1641
Cinna
Überblick↑
Das Werk Cinna, mit vollständigem Titel Cinna ou la Clémence d'Auguste („Cinna oder die Güte des Augustus"), ist eine Tragödie in fünf Akten von Pierre Corneille. Sie wurde 1641 im Théâtre du Marais in Paris uraufgeführt und 1643 erstmals veröffentlicht. Das Stück führt an den römischen Kaiserhof zur Zeit des Augustus und stellt die Frage, wie ein mächtiger Herrscher mit jenen umgehen soll, die ihm nach dem Leben trachten. Im Mittelpunkt steht die Großzügigkeit des Herrschers, die sogenannte générosité.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Gegen Ende der römischen Bürgerkriege hat Kaiser Augustus über alle seine Feinde gesiegt und steht auf dem Höhepunkt seiner Macht. Doch im Verborgenen wächst der Widerstand. Mehrere Höflinge schmieden eine Verschwörung gegen ihren kaiserlichen Schutzherrn. Treibende Kraft ist Emilia: Sie will den Tod ihres Vaters rächen, den Augustus einst hinrichten ließ. An ihrer Seite steht ihr Geliebter Cinna, ein Enkel des Pompeius, der die Verschwörer anführt.
Ein zweiter Mann jedoch, Maximus, liebt Emilia ebenfalls. Aus dieser verborgenen Eifersucht erwächst eine Gefahr, die das ganze Komplott ins Wanken bringt. Zugleich mahnt Kaiserin Livia ihren Gatten zur Milde. So gerät der Kaiser zwischen die Treue, die er erwartet, und den Hass, der ihm im eigenen engsten Kreis entgegenschlägt. Das Stück steuert auf eine große Entscheidung zu, in der sich zeigt, was wahre Herrschergröße bedeutet.
Die Handlung im Detail↑
Schauplatz ist Rom, am Ende der Bürgerkriege, in denen Augustus einen umfassenden Sieg über all seine Gegner errungen hat. Einige Höflinge zetteln eine Verschwörung gegen den Kaiser an. Emilia, deren Vater C. Toranius einst von Augustus hingerichtet wurde, will auf diese Weise Rache nehmen. Unterstützt wird sie von ihrem Liebhaber Cinna, dem Sohn einer Tochter des Pompeius, der die Verschwörung anführt.
Ein weiterer Verschwörer, Maximus, ist ebenfalls in Emilia verliebt und wird rasend vor Eifersucht. Sein Vertrauter Euphorbus verrät Augustus die Einzelheiten des Komplotts. Kaiserin Livia versucht unterdessen, den Kaiser zur Milde zu bewegen, damit er gerade dadurch seine Größe beweise. Augustus stellt sich zunächst taub und ruft Cinna zu sich.
Als der Kaiser das ganze Ausmaß der Verschwörung erkennt und begreift, dass alle, denen er Liebe und Wertschätzung entgegengebracht hat, ihn mit tödlichem Hass verfolgen, ist er zutiefst erschüttert. In der großen Schlussszene ringt er mit sich, doch am Ende lässt er Gnade vor Recht ergehen. Er beschließt zu verzeihen und alles zu vergessen – und beweist gerade in dieser Milde seine Größe als Herrscher.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als Tragödie in fünf Akten, ganz im Geist der klassischen französischen Bühne des 17. Jahrhunderts. Die Handlung lebt weniger von äußerer Bewegung als von der inneren Auseinandersetzung der Figuren, von Reden, Gewissensfragen und dem Abwägen widerstreitender Pflichten. Alles strebt auf die große Schlussszene zu, in der sich die Entscheidung des Kaisers vollzieht.
Im Mittelpunkt steht für Corneille die Darstellung der Großzügigkeit, der générosité, die sich in der Milde des Augustus gegenüber Cinna zeigt. Der Dichter erläutert dies ausdrücklich in der Widmung an Monsieur de Montoron. Um sein Anliegen zu untermauern, fügt er unmittelbar nach der Widmung den lateinischen Text des Philosophen Seneca, De clementia („Über die Milde"), an.
Rezeption↑
Geschrieben wurde das Stück in einer Zeit politischer Unsicherheit, gegen Ende der Regierungszeit Ludwigs XIII. In ihm spiegeln sich erkennbar die zeitgenössischen Intrigen hochstehender Adeliger wider, insbesondere die sich anbahnende Cabale des Importants gegen Kardinal Richelieu und dessen Politik des zentralistischen Absolutismus.
Wie schon Horace wurde auch Cinna sehr erfolgreich aufgenommen. Der junge Molière nahm das Stück in seinen Spielplan auf. Nach einer Aufführung im Jahr 1659 fügte er die kurze Komödie Die lächerlichen Preziösen hinzu, mit der seine schriftstellerische Laufbahn begann. So blieb das Werk über Corneilles eigene Zeit hinaus auf der Bühne lebendig.
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