von 1851 bis 1888 leitete er die Frankfurter Anstalt für Irre und Epileptische und wird zu den Wegbereitern der Kinder- und Jugendpsychiatrie gezählt. Bekannt wurde er jedoch durch ein Kinderbuch. Zu Weihnachten 1844 reimte und zeichnete er für seinen ältesten Sohn die Geschichten, die später unter dem Titel Der Struwwelpeter erschienen. Daneben veröffentlichte Hoffmann Gedichte, Theaterstücke und Satiren, häufig unter Pseudonymen wie Reimerich Kinderlieb, Peter Struwwel oder Heulalius von Heulenburg. Sich selbst nannte er einen Gelegenheitsversemacher. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt ihn als Autor, der vom Geist der Aufklärung geprägt war, ohne von romantischen Einflüssen frei zu sein.


Biografie↑

Geboren wurde Hoffmann am 13. Juni 1809 in Frankfurt am Main. Sein Vater Philipp Jakob Hoffmann war Architekt und städtischer Bauinspektor, zuständig für Wasser-, Wege- und Brückenbau. Die Mutter Marianne Caroline war eine Tochter des Weinhändlers und Kunstsammlers Heinrich Lausberg. Sie starb, als ihr Sohn noch ein Kleinkind war; die Angaben zu ihrem Todesjahr schwanken zwischen 1809 und 1810. Ab 1812 war Antoinette Lausberg, eine Tante des Jungen, seine Stiefmutter.

Drei Jahre besuchte Hoffmann die Weißfrauenschule seiner Heimatstadt, danach bis 1828 das Städtische Gymnasium. Von 1829 bis 1832 studierte er Medizin an der Universität Heidelberg, ab dem Sommersemester 1832 in Halle. Zu seinen Lehrern gehörten Friedrich Tiedemann, Friedrich Puchelt, Johann Friedrich Meckel und Peter Krukenberg. Bei Krukenberg wurde er 1833 in Halle promoviert. Als Stipendiat ging er anschließend nach Paris, um sich in der Chirurgie weiterzubilden; dort kam er mit Dupuytren und Lisfranc in Berührung. Im August 1834 kehrte er nach Frankfurt zurück.

Nach dem Staatsexamen begann seine berufliche Laufbahn in der Heimatstadt. 1835 beriefen ihn die Behörden zum Arzt am Leichenschauhaus auf dem Sachsenhäuser Friedhof, und er ließ sich in Sachsenhausen als praktischer Arzt und Geburtshelfer nieder. Von 1835 bis 1846 arbeitete er an der Armenklinik in der Meisengasse, einer 1834 von Frankfurter Ärzten eingerichteten Poliklinik für mittellose Kranke in der Stadt und den umliegenden Dörfern; zu den Gründern zählte auch Johann Georg Varrentrapp. Mitte der 1840er Jahre übernahm Hoffmann als Nachfolger von J. H. Mappes den Unterricht in Anatomie am Dr. Senckenbergischen Institut, den er bis 1851 versah. Die Angaben zum Beginn dieser Lehrtätigkeit gehen auseinander und nennen teils 1844, teils 1845.

1851 wurde Hoffmann Direktor der Anstalt für Irre und Epileptische, der städtischen Nervenheilanstalt. Die Zustände dort waren nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie seit dem 17. Jahrhundert kerkerartig geblieben. Hoffmann setzte sich für sinnvolle Beschäftigung der Kranken ein, für vernünftige Ernährung, humane Behandlung, Ordnung und Sauberkeit. Auf sein Betreiben entstand von 1859 bis 1864 ein moderner Neubau auf dem Affensteiner Feld im damals unbebauten nördlichen Westend. Als Architektensohn hatte er an Entwurf und Planung wesentlichen Anteil. Die Neue Deutsche Biographie bezeichnet diese Anstalt als sein großes Verdienst und weist darauf hin, dass sie für weitere Bauten wie das Zürcher Burghölzli vorbildlich wurde. 1870 wurde Hoffmann Sanitätsrat, 1874 Geheimer Sanitätsrat. Am 1. Juli 1888 trat er in den Ruhestand. Seine eigenen Fachbeiträge zur Psychiatrie blieben wenige und beschränkten sich auf Fallberichte.

