1776 – 1822
E. T. A. Hoffmann
Kurzporträt↑
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann wurde 1776 in Königsberg geboren und starb 1822 in Berlin. Er gehört zu den bedeutendsten Erzählern der deutschen Romantik. Sein Leben verlief in einer ungewöhnlichen Doppelspur. Tagsüber war er preußischer Jurist und schließlich Kammergerichtsrat in Berlin, abends und nachts Schriftsteller, Komponist, Musikkritiker und Zeichner. Mit Erzählungen wie Der goldne Topf, Die Elixiere des Teufels, Die Serapionsbrüder und Lebensansichten des Katers Murr prägte er die Erzählkunst zwischen Goethe und Kafka wie kaum ein zweiter. Er wirkte weit über den deutschen Sprachraum hinaus auf die russische, französische und amerikanische Literatur. Seinen dritten Vornamen Wilhelm tauschte er 1804 aus Verehrung für Mozart gegen Amadeus.
Biografie↑
Hoffmann wurde am 24. Januar 1776 in Königsberg geboren. Er war der jüngste Sohn des Hofgerichtsadvokaten Christoph Ludwig Hoffmann und seiner Cousine Lovisa Albertina Doerffer. Schon 1778 trennten sich die Eltern. Der Junge wuchs im Haushalt der Mutter in Königsberg auf, gemeinsam mit der dominanten Großmutter, zwei unverheirateten Tanten und einem als pedantischer Müßiggänger geltenden Onkel. Den Vater kannte er kaum. Eine besondere Rolle spielte die Tante Johanna Sophia. Sie kümmerte sich an Stelle der psychisch labilen Mutter um ihn. 1796 starb die Mutter, ein Jahr später der Vater. In derselben Königsberger Stube lebte zeitweise auch der spätere Dichter Zacharias Werner.
Ab 1782 besuchte Hoffmann die Burgschule. Dort schloss er 1786 mit Theodor Gottlieb Hippel eine lebenslange Freundschaft. 1792 begann er, der Familientradition folgend, das Studium der Rechte an der Albertus-Universität Königsberg. Auf den ebenfalls dort lehrenden Immanuel Kant ließ er sich kaum ein. Nebenbei zeichnete, musizierte und komponierte er und nahm Musikunterricht beim Bach-Anhänger Christian Podbielski. 1795 bestand er das erste juristische Staatsexamen und wurde Auskultator am Königsberger Obergericht. In dieser Zeit verliebte er sich unglücklich in seine Schülerin Dora Hatt, eine neun Jahre ältere, verheiratete Frau und Mutter mehrerer Kinder. Nach einem öffentlichen Streit mit ihrem Mann ließ er sich 1796 an die Oberamtsregierung in Glogau versetzen. Dort verlobte er sich 1798 mit seiner Cousine Wilhelmine „Minna" Doerffer.
1798 bestand er das zweite Examen mit der Note „vorzüglich" und ging an das Berliner Kammergericht. In Berlin nahm er Kompositionsunterricht bei Johann Friedrich Reichardt und lernte Jean Paul kennen. 1800 legte er ebenfalls mit „vorzüglich" das Assessorexamen ab. Anschließend wurde er nach Posen versetzt. Dort begann er stark zu trinken, eine Gewohnheit, die er bis ans Lebensende beibehielt. Sein Biograph Wilhelm Ettelt notierte: „selten trank er zu viel und niemals so viel, dass es ihm die Sinne raubte". In Posen lernte er Marianne Thekla Michalina Rorer kennen. 1802 löste er die Verlobung mit der Cousine und heiratete „Mischa" im Juli 1802. Im selben Jahr verteilte er mit Freunden auf einem Karnevalsball Karikaturen hochrangiger preußischer Beamter und Offiziere. Die Täter wurden zwar nicht gefasst, doch als Sanktion folgte die Versetzung in das kleine Plock. 1804 erhielt er die Versetzung nach Warschau. Dort erwarb er sich als Musiker einen Ruf und begründete die „Musikalische Gesellschaft" mit. Auf der Partitur der Lustigen Musikanten nach einem Libretto von Clemens Brentano erscheint 1804 erstmals der Name „E. T. A. Hoffmann". Den dritten Vornamen änderte er, wie die Deutsche Biographie festhält, aus Verehrung für Mozart von Wilhelm in Amadeus. Beim Einmarsch der Franzosen 1806 wählte er die Abreise statt des Eides auf Napoleon.
