1819
Don Juan
Überblick↑
Mit Don Juan hat George Gordon Byron eines der eigenwilligsten Versepen der europäischen Literatur geschaffen. Der englische Dichter greift den alten Stoff vom Frauenverführer auf und stellt ihn auf den Kopf. Sein Juan ist kein kalter, unersättlicher Eroberer wie bei Tirso de Molina, Molière oder Mozart. Er ist ein junger Mann, der den Frauen eher in die Arme fällt, als sie zu jagen. Das Werk umfasst sechzehn vollendete und einen unvollendet gebliebenen Gesang. Byron arbeitete bis kurz vor seinem Tod 1824 daran. Er selbst nannte es ein satirisches Epos. Das Gedicht hat über sechzehntausend Verse, eine respektlos kommentierende Erzählerstimme und ein ständiges Spiel mit den Regeln der hohen Gattung. Es gilt bis heute als Höhepunkt der englischen Romantik und als eines der einflussreichsten Langgedichte der Weltliteratur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Geschichte beginnt nicht, wie der alte Mythos es will, mit einem alternden Frauenhelden. Sie beginnt mit der Geburt des Helden in Sevilla. Juan wächst als Sohn des zerstrittenen Paares Don José und Donna Inez auf. Er wird streng erzogen und von der Mutter beinahe schon zum Philosophen bestimmt. Mit sechzehn Jahren gerät er in eine Liebesgeschichte mit Donna Julia, einer jungen Freundin des Hauses. Julia ist mit dem deutlich älteren Don Alfonso verheiratet. Als die Affäre auffliegt, muss Juan überstürzt seine Heimat verlassen.
Von Cádiz aus soll ihn ein Schiff nach Italien und Frankreich bringen, doch das Meer hat andere Pläne. Es folgen Sturm, Schiffbruch und das Treiben in einem überfüllten Rettungsboot. Schließlich wird Juan an einer Insel der Kykladen angespült. Dort findet ihn Haidée, die Tochter eines reichen Piraten. Sie pflegt ihn, und er verliebt sich in sie. Von hier aus führt der Weg ihn in einen Sultanspalast in Konstantinopel, in das russische Heer, an den Hof Katharinas der Großen und schließlich nach England. Dort gerät er in die Kreise der britischen Aristokratie. Das Geschehen bleibt offen, weil Byron das siebzehnte Buch nicht mehr vollenden konnte.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Gesang erzählt von Juans Herkunft und Erziehung in Sevilla. Sein Vater Don José und seine Mutter Donna Inez streiten unaufhörlich; Inez denkt an Scheidung, José zieht den Tod vor. Juan wächst behütet auf, und Inez ist mit Donna Julia befreundet, die den Jungen seit seiner Kindheit kennt. Julia ist mit dem etwa fünfzigjährigen Don Alfonso verheiratet, Juan ist sechzehn, sie ist dreiundzwanzig. Die beiden verlieben sich. Monate später überfällt Alfonso das Schlafzimmer seiner Frau mit einer Gruppe von Helfern. Juan, der sich zunächst im Bett versteckt hat, wird entdeckt, als ein Männerstiefel im Zimmer auftaucht. Es kommt zum Handgemenge, Juan flieht nackt in die Nacht. Julia wird in ein Kloster geschickt und schreibt Juan einen Abschiedsbrief. Damit Juan dem Skandal entgeht, schicken ihn die Seinen auf eine Reise durch die Welt.
Im zweiten Gesang verlässt Juan Cádiz mit Dienern und seinem Tutor Pedrillo. Ein Sturm lässt das Schiff sinken. Etwa zweihundert Menschen ertrinken, der Rest drängt sich in ein Rettungsboot. Bald gehen die Vorräte zur Neige. Die Überlebenden ziehen Lose, geschrieben auf Streifen von Julias Brief; das Los trifft Pedrillo, den sie töten und essen. Wer von ihm isst und Salzwasser trinkt, wird wahnsinnig und stirbt. Juan überlebt als Einziger und wird an einer Insel der Kykladen angespült. Dort findet ihn Haidée, die siebzehnjährige Tochter des reichen Piraten Lambro, gemeinsam mit ihrer Dienerin Zoe. Sie pflegen ihn in einer Höhle nahe dem Strand. Haidée und Juan verlieben sich, obwohl keiner die Sprache des anderen versteht. Lambro gilt als verschollen, vielleicht tot.
Im dritten Gesang kehrt der totgeglaubte Vater zurück – eine satirische Anspielung auf die Heimkehr des Odysseus. Auf der Insel feiern Haidée und Juan mit Festmahl, Tanz, Kindern, Musikern und einem Hofdichter, der das berühmt gewordene Lied Die Inseln Griechenlands anstimmt, ein Aufruf zur Befreiung Griechenlands von der osmanischen Herrschaft. Im vierten Gesang träumt Haidée einen bösen Traum: Juans Gesicht verwandelt sich in das ihres Vaters. Beim Erwachen steht Lambro tatsächlich vor ihnen. Juan greift zum Schwert, doch auf einen Pfiff hin stürmen Lambros Männer herein, schlagen ihn nieder und tragen ihn blutüberströmt fort. Haidée erleidet einen Schlag, fällt in Starre, spricht mit niemandem mehr und stirbt nach zwölf Tagen, mit ihr ein ungeborenes Kind Juans.