Auch politisch trat Hoffmann hervor. 1848 gehörte er dem Frankfurter Vorparlament an; in seinem Haushalt beherbergte er den Revolutionär Friedrich Hecker. Er selbst befürwortete eine konstitutionelle Monarchie unter preußischer Führung und zählte zu den Erbkaiserlichen. In seinen satirischen Schriften wandte er sich gegen beide Lager: Handbüchlein für Wühler oder kurzgefaßte Anleitung in wenigen Tagen ein Volksmann zu werden von 1848 zielte auf die radikalen Demokraten, der Heulerspiegel von 1849 auf die Reaktionäre. 1866 sprach er sich für die Annexion der Freien Stadt Frankfurt durch Preußen aus.

Seit 1842 veröffentlichte Hoffmann Gedichte und Theaterstücke, meist unter Pseudonymen. Weltweit bekannt wurde er durch das Kinderbuch, das er zu Weihnachten 1844 für seinen ältesten Sohn schrieb und selbst mit Bildern ausstattete. Es erschien 1845 in der Literarischen Anstalt in Frankfurt, zunächst als Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren und unter dem Pseudonym Reimerich Kinderlieb; ab 1847 trug es den Titel Struwwelpeter. Vermutlich 1858 fertigte Hoffmann eine neue Fassung mit veränderten Bildern an, auf der alle späteren Ausgaben beruhen. 1851 folgte das Weihnachtsmärchen König Nußknacker und der arme Reinhold, dessen Erstausgabe eine eigenhändige Zeichnung des Frankfurter Weihnachtsmarkts zeigte. 1871 erschien Prinz Grünewald und Perlenfein mit ihrem lieben Eselein. Nach seiner Pensionierung schrieb Hoffmann seine Lebenserinnerungen, die erst 1926 herauskamen.

Das gesellige Leben der Stadt prägte er mit. Als Student war er in Heidelberg seit 1830 Mitglied des Corps Alemannia, später dessen Ehrenmitglied. 1836 trat er der Freimaurerloge Zur Einigkeit bei, verließ sie aber nach einigen Jahren, weil sie keine Juden aufnahm. Im Herbst 1840 gründete er die Gesellschaft der Tutti Frutti, einen Verein von Schriftstellern, Künstlern und Gelehrten, deren Mitglieder sich Fruchtnamen zulegten. Hoffmann war die Zwiebel, Philipp Veit der Fenchel, Franz Xaver Schnyder von Wartensee der Tannenzapfen. Die Neue Deutsche Biographie zählt auch Ferdinand Freiligrath, Karl Gutzkow und Moritz von Schwind zu diesem Kreis. 1845 gehörte Hoffmann zu den Gründern eines ärztlichen Vereins und dichtete Weinlieder für Ärzte.

Am 5. März 1840 heiratete Hoffmann Therese Donner, eine Tochter des Frankfurter Hutfabrikanten Christoph Friedrich Donner. Nach ihr nannte man ihn auch Hoffmann-Donner. Das Paar hatte drei Kinder: Carl Philipp, Antonie Caroline und Eduard, der später hoher preußischer Justizbeamter wurde. Am 20. September 1894 starb Hoffmann nach einem Schlaganfall in Frankfurt. Sein Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ist ein Ehrengrab.


Literarische Merkmale↑

Anschaulichkeit war Hoffmanns wichtigstes Mittel. Er schrieb für Kinder von drei bis sechs Jahren und traute dabei weder langen Erklärungen noch feinen Gedanken etwas zu, sondern dem Bild und dem eingängigen Reim. Nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie bieten die drolligen Bilder des Struwwelpeter Lebensphilosophie in satirischer Form, die schon dem kleinen Kind durch Anschauung und Reim verständlich wird. Dass Hoffmann seine Kinderbücher selbst zeichnete, gehört zu diesem Verfahren: Text und Bild stammen aus einer Hand und erzählen dieselbe Geschichte.

