1945
Christus kam nur bis Eboli
Überblick↑
Der Roman Christus kam nur bis Eboli von Carlo Levi ist ein autobiografisches Buch, das 1945 erschien. Levi verarbeitet darin die Zeit seiner Verbannung in den Jahren 1935 und 1936. Er wurde in abgelegene Dörfer der süditalienischen Region Lucania geschickt, die von 1932 bis 1947 den offiziellen Namen der heutigen Basilicata trug. Aus den Monaten in Grassano und vor allem in Aliano, das er im Buch Gagliano nennt, entsteht das eindringliche Bild einer vergessenen Bauernwelt. Der Titel stammt aus dem Mund der Einwohner selbst: Sie sagen, Christus – und das heißt in ihrer Sprache: der Mensch – sei nur bis Eboli gekommen und niemals bis zu ihnen vorgedrungen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein politischer Gegner des Regimes wird zur Strafe in ein entlegenes Dorf im Süden Italiens verbannt. Sein Bewegungsraum ist streng festgelegt, seine Ausgehzeiten sind vorgeschrieben, seine Briefe werden zensiert. So kommt der Fremde aus dem Norden in eine Welt, die ihm anfangs völlig verschlossen erscheint.
Nach und nach lernt der Erzähler die Menschen des Ortes kennen: die einfachen Bauern, die sich selbst kaum noch als Menschen empfinden, und die Honoratioren des Dorfes, die ihn in ihre alten Streitereien hineinziehen wollen und von denen er zugleich abhängig ist. Er begegnet einer Landschaft voller Armut, Krankheit und Aberglauben, in der die Malaria allgegenwärtig ist und in der die Zeit stillzustehen scheint.
Das Buch erzählt, wie sich dem Verbannten die verborgene Ordnung dieser Welt allmählich erschließt. Es beschreibt seine Beobachtungen, seine Einsamkeit und seine wachsende Anteilnahme an den Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. Wer die Seiten aufschlägt, betritt einen Landstrich, den der offizielle Staat vergessen zu haben scheint.
Die Handlung im Detail↑
Carlo Levi schildert die Monate seiner Verbannung, die ihn zunächst nach Grassano und dann nach Aliano führen, das er im Buch mit dem erfundenen Namen Gagliano bezeichnet. Der Ort ist ein Sinnbild der Rückständigkeit: Wer sich etwas zutraut, verlässt das Dorf, um anderswo aus seinem Leben etwas zu machen. Zurück bleiben die, die sich aufgegeben haben. „Wir sind keine Christen“, sagen sie, „Christus ist nur bis Eboli gekommen.“ Christ bedeutet in ihrer Ausdrucksweise so viel wie Mensch. Sie fühlen sich nicht als Menschen, sondern als Tiere, weil sie sich einer fernen Welt jenseits ihres Horizonts unterwerfen müssen.
Ein Bild fasst diesen Gegensatz besonders scharf: Mitten auf einem kleinen Platz steht ein fast haushohes, überdachtes Pissoir aus Stahlbeton für vier Personen, gebaut in der Art, wie man sie zuvor in den Großstädten errichtet hatte. Doch genutzt wird es nur von Schweinen zum Trinken und von Kindern zum Spielen. An der Wand steht die Inschrift einer Turiner Firma. Levi, der selbst aus Turin stammt, gesteht, dass er als Einziger die Anlage oft zu ihrem eigentlichen Zweck benutzte – getrieben nicht von einem Bedürfnis, sondern nur von Heimweh.
Der Erzähler versucht, sich den Honoratioren des Ortes zu entziehen, von denen er zugleich abhängig ist. Sein Bewegungsraum ist rigide festgelegt, seine Ausgehzeiten sind bestimmt, seine Post wird überwacht. Die angesehenen Männer des Dorfes wollen ihn in ihre seit Generationen andauernden Kämpfe hineinziehen. Ruhe findet er ausgerechnet auf dem Friedhof, in der Hitze dieses Malarialandes, in einem vorsorglich ausgehobenen neuen Grab. „In dieser Einsamkeit und Freiheit verbrachte ich ganze Stunden.“
Aus seinen Beobachtungen entwickelt Levi ein eigenes Geschichtsbild. Die Welt dieser Bauern erscheint ihm seit vorrömischer Zeit unverändert. Der geschichtliche Sinn, der einst mit Aeneas in diese Gegend eingedrungen sei, bleibe ihnen fremd. Er denkt darüber nach, dass man eine Geschichte dieses Italien schreiben müsste, wenn es denn möglich sei, die Geschichte von etwas zu schreiben, das sich gar nicht in der Zeit abspielt: die Geschichte des Ewigen und Unveränderlichen, eine Mythologie.
Während eines kurzen Aufenthalts in der Heimat erzählt er Freunden von seinen Erfahrungen. Sie fassen das Problem des Südens seiner Meinung nach zu abstrakt auf. Ihm erscheint die Welt der Bauern unvereinbar mit einem Staat, der den einzelnen Gemeinden nicht sehr viel mehr Selbstständigkeit gewährt. Solange diese Eigenständigkeit fehle, bleibe die Bauernwelt in ständiger Resignation versunken, nur gelegentlich unterbrochen von verzweifelten Aufständen wie denen der Briganten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Am Ende steht Levis politische Folgerung: Es könne nicht der Staat sein, der die Probleme des Südens löse, denn was man das Problem des Südens nenne, sei nichts anderes als das Problem des Staates selbst.
Stil↑
Die Erzählform verbindet den nüchternen Bericht des Verbannten mit dichten Beschreibungen und nachdenklichen Betrachtungen. Levi schreibt in der Ich-Form und stützt sich auf das, was er selbst gesehen und erlebt hat. Aus einzelnen Szenen – dem sinnlosen Pissoir auf dem Dorfplatz, den Stunden im offenen Grab, den Reden der Bauern – gewinnt er größere Bilder für die Lage des ganzen Südens.
Kennzeichnend ist der Wechsel zwischen genauer Beobachtung und weitgespanntem Nachdenken. Immer wieder geht der Text von einer konkreten Beobachtung zu grundsätzlichen Überlegungen über Geschichte, Staat und Gesellschaft über. Die Sprache der Einwohner selbst, etwa ihr Satz über Christus und Eboli, wird aufgenommen und gedeutet. So entsteht ein Buch, das sich zwischen persönlichem Erinnerungsbericht, Landschaftsschilderung und politischem Nachdenken bewegt.
Rezeption↑
Der Roman erschien 1945 im Verlag Einaudi in Turin. Zwei Jahre später kam die deutsche Übersetzung von Helly Hohenemser-Steglich heraus, die später mehrfach neu aufgelegt wurde. Das Werk fand über die italienischen Grenzen hinaus Beachtung und blieb über Jahrzehnte präsent; eine spätere italienische Ausgabe versah man mit einführenden Essays von Italo Calvino und Jean-Paul Sartre.
Wie sehr das Buch nachwirkte, zeigt auch die Verfilmung: Francesco Rosi drehte einen gleichnamigen Film, der 1979 herauskam. Die Rolle des Carlo Levi übernahm darin Gian Maria Volonté.
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