1812
Childe Harold’s Pilgrimage
Überblick↑
Childe Harold's Pilgrimage ist eines der berühmtesten Werke des britischen Dichters Lord Byron. Das Versepos erschien zwischen 1812 und 1818 in vier Gesängen. Schon der erste Teil machte den jungen Autor über Nacht europaweit berühmt und prägte das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Der Titel greift das mittelalterliche Wort "childe" auf, mit dem ein junger Anwärter auf den Ritterstand bezeichnet wurde – eine Art Schildknappe.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird die Reise eines jungen Mannes, der seines Luxuslebens überdrüssig geworden ist und in der Fremde nach neuen Eindrücken sucht. Childe Harold zieht durch Portugal und Spanien, kommt nach Malta und weiter ins Osmanische Reich, bis nach Athen zum Parthenon. Unterwegs begegnet er fremden Landschaften, Völkern und Kulturen, die ihn zugleich faszinieren und in seiner Schwermut bestärken.
Hinter dem Reisenden steht spürbar Byron selbst: Die Stationen entsprechen seinen eigenen Reisen zwischen 1809 und 1811. So liest sich das Werk zugleich als Bildungsfahrt, als Stimmungsbild Europas nach den napoleonischen Kriegen und als Selbstporträt eines jungen, melancholischen Dichters.
Die Handlung im Detail↑
Childe Harold, ein junger Mann aus wohlhabendem Haus, ist seines Luxuslebens müde geworden. Aus Enttäuschung sucht er Zerstreuung in der Fremde. Seine Reise führt ihn zunächst über Portugal und Spanien, dann nach Malta und schließlich ins Osmanische Reich, bis er Athen erreicht und vor dem Parthenon steht – in jenem Zentrum der antiken Zivilisation, das Byron selbst auf seinen Reisen zwischen 1809 und 1811 aufgesucht hatte.
Die ersten beiden Gesänge folgen ziemlich genau den Stationen dieser Reise. Childe Harold bleibt dabei zunächst eine Kunstfigur, durch deren Augen der Leser die fremden Länder sieht. In den späteren Gesängen verändert sich die Erzählhaltung. Der Autor selbst tritt immer deutlicher hervor, und die Trennung zwischen dem Helden Harold und dem Dichter Byron verschwimmt. Im Vorwort zum dritten Buch schreibt Byron offen, sein Held sei nur eine Ausprägung seiner selbst. Childe Harold wird damit zum Sprachrohr für Byrons eigene Überzeugungen, politischen Ansichten und Stimmungen.
Das Werk ist weniger eine Handlung im engeren Sinn als eine lange, von Reflexionen durchzogene Reise. Es bringt die Schwermut und Enttäuschung zum Ausdruck, die eine ganze Generation empfand, die der Revolution und der napoleonischen Kriege überdrüssig geworden war.
Stil↑
Childe Harold's Pilgrimage ist ein Versepos in vier Gesängen, die Byron "Canti" nennt. Geschrieben sind sie in der sogenannten Spenserstrophe: acht jambische Fünfheber, gefolgt von einem zwölfsilbigen jambischen Alexandriner, mit dem Reimschema ababbcbcc. Diese strenge, klangvolle Strophe gibt dem Werk seinen feierlichen, getragenen Ton.
Auffallend ist der stark autobiografische Zug. Was als Reiseerzählung eines erfundenen Helden beginnt, wird im Lauf der Gesänge immer offener zum Selbstgespräch des Dichters. In den späteren Teilen tritt Byron selbst an die Stelle seiner Figur. Beschreibungen fremder Landschaften und Städte wechseln mit ausgedehnten Betrachtungen über Geschichte, Politik und das eigene Innenleben.
Rezeption↑
Die Veröffentlichung des ersten Gesangs 1812 war eine Sensation. "Eines Morgens wachte ich auf und war berühmt", soll Byron gesagt haben. Besonders die Frauen der Londoner Gesellschaft waren fasziniert von der Gestalt Harolds, von seinen düsteren Vorahnungen und seinen angedeuteten "unbeschreiblichen Lastern". Byron wurde rasch zum Liebling der einflussreichen Aristokratinnen seiner Zeit.
Die größte Nachwirkung des Werks liegt in einer Figur, die hier zum ersten Mal Gestalt annimmt: der "Byronic Hero". Dieser Antiheld und Außenseiter, der die eigene Persönlichkeit über die Welt stellt, wurde zum literarischen Urbild und prägte Dichter und Romanciers in ganz Europa weit über das 19. Jahrhundert hinaus.
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