Sein Schreiben blieb Nebentätigkeit, und er bekannte sich dazu. Er nannte sich einen Gelegenheitsversemacher, dichtete für gesellige Anlässe und gab Liederbücher für Naturforscher und Ärzte heraus. Viele Arbeiten erschienen unter wechselnden Pseudonymen, deren Klang schon den Spott ankündigt: Reimerich Kinderlieb für die Kinderbücher, Heulalius von Heulenburg für die politische Satire.

Die satirischen Schriften leben von scharfer Übertreibung. Die Komödie Die Mondzügler von 1843 nimmt sich nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie mit aristophanischer Schärfe zahlreiche Erscheinungen der Zeit vor, darunter die Hegelsche Naturphilosophie, das romantische Dichtertum und die Auswanderungswelle. In Der Badeort Salzloch von 1860 führt er die Auswüchse der Bädermedizin und des mondänen Kurlebens mutwillig vor. Die beiden Schriften von 1848 und 1849 zeigen, dass er nach beiden Seiten austeilte.

Über diesen Arbeiten steht eine aufklärerische Haltung. Die Neue Deutsche Biographie sieht den Schriftsteller wie den Arzt vom Geist der Aufklärung geprägt, ohne dass romantische Einflüsse fehlten. Hoffmann belehrt gern, aber er tut es heiter, mit Witz und ohne moralische Feierlichkeit.


Rezeption↑

Weltruhm brachte Hoffmann sein Kinderbuch. Die Neue Deutsche Biographie nennt ihn einen Dichter und Zeichner von Kinderbüchern, der vor allem mit dem Struwwelpeter berühmt wurde. Das Buch setzte sich rasch durch: Aus den Lustigen Geschichten und drolligen Bildern wurde ab 1847 der Struwwelpeter, und die von Hoffmann später überarbeitete Bildfassung liegt allen folgenden Ausgaben zugrunde. Das Urmanuskript wird im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg aufbewahrt.

Als satirischer Gesellschaftskritiker hatte Hoffmann zu Lebzeiten große Erfolge. Die Neue Deutsche Biographie schränkt dieses Urteil allerdings ein und meint, er habe die Höhe eines Defoe oder Swift nicht erreicht. Als Lyriker, Humorist und beliebter Festredner war er in Frankfurt eine bekannte Gestalt und mit vielen Gelehrten, Dichtern, Malern, Bildhauern und Komponisten seiner Zeit verbunden. Seine Lebenserinnerungen erschienen erst lange nach seinem Tod, 1926, herausgegeben von Eduard Hessenberg.

Die Forschung hat sich vor allem am Struwwelpeter abgearbeitet. Marie-Luise Könnecker untersuchte 1977 Entstehung und Funktion des bürgerlichen Bilderbuchs, Anita Eckstaedt legte 1998 eine psychoanalytische Studie vor, Reimar Klein schrieb 2005 über die beschädigte Kinderwelt des Buches. Barbara Smith Chalou fragte 2007 im Titel ihrer Untersuchung, ob das Buch Humor oder Horror sei. Reiner Rühle verzeichnete 1999 die vielen Nachahmungen, die sogenannten Struwwelpetriaden, und Walter Sauer legte 2003 eine Bibliographie der Sekundärliteratur vor. Zum Leben Hoffmanns erschienen unter anderem die Darstellung von Roland Hoede und Thomas Bauer sowie die von Gerhard H. Herzog herausgegebene Zusammenstellung von Texten und Bildern.

In Frankfurt ist Hoffmann bis heute gegenwärtig. Seit 1977 besteht ein ihm und seinem Kinderbuch gewidmetes Museum, das 2019 unter dem Namen Struwwelpeter-Museum in die Neue Frankfurter Altstadt zog. Gedenktafeln an früheren Wohnsitzen erinnern an ihn, und eine Straße in Frankfurt-Niederrad trägt seinen Namen; dort steht heute die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätsklinik. Ausstellungen widmeten sich ihm 2001 in der Schirn Kunsthalle, 2003 in Nürnberg und 2009 zu seinem zweihundertsten Geburtstag. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie vergab seit 1957 eine Dr.-Heinrich-Hoffmann-Medaille; 2022 benannte sie diese in Ehrenmedaille der DGKJP um, unter anderem um sich von der als Abschreckungspädagogik verstandenen „Struwwelpeter-Pädagogik“ zu distanzieren.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (14 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten