1814
Don Juan
Überblick↑
Die romantische Künstlernovelle Don Juan von E. T. A. Hoffmann erschien zuerst am 31. März 1813 in der Allgemeinen musikalischen Zeitung in Leipzig. Im Jahr darauf wurde sie in den ersten Band der Fantasiestücke in Callot's Manier aufgenommen. In wenigen Stunden eines durchwachten Nachtbesuchs verwebt Hoffmann zwei Stränge zu einer der berühmtesten Erzählungen der deutschen Romantik: eine Aufführung von Mozarts Don Giovanni und die schwärmerische Verehrung einer jungen Sängerin. Mit dem Text soll Hoffmann der jungen Sängerin Elisabeth Röckel seine Reverenz erwiesen haben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein reisender Enthusiast steigt in einem Gasthof ab. Er entdeckt, dass eine unauffällige Tapetentür in seinem Zimmer unmittelbar in die Fremdenloge Nr. 23 eines Provinztheaters führt. Unten beginnt gerade die Aufführung von Mozarts Don Giovanni. Allein in der Loge gibt sich der Erzähler ganz dem Werk hin. Er erlebt es als vollkommenes Meisterwerk und möchte es mit allen Empfindungsfasern in sein Inneres aufnehmen.
Mitten in diese Verzückung hinein meint er, jemand schlüpfe leise zu ihm herein. Hinter ihm steht im Kostüm die Sängerin der Donna Anna. Sie spricht ihn im reinsten Toskanisch und beim Vornamen an, als kenne sie ihn seit langem. Nach der Vorstellung flieht der Enthusiast vor dem leeren Gerede der Gäste an der Wirtstafel in sein Zimmer zurück. In tiefer Nacht zieht es ihn noch einmal in die Fremdenloge, hinaus auf die verlassene Bühne. Er ruft ihr den Namen der Sängerin entgegen – und ein wunderbarer Ton zittert herauf.
Die Handlung im Detail↑
Der Kellner macht den reisenden Enthusiasten in seinem Hotelzimmer auf eine Tapetentür aufmerksam, durch die man unmittelbar in die Fremdenloge Nr. 23 des angrenzenden Theaters gelangt. Unten wird der Don Juan „von dem berühmten Herrn Mozart aus Wien" gegeben. Glücklich und allein in der Loge versinkt der Erzähler ganz in die poetische Welt, die ihm die Oper eröffnet, und will sich aus dem herrlichen Moment der poetisch-musikalischen Exaltation nicht herausreißen lassen. Da scheint jemand leise hereinzuschlüpfen: Donna Anna steht in ihrem Bühnenkostüm hinter ihm. Sie spricht ihn im reinsten Toskanisch an, duzt ihn und nennt ihn beim Vornamen; seit sie in seiner neuesten Oper eine Rolle übernommen habe, kenne sie sein Innerstes. In einem Gespräch gibt sie ihm Einblick in ihr Wesen und bekennt, ihr ganzes Leben sei Musik, und oft glaube sie, manches im Innern geheimnisvoll Verschlossene, was keine Worte aussprächen, singend zu begreifen.
Nach der Vorstellung hält der Enthusiast das Gewäsch an der Wirtstafel nicht aus und zieht sich auf sein Zimmer zurück. In tiefer Nacht betritt er ein zweites Mal über die Tapetentür die Fremdenloge und ruft hinab auf die leere Bühne den Namen „Donna Anna!". Ein wunderbarer Ton zittert herauf, und die Sängerin erscheint ihm ein zweites Mal. Was sie ihm anvertraut, lässt ahnen, dass alles, was ihr durch Don Juan widerfahren ist, sie das Jahr nicht überstehen lassen wird. Als es zwei Uhr schlägt, glaubt der Erzähler ihre Stimme zu hören und meint, ein Hauch ihres Parfüms streiche durch die Loge; es ist, als spiele ein luftiges Orchester auf, und als ob Donna Annas Stimme erklänge.
Am darauffolgenden Mittag wird das Gerede der Gäste an der Wirtstafel von einer lapidaren Nachricht unterbrochen: Jene Signora, die die Donna Anna gesungen habe, sei Punkt zwei Uhr nachts gestorben.