Juan erwacht auf hoher See: Er soll in Konstantinopel als Sklave verkauft werden. Im Laderaum trifft er auf eine Truppe von Schauspielern und Musikern, die ihr eigener Unternehmer als Sklaven verschachert hat. In Konstantinopel kauft ihn die Sultanin Gulbeyaz, um ihn als Liebhaber zu halten. Der Haremseunuch Baba verkleidet Juan als Frau und schmuggelt ihn durch die Gemächer des riesigen Palastes, wo er eine Nacht unter mehr als tausend Frauen verbringen muss, ohne dass sie merken, dass ein Mann unter ihnen ist.
Später schließt sich Juan dem russischen Heer an und tut sich aus: Bei einer Schlacht rettet er ein muslimisches Mädchen namens Leila. Diese Heldentat öffnet ihm die Tür zum Hof Katharinas der Großen, die den jungen Mann in ihre Nähe holt. Das russische Klima setzt ihm zu, er erkrankt, und so wird er nach England geschickt. Dort findet er für Leila jemanden, der sich um das Kind kümmert, und gerät selbst in die Welt der britischen Aristokratie. Es folgen Abenteuer in der vornehmen Gesellschaft und eine seltsame Begegnung mit dem Gespenst eines schwarzen Mönches. Mitten in dieser englischen Episode bricht das Werk im siebzehnten Gesang ab – Byron starb 1824, bevor er es fortführen konnte. Ein durchgehender Plan für die weiteren Gesänge existierte nicht; in Briefen meinte er nur, an Stoff fehle es ihm nicht.
Stil↑
Das Werk Don Juan ist eine ironische Umkehrung des klassischen Heldengedichts, im Englischen mock epic genannt. Byron behält die hohe Form bei: siebzehn Gesänge unterschiedlicher Länge, geschrieben in der italienischen Stanze, der ottava rima, in fünfhebigen Jamben. Zugleich untergräbt er sie durch Witz, Spott und ständige Abschweifungen. Über zweitausend Strophen mit mehr als sechzehntausend Versen kommen so zusammen.
Eigentlich gibt es zwei Hauptfiguren. Die eine ist der junge Juan, der wenig selbst tut und vor allem von den Umständen herumgeworfen wird. Die andere ist der Erzähler, der die eigentliche Stimme des Werks ist. Dieser Erzähler unterbricht die Handlung an jeder Ecke. Er spöttelt, philosophiert, greift literarische Gegner an, zieht Freunde auf und räsoniert über Gott und die Welt. Die spöttische Widmung an den Hofdichter Robert Southey und die wiederholten Hiebe gegen die sogenannten Lake Poets gehören zu den bekannten Beispielen. Auch die englische „Blue Stocking Society", ein Kreis literarisch interessierter Frauen, bekommt ihren Teil ab.
Schon der Einstieg bricht mit der Tradition. Statt mitten in die Handlung zu springen, wie es die antike Regel verlangt, beginnt Byron mit der Geburt des Helden. Stoff und Ton wechseln rasch zwischen komischer Liebesszene, blutigem Schiffbruch, exotischem Hofzauber und derber Pointe. Als sein Verleger John Murray sich an einem besonders niederen Bild stieß, antwortete Byron mit einem Bild: Ein vollkommen reines Gedicht zu wollen sei, als wünschte man sich eine Nacht aus lauter Sternen ohne Dunkelheit. Diese Mischung aus hoher Form und freier, oft frecher Rede macht den eigentümlichen Klang des Werks aus.
Rezeption↑
Als die ersten beiden Gesänge 1819 anonym erschienen, geriet das Gedicht sogleich in den Verdacht, „unmoralisch" zu sein. Streng genommen tut der junge Juan selbst wenig Anstößiges. Die heiklen Stellen finden sich eher in den historischen Anspielungen, mit denen der Erzähler seine Abschweifungen würzt. Den großen Erfolg beim Publikum hinderte die Empörung nicht. Don Juan wurde rasch außerordentlich populär. Auch der weitere Druckverlauf war von Zögern und Widerstand begleitet. John Murray, Byrons langjähriger Verleger, lehnte die späteren Gesänge ab. Byron vertraute sie schließlich John Hunt an, der sie zwischen 1823 und 1824 in mehreren Lieferungen herausbrachte.
Bis heute gilt das Werk als vielgelesen, hochgeschätzt und einflussreich. Im portugiesischen Sprachraum erschien die erste vollständige Übersetzung erst 2020, besorgt von Lucas Zaparolli de Agustini. Er bildete die mehr als sechzehntausend Verse in der Strophenform des Originals nach. Auch in andere Künste ist der Stoff übergegangen. 1926 verfilmte Alan Crosland Don Juan für die Leinwand. Und Szenen aus dem Gedicht haben Maler zu eigenen Bildern angeregt, etwa der schlafende Juan im Schoß Haidées oder die Rettung nach dem Schiffbruch.
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