Hoffmann entschied sich, Künstler zu werden. In Berlin fand er zunächst keinen Anschluss und war 1808 finanziell am Ende. Hippel half mit Geld aus. Im September 1808 trat er in Bamberg die Stelle als Kapellmeister an. Er scheiterte aber bald und verlor die Position. Ab 1810 arbeitete er am Bamberger Theater als Direktionsgehilfe, Dramaturg und Dekorationsmaler. Seit 1809 schrieb er Musikkritiken für die Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung und schuf darin die Figur des Kapellmeisters Johannes Kreisler, sein literarisches Alter Ego. In Bamberg verliebte er sich heftig in seine Gesangsschülerin Julia Mark. Deren Mutter verheiratete die junge Frau eilig anderweitig. 1813 nahm Hoffmann die Stelle des Musikdirektors bei der Operngesellschaft Joseph Secondas in Dresden und Leipzig an. Schon 1814 brach er mit ihr.
Nach dem Sieg über Napoleon kehrte er in den preußischen Staatsdienst zurück und trat ans Berliner Kammergericht ein, zunächst ohne feste Besoldung. Mit den Fantasiestücken in Callot's Manier (1814/15) und dem darin enthaltenen Märchen Der goldne Topf gelang ihm der literarische Durchbruch. Es folgten Die Elixiere des Teufels, die Nachtstücke und 1816 die Uraufführung seiner Oper Undine am Berliner Nationaltheater. 1816 wurde er zum Kammergerichtsrat mit festem Gehalt ernannt. Bewerbungen um Kapellmeisterstellen blieben jedoch erfolglos. Es entstanden Die Serapionsbrüder, Klein Zaches genannt Zinnober und Lebensansichten des Katers Murr. Zu seinen Freunden zählten Fouqué, Chamisso, Brentano, Contessa und der Schauspieler Ludwig Devrient. Mit Devrient verbrachte er bei Lutter & Wegner die Abende.
Als Mitglied der „Immediat-Untersuchungskommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen" stand Hoffmann zwischen den Fronten der Restauration. Er teilte die Ansichten der Burschenschafter und Turner nicht. Pflichtbewusst hielt er aber fest, dass Gesinnung allein keine strafbare Handlung sei, und urteilte häufig, dass die Haftgründe nicht ausreichten – auch im Fall des „Turnvaters" Jahn. Den Polizeidirektor Karl Albert von Kamptz verspottete er in der Figur des Knarrpanti in Meister Floh. Das Manuskript wurde 1822 beschlagnahmt, die strittigen Passagen erst 1908 veröffentlicht. Ab 1818 verschlechterte sich Hoffmanns Gesundheit. An seinem Geburtstag 1822 setzte eine fortschreitende Lähmung an Füßen und Beinen ein, die rasch auf Arme, Stimme und Atmung übergriff. Als Ursache wurden Syphilis, amyotrophe Lateralsklerose und eine Geschwulst diskutiert. Innenminister Schuckmann betrieb gleichzeitig ein Disziplinarverfahren und nannte ihn einen „pflichtvergessenen, höchst unzuverlässigen und selbst gefährlichen Staatsbeamten". Hippel erwirkte Aufschub. Hoffmann diktierte seine Verteidigungsschriften und einige letzte Erzählungen, darunter Des Vetters Eckfenster. Er starb am 25. Juni 1822 in seiner Wohnung in der Berliner Taubenstraße 31 an einer Atemlähmung.
Literarische Merkmale↑
Hoffmanns Erzählen lebt vom Hin- und Herpendeln zwischen einer scheinbar nüchternen Alltagswelt und einer zweiten, wunderbaren und oft bedrohlichen Wirklichkeit. Er gilt als der erste Romantiker, der die „Nachtseite" der menschlichen Existenz in voller Schärfe ausleuchtet. Wahnsinnige, Doppelgänger, Geistererscheinungen, besessene Künstler und sprechende Tiere bevölkern seine Erzählungen. Anregungen fand er in den Gespenstergeschichten des 18. Jahrhunderts, in der englischen Schauerliteratur (besonders in The Monk von Matthew Gregory Lewis), in den frühromantischen Märchen und in den naturphilosophischen Schriften Gotthilf Heinrich Schuberts wie den Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaften und der Symbolik des Traumes.