Stil↑
Hoffmann lässt seinen Ich-Erzähler, den reisenden Enthusiasten, abwechselnd auf zwei Ebenen leben. Die alltägliche Ebene besteht aus Hotelzimmer und Wirtstafel mit dem ungeliebten Geschwätz der Gäste. Sie ist nur Kontrastmittel für die dominierende phantastische Ebene. Diese ist in der Fremdenloge Nr. 23 eines Provinztheaters im deutschsprachigen Raum lokalisierbar. Dort konzentriert der Enthusiast während und nach der Aufführung von Mozarts Don Giovanni seine ganze Vorstellungskraft auf die italienische Darstellerin der Donna Anna. Im Phantastischen scheinen die Gesetze der Logik aufgehoben: Wie kann Donna Anna sonst zugleich auf der Bühne und in der Loge sein?
Die Erzählung umspannt weniger als einen Tag. Sie ist als Brief des Enthusiasten an seinen Freund Theodor gestaltet, dem er die „fabelhafte Begebenheit" mitteilt. Sprache und Aufbau halten beides zugleich aufrecht: die nüchterne Beobachtung eines Reisenden und den überschwänglichen Ton einer Künstler-Vision, in der Musik, Liebe und Tod ineinanderfließen.
Rezeption↑
Schon nach dem Erscheinen lobten Wetzel und Rochlitz die Erzählung. Musikkritiker erinnerten in der Folgezeit immer wieder an Hoffmanns poetischen Versuch einer Donna-Anna-Deutung. Ludwig Rellstab tat es 1827 im Zusammenhang mit Besprechungen von Don-Giovanni-Aufführungen. Steinecke verweist auf eine Begebenheit aus Hoffmanns Posener Zeit, in der die Sängerin der Donna Anna nach der ersten Aufführung gestorben sein soll. Daneben nennt er Hoffmanns zwei Jahrzehnte jüngere Bamberger Gesangsschülerin Julia Mark als mögliches Vorbild der Protagonistin.
Kaum ein Text Hoffmanns ist unter so disparaten Aspekten gedeutet worden. Werner sieht ein religiös-romantisches Weltbild am Werk. Wer sich im Irdischen verliert, verkümmere als Philister oder verfalle wie Don Juan dem Bösen. Wahres menschliches Wirken müsse sich auf die erahnte übersinnliche Welt beziehen. Zugleich wird die Frage gestellt, ob nicht eine ganz nüchterne Erklärung genügt: dass die Sängerin in einer Spielpause schlicht den ihr bekannten Komponisten in seiner Loge aufgesucht habe, oder dass der erschöpfte Enthusiast den nochmaligen Besuch geträumt habe.
Von Matt rühmt Hoffmanns Sendungsbewusstsein und zitiert den berühmten Satz: „Nur der Dichter versteht den Dichter; nur ein romantisches Gemüt kann eingehen in das Romantische; nur der poetisch exaltierte Geist, der mitten im Tempel die Weihe empfing, das verstehen, was der Geweihte in der Begeisterung ausspricht." Steinecke nennt ihn einen der Kernsätze der romantischen Ästhetik. Manche Interpreten haben ihn so verstanden, dass nur der Dichter Hoffmann den Künstler Mozart begreifen könne – wobei Hoffmann den Don Giovanni ganz nach eigenem Gutdünken gedeutet habe. Safranski liest die Erzählung als Geschichte einer Inversion. Der schöne Körper der Signora sei ihr Unglück, deshalb suche sie das Glück in der Musik. Nur ein Hässlicher, der Enthusiast, könne die Bühnenflüchtige verstehen. Kaiser deutet ihren „zauberischen Wahnsinn ewig sehnender Liebe" als Todesursache. Schulz sieht in der Erzählung eine Umschrift der Oper Mozarts zu einer Künstlernovelle, in der zugleich etwas von der sexuellen Befindlichkeit ihres Verfassers ablesbar sei. Weitere Studien stammen von Dobat, Hartmut Kaiser, Jérôme Prieur, Johanna Patzelt, David E. Wellbery, Wolfgang Wittkowski und Albert Meier.
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