Diese Phantastik ruht auf einem ungewöhnlich breiten Fundament an Sachwissen. Durch die Freundschaft mit den Bamberger Ärzten Adalbert Friedrich Marcus und Friedrich Speyer sowie die Lektüre der psychiatrischen Werke von Johann Christian Reil, Joseph Mason Cox und Philippe Pinel verfügte Hoffmann über genaue Kenntnisse der zeitgenössischen Medizin und Seelenheilkunde. Daneben verarbeitete er die Faszination des 18. Jahrhunderts für Geheimbünde wie Rosenkreuzer und Illuminaten. Der „Geheimbundroman", in dem ein junger Held einer dunklen Macht ausgeliefert ist, kehrt bei ihm immer wieder, etwa in den Serapionsbrüdern.
Charakteristisch ist die enge Verschränkung der Künste. Hoffmann war zugleich Musiker, Komponist und Musikkritiker. Seine Erfindung des Kapellmeisters Johannes Kreisler ist eine künstlerische Selbstdeutung, die in den Kreisleriana, im Goldnen Topf und im Kater Murr wiederkehrt. Sein Werk denkt Literatur und Musik zusammen und wirkte über die Musikkritik prägend auf die romantische Musikästhetik. Robert Schumann nahm dies in der Kreisleriana auf.
Die Deutsche Biographie hebt hervor, dass Hoffmann in seinem Selbstverständnis keineswegs der weltflüchtige Phantast war, als der er häufig gelesen wurde. Er forderte vielmehr eine „Integration der Teile zu einem Ganzen": juristisches Amt, naturwissenschaftliches Interesse und Kunstpraxis als ein zusammenhängendes Werk. Formal trieb er das Erzählen weit voran. Der Roman Lebensansichten des Katers Murr verschränkt zwei Texte ineinander, die Biographie des schreibenden Katers und die fragmentarische Lebensgeschichte des Kapellmeisters Kreisler. Damit nimmt er Formprobleme vorweg, die erst im 20. Jahrhundert zur Krise des Erzählens führten.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten und stärker noch danach formte sich um Hoffmann eine Legende. Er galt als der „Gespenster-Hoffmann", als Geisterseher und exzentrischer Künstler. Sein ausschweifender Lebenswandel und seine Figuren – Wahnsinnige, Doppelgänger, Träumer, Renegaten – machten ihn zum „unheimlichsten und groteskesten aller Romantiker", wie die Deutsche Biographie festhält. Jacques Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen verfestigte dieses Bild. Auch die um die Jahrhundertwende einsetzende Forschung änderte daran zunächst wenig. Sie wertete weite Teile des Werkes ab, etwa die Almanach-Erzählungen. Den Kater Murr zerlegte sie in seine Bestandteile, weil ihr die ineinander geschobene Katerbiographie und die Kreisler-Erzählung als „unorganisch" erschienen. Die juristische Arbeit, die medizinisch-naturwissenschaftlichen Studien und das künstlerische Werk wurden meist getrennt betrachtet. Bereits 1819 hatte ein Jurist namens von Trützschler an Hoffmann das „Vorurtheil, daß ein genialer Schriftsteller für ernste Geschäfte nicht tauge", widerlegt gesehen.
Seine Wirkung auf andere Literaturen ist nach Einschätzung der Deutschen Biographie „kaum zu überschätzen". In Frankreich rezipierten ihn unter anderem Baudelaire und Dumas. Bereits 1827 schrieb Walter Scott einen einflussreichen Essay über das Übernatürliche bei Hoffmann, und Theophile Gautier widmete ihm 1836 die Contes de Hoffmann. Seine Spuren reichen zu Edgar Allan Poe, zu Dostojewskij, Heinrich Heine, Karl Immermann, Richard Wagner, Hugo von Hofmannsthal und Thomas Mann. Für die Kriminalerzählung und die aus ihr hervorgehenden Gattungen gilt seine Bedeutung als unbestritten. Ebenso gilt das für die moderne Prosa, die autobiographische Formen der Aufzeichnung, der Niederschrift und des Berichts aufnimmt. In der DDR setzte sich Franz Fühmann nachdrücklich für ihn ein, mit einer Akademierede zum 200. Geburtstag 1976, einem Rundfunkvortrag und einem Nachwort zu Klein Zaches. Eine umfangreiche Forschungsliteratur widmet sich seiner Wirkung in Frankreich (Hübener, Klein), in Italien (Götting), auf Poe (Schmidt) und auf die Musik des 19. bis 21. Jahrhunderts (Müller). Zum Hoffmann-Jahr 2022 zeigten die Staatsbibliothek Berlin, das Deutsche Romantik-Museum und die Staatsbibliothek Bamberg eine gemeinsame Ausstellung.
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